Literatur-Tipp: Super, dieser Typ! - DER SPIEGEL
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Literatur-Tipp Super, dieser Typ!

Charme und Unschuld kombiniert mit Härte und Kälte: Der Comic-Autor Robert Kirkman führt ein altes Genre gleichzeitig zurück an seine Wurzeln und in die Moderne.
Von Jörg Böckem
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts haben Comic-Superhelden die Welt erobert und der Popkultur ihren Stempel aufgedrückt. Es begann Ende der dreißiger Jahre mit einem mächtigen Außerirdischen, der seine gigantischen Kräfte in den Dienst der Menschheit stellte. Superman, der erste Comic-Superheld, war edel, moralisch integer, übermächtig, aber auch übermenschlich.

In den sechziger Jahren wurde ein schmächtiger Teenager von einer radioaktiv verstrahlten Spinne gebissen und erhielt phantastische Fähigkeiten. Trotzdem musste er sich mit den üblichen Problemen eines Heranwachsenden herumschlagen.

Mit Spiderman und Co. wurden die Superhelden menschlich. In den Achtzigern und Neunzigern schließlich verloren sie ihre Unschuld, sie gerieten in Konflikt mit der Staatsmacht oder der Gesellschaft, manche wurden zynisch, brutal und amoralisch.

In den vergangenen Jahrzehnten änderten sich die Superhelden-Comics mit den Zeiten und mit den Menschen, nicht immer waren die Veränderungen ein Gewinn. Superhelden waren für Teenager erschaffen worden, aber Generationen sind mit den Heften erwachsen geworden und wollen auch weiterhin adäquat unterhalten werden. Gleichzeitig müssen neue, junge Leser für die Comics begeistert werden. Dieser Spagat stellt Autoren, Zeichner und Verlage oft vor Probleme.

Der amerikanische Autor Robert Kirkman zeigt, wie es geht. Zusammen mit den Zeichnern Cory Walker, Ryan Ottley und Bill Crabtree hat er die Serie "Invincible" erschaffen: Als 17-Jähriger stellt Mark Grayson fest, dass er übermenschliche Kräfte besitzt. Auf diesen Moment hat er gewartet, schließlich ist sein Vater Omni-Man, der mächtigste Superheld der Welt. Mark schlüpft selbst in ein Kostüm und nennt sich Invincible. Kirkmann greift auf Comic-Archetypen zurück: Omni-Man, der von einem anderen Planeten stammt, ist Superman nachempfunden, und Marks stolpernde Gehversuche als Superheld, seine Probleme mit Mädchen und der High School erinnern an Spiderman. Schnell nimmt die Saga Fahrt auf, Omni-Man entpuppt sich als außerirdischer Aggressor, der eine Eroberung der Erde vorbereiten soll. Er meuchelt seine Heldenkollegen, und als sein Sohn sich gegen ihn stellt, prügelt er ihn halbtot und verlässt den Planeten. Marks Leben gerät völlig aus den Fugen, er muss den Verrat und den Verlust des Vaters verkraften und dessen Rolle als Superheld übernehmen. Zudem beginnt sein Studium, er steht zwischen zwei Frauen, und seine Mutter beginnt zu trinken.

"Invincible" ist gleichermaßen nostalgisch wie hochmodern, eine Art Streifzug durch die Geschichte der Comic-Superhelden. Robert Kirkman gelingt es, den Charme und die Unschuld der frühen Jahre wieder zu erwecken, ohne auf die Härte und die Abgründigkeit der jüngeren Vergangenheit zu verzichten. Er erzählt mitreißend, seine Figuren sind komplex. Dynamische Kampfszenen, rasante Grafik, coole Kostüme und vor allem die außergewöhnliche Farbgebung machen "Invincible" zum perfekten modernen Comic.

Dialoge, Plot und Charakterentwicklung erinnern an die besten amerikanischen TV-Serien, das Ganze ist gespickt mit zahlreichen Popkulturreferenzen - also auch beste Unterhaltung für erwachsene Comic-Fans. Gerade ist der dritte Band der bildschönen Ultimate Edition bei Image erschienen, im englischen Original über das Internet zu beziehen.


Robert Kirkman: "Invincible" (Image).