Literatur Trost von Dichtern
Jeden Tag verrinnen einige Minuten, während man auf die U-Bahn wartet, an der roten Ampel steht oder im Stau steckt. Der Blick schweift dabei über bunte Plakate, ohne aber wirklich etwas zu sehen. "In einer Zeit, da einem von allen öffentlichen Wänden der Müll der Reklame ins Gesicht springt, kann Poesie auf Plakaten ein Trost sein", sagt der Dichter Durs Grünbein. "Eine Minute Innehalten, eine Sekunde Erleuchtung im urbanen Strom des Vergessens".
Gedichte statt Heidi Klum im Bikini. Die Literaturhäuser plakatieren im Juli einen Monat lang Lyrik. In Hamburg, Berlin, Frankfurt, München, Köln und Stuttgart werden 14 verschiedene Texte zu entdecken sein, weiße Schrift auf knallrotem Grund, ein bisschen Verführung ist auch hierbei im Spiel. Es ist der dritte Sommer, in dem diese Aktion stattfindet. Diesmal haben sieben deutschsprachige Dichter dazu Kollegen aus dem Ausland eingeladen und reisen für Lesungen auch gemeinsam durch Deutschland: Oskar Pastior und die amerikanische Lyrikerin Rosemarie Waldrop, Peter Waterhouse und der russische Lyriker Michail Eisenberg, Said und der arabische Dichter Adonis, Herta Müller und die rumänische Lyrikerin Nora Iuga, Michael Lentz und Sigitas Parulski aus Litauen, Volker Braun und der Franzose Alain Lance, Uwe Kolbe und die bulgarische Dichterin Mirela Ivanova.
Ihre Poesie erzählt von Zwischenräumen: "Ein einziges Mal, ein letztes Mal / Träume ich, an einen Ort zu schweben", dichtet Adonis. Manche Verse werfen einen neuen Blick auf das Gewohnte: "Mensch Lili dieser Tag ist / schön die Häuser stehen in / der Sonne und knöpfen sich die Hemden auf" (Herta Müller). Gedichte, so sperrig schön, dass man gern ein paar Minuten im Alltag stecken bleibt.
Claudia Voigt
"Literaturhaus bringt Poesie in die Stadt": Zwischen dem 3. und 9. Juli finden in den Literaturhäusern der genannten Städte Veranstaltungen mit den verschiedenen Dichter-Duos statt. Infos unter www.literaturhaeuser.net