Literatur: Unter Druck - DER SPIEGEL
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Literatur Unter Druck

Ist das Buch Vergangenheit? Gehört die Zukunft den E-Books, elektronischen Lesegeräten mit taschenbuchgroßen Bildschirmen? Neun Meinungen.
Von Claudia Voigt und Silja Ukena
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

1.Teil: Der Verleger: "Wir sind Teil einer Revolution."

Helge Malchow sieht ein bisschen zerknittert aus an diesem Montag im September, er hat zu viel zu tun. Erst im Sommer ist der Verlag aus der verwunschenen Altbauvilla, in der die deutsche Popliteratur zu Hause war, direkt an den Kölner Dom gezogen.

Ein neuer Abschnitt. Welche Rolle elektronische Lesegeräte, die E-Books, dabei spielen werden, das weiß man noch nicht. Doch die Zeichen der neuen Zeit sind schon sichtbar: Die schwere Tasche, der leicht schlagseitige Gang, der einst den professionellen Leser auf Reisen kennzeichnete - verschwunden. Der Verleger reist mit leichtem Gepäck. Seit wenigen Wochen werden Fahnen und Manuskripte bei Kiepenheuer & Witsch nur noch auf dem Sony-Reader gelesen. Der Verlag hat diese taschenbuchgroßen, flachen Geräte für seine Mitarbeiter in den USA bestellt, in Deutschland werden sie wohl erst im kommenden Jahr zu kaufen sein.

"Wir sind hier Teil einer Revolution, wie sie vergleichbar zuletzt vor 500 Jahren stattgefunden hat", sagt Malchow. "Seit seiner Erfindung hat sich das Buch als Medium nicht verändert. Alles andere - Buchgestaltung, Vertriebsnetze, Handel - ist darum herumgewachsen. Früher gab es in den Druckereien Setzer, heute wird dort digital gearbeitet, aber am Ende ist bisher immer noch ein Buch dabei herausgekommen. Jetzt verändert sich das Trägermedium, und es wird ganz neue Strukturen geben. Nur: Wie die aussehen, kann in Wahrheit noch niemand sagen." Aber es sei vorstellbar, dass in etwa zehn Jahren die Buchproduktion, wie wir sie heute kennen, um 50 Prozent geschrumpft sein wird.

Er versucht trotzdem, sich keine Sorgen zu machen. "Ein gebundenes Buch ist Ausdruck der Tatsache, dass man etwas für wichtig hält. Es gibt unzählige Manuskripte, im Vergleich dazu schaffen es sehr wenige, gedruckt zu werden. Um diese Auswahl zu treffen, braucht es die Arbeit der Verlage. Daran wird die Form der Veröffentlichung nichts ändern."

Man kann diesen Satz als Feststellung verstehen. Trotzdem schwingt irgendwo ein leises Fragezeichen mit, das eine Ambivalenz ausdrückt, die die gesamte Branche bei dem Thema umfängt: Es ist da auf der einen Seite die Begeisterung für einen wahrhaft ungeheuren technischen Entwicklungssprung; auf der anderen Seite aber das Gefühl, dass diese Entwicklung größer ist als man selbst und die Revolution einen am Ende gar selbst hinwegfegen könnte.


Helge Malchow, 58, Verleger, Kiepenheuer & Witsch (zu 85 Prozent im Besitz des Holtzbrinck-Konzerns)

Der Händler: "Die Rituale des Lesens sind lange eingeübt."

KulturSPIEGEL: Herr Schulte-Loh, den Einbruch der CD-Verkäufe haben Sie im Kulturkaufhaus Dussmann überstanden, auch die Filmabteilung gibt es noch - fühlen Sie sich vom E-Book bedroht?

Hartwig Schulte-Loh: Ach, wissen Sie, diese Diskussionen hat es schon so oft gegeben - als das Fernsehen aufkam, als die CD erfunden wurde, zuletzt beim Hörbuch. Der Buchhandel fühlt sich grundsätzlich immer bedroht von technischen Neuerungen. Aber man muss erst einmal abwarten, was wirklich passiert.

KulturSPIEGEL: Beim E-Book besteht die Gefahr nicht darin, dass weniger gelesen, sondern dass weniger gekauft wird.

Hartwig Schulte-Loh: Illegale Downloads wären in der Tat ein Problem. Die Erfahrungen im Musikmarkt haben ja gezeigt: Digitale Downloads lassen sich nicht mehr kontrollieren. Außerdem gibt es eine eindeutige For-free-Mentalität im Netz, gegen die sind Sie machtlos. Ich mache mir trotzdem keine Sorgen.

KulturSPIEGEL: Warum nicht?

Hartwig Schulte-Loh: Im Moment sehe ich im privaten Bereich keinen Markt für E-Books. Der durchschnittliche Leser gibt im Jahr etwa 60 Euro für Bücher aus. Warum sollte man sich da einen Reader für 300 Euro anschaffen? Außerdem gibt es Rituale des Lesens, die sehr lange eingeübt wurden und deshalb nicht so leicht zu durchbrechen sind.

KulturSPIEGEL: Vielleicht ist das nur eine Frage der Zeit.

Hartwig Schulte-Loh: Gut möglich, dass 7000-Quadratmeter-Läden wie unserer in zehn Jahren nicht mehr existieren. Dafür wird etwas Neues entstehen. Ich kann mir ganz andere Modelle vorstellen. Statt einer Buchhandlung gibt es dann einen Ort, an dem die Leute sich gern aufhalten, wo sie Musik hören, Kaffee trinken - aber eben auch Bücher herunterladen können. Bevor aber nicht klar ist, wohin sich der Markt wirklich entwickelt, ist es vollkommen unsinnig, in irgendwelche Neuerungen zu investieren.


Hartwig Schulte-Loh, 51, Geschäftsführer, Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin

Der Designer: "Die Zukunft bringt raffiniertere Umschläge."

Im Hinterhof einer alten Fabrik in Hamburg-Altona, hinter einer gläsernen Fassade, liegt das Büro "Groothuis, Lohfert, Consorten - Gesellschaft für Formfindung und Sinneswandel mbH", so steht es auf einem Schild neben dem Eingang. Hier werden die Umschläge vieler Romane und Sachbücher gestaltet, der deutschen Titel von Michel Houellebecq etwa oder der Bücher aus dem Berenberg Verlag.

Rainer Groothuis ist Mitinhaber der Agentur, er sitzt an einem langen Arbeitstisch aus Holz und sagt: "Ich bin überzeugt, dass die Menschen ein Bedürfnis haben nach Taktilität, nach Anfassen, denn nur so entsteht letztlich Glaubwürdigkeit und Vertrauen." Von einem großen Erfolg des E-Books wäre seine Branche besonders betroffen, digitale Bücher brauchen keine Umschläge. Groothuis allerdings glaubt daran, dass die gedruckten Bücher in Zukunft noch raffiniertere Umschläge und auffallende Ausstattungen haben werden. "Es gibt genügend Bücher, die auf den Wunsch nach Begehren und Haben-Wollen zielen, Fotobücher und Bildbände, Bilderbücher und gute Romane, die werden selbstverständlich weiterhin gedruckt erscheinen." Weil die Antwort auf das Internet nicht darin liegen kann, dessen Stärken für gedruckte Objekte zu kopieren, kann das E-Book nur eine qualitative Abgrenzung nach oben zur Folge haben, meint Groothuis. "So habe ich bis an mein Lebensende noch eine Menge zu tun."


Rainer Groothuis, 49, Designer und Gestalter von Buch-Covern

Der Manager: "Alles steht und fällt mit der Preisbindung."

KulturSPIEGEL: Herr Ulmer, welche Bedeutung hat eine Buchpreisbindung für das E-Book?

Matthias Ulmer: Der gesamte Markt steht und fällt mit der Preisbindung für E-Books. Amazon verkauft in den USA die Texte für seinen Reader Kindle derzeit unter Einkaufspreis. Das wäre nach deutscher Rechtslage gar nicht erlaubt. Die Buchpreisbindung selbst ist rechtlich allerdings noch nicht eindeutig für E-Books formuliert. In dem Gesetz heißt es, sie gelte für Bücher und ihre Substitute. Wir gehen aber davon aus, dass auf dieser Grundlage die Buchpreisbindung auch für E-Books gelten wird.

KulturSPIEGEL: Mit welchen Gefühlen sehen die Publikumsverlage dem E-Book entgegen?

Matthias Ulmer: Das hängt von der Perspektive ab. Wenn wir nach Amerika blicken, dann muss man sagen: Die Art und Weise, in der Amazon dort den Markt für E-Books bestimmt, ist eine Bedrohung, die in ein Preisdiktat für die Verlage mündet. Das darf hier nicht passieren.

KulturSPIEGEL: Wie viel Zeit bleibt, um das zu verhindern?

Matthias Ulmer: Uns ist bewusst, dass wir rasch handeln müssen. Derzeit arbeiten eigentlich alle Verlage daran, ihre Bücher so bald als möglich als E-Book verfügbar zu machen. Zur Buchmesse in Frankfurt wird außerdem die Internet-Plattform "libreka!" gelauncht, die sowohl Volltextsuche als auch Download-Funktionen bietet. Das ist ein Anfang. Aber ich denke, dass jetzt alles sehr schnell gehen wird. Spätestens zum Weihnachtsgeschäft 2009 rechnen wir mit einem sehr preisgünstigen Lesegerät, so eine Art Lidl-Reader.

KulturSPIEGEL: Das würde den Markt weiter öffnen. Wird damit auch die Gefahr der illegalen Downloads größer?

Matthias Ulmer: Die Verlage werden sich vermutlich auf ein System einigen, das mit Wasserzeichen arbeitet. Jedes verkaufte Exemplar hat dann einen bestimmten Code, durch den sich identifizieren lässt, wer das Buch illegal ins Netz gestellt hat. Es geht darum, die massenweise Verbreitung zu verhindern. Alles andere ist eine Frage der Toleranz. Das ist wie beim Falschparken, solange der Verkehr dadurch nicht aufgehalten wird, kann man damit leben.


Matthias Ulmer, 43, Vorstandsmitglied im Verlegerausschuss im Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Der Agent: "Der Traum der Postmoderne wird wahr."

"Das E-Book wird das gedruckte Buch zwar nicht abschaffen, aber in vielen Teilen ersetzen. Unterhaltungsliteratur etwa, also Bücher, die man nicht unbedingt ins Regal stellen möchte, wird es sicher nicht mehr in gedruckter Form geben. Die amerikanische Top-Ten-Liste für E-Books zeigt diesen Trend deutlich. Dort stehen keine literarischen Titel, sondern nur Unterhaltungsromane. Auf dem deutschsprachigen Markt wird sich das vermutlich ähnlich entwickeln.

Spannend finde ich persönlich auch die Frage, wie sich langfristig Inhalte von Büchern verändern werden. Plötzlich sind ganz neue Textformen vorstellbar. Ein Roman, in dem ein Song eine Rolle spielt, den man parallel zum Lesen hören kann, zum Beispiel; eine animierte Graphic Novel oder das Spiel mit Text und Hypertext. Denn im Grunde macht das E-Book den Traum der Postmoderne wahr - es ist der reine Text."


Michael Gaeb, 35, internationaler Literaturagent

Der Hacker: "Der Branche stehen schlaflose Nächte bevor"

M. hat Philosophie und Geschichte studiert, heute arbeitet er in einem großen Berliner Medienunternehmen. Er trägt gern Pullunder und ist häufig in Bibliotheken und Buchläden anzutreffen. Das könnte sich allerdings ändern. Denn M. hat eine weitere Leidenschaft, er hackt, und das tut er ziemlich gut. "Es wird für die Verlage schwierig werden, E-Books vor illegalen Downloads zu schützen, sobald sie einen von Amazon unabhängigen Weg gehen wollen", sagt er.

Denn was auf der einen Seite als Monopolstellung von Amazon erscheint, ist auf der anderen Seite der einzige Weg, der momentan den Schutz der E-Books gewährleistet. Bei Amazon gekaufte elektronische Bücher können ausschließlich auf dem von Amazon vertriebenen Lesegerät Kindle gelesen werden (das auf dem deutschen Markt noch nicht erhältlich ist), umgekehrt funktioniert der Kindle nur mit Texten von Amazon. Innerhalb eines solchen geschlossenen Systems, das ähnlich funktioniert wie der iPod, sind die E-Books sicher. Alles andere, so M., sei nur eine Frage der Zeit. "Bei Büchern handelt es sich im Vergleich zu Filmen etwa um kleine Dateiformate, die sich sehr leicht herunterladen oder tauschen lassen."

Schon jetzt gibt es von Heideggers "Sein und Zeit" bis hin zu Shakespeares Liebessonetten eine unübersichtliche Fülle von Büchern im Netz, die auch Laien problemlos downloaden können.Wie und woher die Dateien ins Netz gelangen, lässt sich meist nur vermuten. "Dafür muss man kein Hacker sein, es genügt, ein bisschen zu suchen." Eine der größten Seiten für illegale E-Books etwa wird von Russland aus betreut. Der Download selbst aber erfolgt über sogenannte One-Click-Hoster in anderen Ländern. Das sind Anbieter, bei denen man eine Datei unkompliziert und ohne vorherige Anmeldung herunterladen kann. Das ist in etwa so verworren, wie es klingt, und dass es sich um einen Alptraum für Datenschützer und Juristen handelt, ist auch klar.

"Der Buchbranche stehen die schlaflosen Nächte erst noch bevor." Die immer wieder beteuerte Überzeugung etwa, dass Leser "so nicht sind", dass sie "andere Menschen" seien, die sich eben nicht illegal mit Lesestoff versorgen würden, hält M. schlicht für naiv. "Man muss nur in eine ganz normale Uni-Bibliothek gehen. Dort verstauben die gedruckten Lexika im Regal. Für diese Generation ist es selbstverständlich, Texte elektronisch zu lesen." Man kann auch seine Zeitung bald auf einer Art Plastikpapier lesen. In San Diego wurde gerade der Prototyp einer elektronischen Zeitung vorgestellt. "Und wenn die Inhalte für diese Geräte kostenlos zu bekommen sind, werden die Leute sich diese auch besorgen. Es gibt immer Profis, die Wege finden, den Kopierschutz zu umgehen und diese Dinge zu verbreiten."


M., 33, Hacker und Philosoph

Der unabhängige Verleger: "Schnelligkeit und Wendigkeit."

"Vor ein paar Jahren haben wir schon hautnah miterlebt, dass Hörbücher als Downloads im Netz angeboten wurden. Damals kamen Holtzbrinck und Random House und haben versucht, uns als unabhängigen Verlag mit der Hörbuchplattform ,audible' im Netz abzugreifen - ich sage das extra provokant, weil die Konzerne damals den Hörbuchmarkt verschlafen haben und wenigstens im Netz an dem Erfolg partizipieren wollten. Gott sei Dank haben sich damals viele unabhängige Verlage geweigert, Exklusivlizenzen zu vergeben. Wenn man sich nun die Situation bei den Text-Downloads ansieht, gibt es doch einige Parallelen.

Mit dem Lesegerät von Sony und dem Kindle von Amazon haben wir zwei Geräte, die ziemlich komfortabel sind, und jetzt wird es interessant. Die entscheidende Frage lautet: Wie können wir uns als Verlage rechtzeitig in die Nahrungskette integrieren? Denn wir sind ja diejenigen, die die Inhalte produzieren und bereitstellen. Deshalb müssen die Verlage sich jetzt überlegen, wie sie schleunigst gemeinsame technische Standards für Bücher im Netz entwickeln. Das Gefährliche ist, dass man als Verleger zum Hersteller degradiert wird und den Text und die Inhalte los ist, sobald sie im Netz stehen. Ich könnte mir vorstellen, dass unabhängige Verlage ins Gespräch kommen und zusammen eine Plattform für Texte anbieten. Das muss sich nicht gezwungen gegen Amazon richten, aber wichtig ist, dass wir nicht in irgendeinen Flaschenhals gedrückt werden und keine Chance mehr haben, weil uns die Bedingungen diktiert werden. Dieses Thema verlangt nach Schnelligkeit und Wendigkeit im Kopf und der Bereitschaft, diese technische Entwicklung als Möglichkeit zu betrachten. Einen Leser, der meine Bücher auf einem Reader lesen will, werde ich als Verleger sicher nicht ausschließen."


Peter Haag, 48, unabhängiger Verleger, Kein & Aber

Der Schriftsteller: "Wir erleben einen Übergang."

"Es gab vor einigen Jahren bereits schon einmal den Versuch von Bertelsmann, einen E-Reader zu etablieren. Ich bin damals eingeladen worden, das Gerät eine Weile zu testen. Aber das war ein Ziegelstein, den niemand benutzen wollte, und vielleicht war die Zeit auch noch nicht reif dafür. Dass es jetzt anders sein könnte, merkt man an Aussagen, die gar nicht unmittelbar mit dem Buchmarkt zu tun haben: Etwa wenn der Verleger der ,New York Times' sagt, er wisse nicht, ob seine Zeitung in fünf oder zehn Jahren noch auf Papier erscheine, dass ihm das aber auch egal sei. Wenn so jemand so etwas sagt, dann heißt das, wir befinden uns schon in der Übergangsphase. Wir erleben gerade sehr viele solcher Momente des Übergangs, Abschiede von Gegenständen und Gewohnheiten. Aber ich bin da nicht sentimental. Im Gegenteil, mir hat es immer Spaß gemacht, zu beobachten, wie der elektronische Fortschritt mein Verhalten verändert hat. Der Fehler, den die Kulturpessimisten machen, liegt in ihrer Furcht vor dem Verschwinden einer alten Kulturtechnik. Dabei wird der Pool an Möglichkeiten nur vergrößert."


Peter Glaser, 51, Schriftsteller

Der Musikmanager: "Die Kraft des Haptischen, ha, ha ..."

Tim Renner, schmaler Anzug, geringeltes T-Shirt, warmer Händedruck, wenig Zeit. Renner war Chef der Plattenfirma Universal Music Deutschland. Er hat den Einbruch der Plattenindustrie in Deutschland aus nächster Nähe erlebt. "Ich würde der Buchbranche empfehlen, mit dem Pfeifen im Walde aufzuhören", sagt er gleich mal zu Beginn des Gesprächs. Heute leitet Renner das Musikunternehmen Motor, das in einem Loft in Berlin-Mitte sein Büro hat. Zwei riesige Sträuße Mohnblumen als Dekoration, vier Mitarbeiter laufen herum, bei Universal war Renner Chef von rund 500 Leuten. Die dramatischen Veränderungen für das Musikgeschäft hat er kommen sehen, als es möglich wurde, Musikstücke digital zu speichern und zu versenden. Das war Mitte der neunziger Jahre. Aber in den Zentralen der Plattenkonzerne hat man vor dieser Entwicklung die Augen verschlossen. Renner erzählt von einer Tagung der Top-Manager in Vancouver 1994, dort trat ein Wissenschaftler auf, der über die Möglichkeiten des Internet und digitalisierter Musik sprach. Vor ihm seien die Leute reihenweise eingeschlafen, erzählt Renner, später hat sich der Weltboss der Plattenfirma für diesen Vortrag entschuldigt.

Renner ist ein Mann, der schnell und scharf denkt, der druckreif formuliert, und so hat er ein paar präzise Ratschläge für die Buchbranche bereit: Wichtig sei ein vollständiges Angebot der Texte im Internet, Alleingänge einzelner Verlage bringen nichts, weil die Kunden übersichtliche Plattformen wünschen. Zweitens: Schnelligkeit. Sobald ein Text im Verlag lektoriert und abgehakt ist, gehört er ins Internet. Texte, die nicht rechtzeitig offiziell zugänglich sind, werden illegal runtergeladen. Überhaupt: der Kopierschutz? "Bringt gar nichts", sagt Renner. "Nicht umsonst haben von den vier verbliebenen großen Plattenkonzernen heute drei keinen Kopierschutz mehr drauf." Sein Ratschlag: Alle Kraft in die Verbesserung von Möglichkeiten stecken, nicht in Einschränkungen investieren. Deshalb sollte die Buchbranche rasch dafür sorgen, dass Texte und Geräte problemlos kompatibel sind. Und: viele, viele Text-Plattformen gründen. Wenn Amazon allein den Markt beherrsche, könne der Konzern in Deutschland die Bedingungen diktieren.

Aber ist das gedruckte Buch nicht ein Jahrhunderte alter Kulturgegenstand? Da kann Renner nur trocken lachen. "Die Kraft des Haptischen, ha, ha ... Davon war die Musikindustrie auch überzeugt", sagt er. "Natürlich wird das gedruckte Buch nicht völlig verschwinden, gerade erleben auch Vinylplatten bei Liebhabern ein Comeback, aber die Umsätze der Plattenindustrie haben sich in den letzten zehn Jahren fast halbiert, und sie werden sich noch weiter reduzieren." Der Weg sei immer der gleiche: Irgendwelche Nerds, die in dunklen Räumen sitzen und furchtbare Pullover tragen, entwickeln diese Geräte, und am Ende werden es Fashion-Accessoires, die alle haben wollen.



Tim Renner, 43, Musikmanager, Autor des Buchs "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm. Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie"

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