Literatur: "Wer braucht Liebe?" - DER SPIEGEL
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Literatur "Wer braucht Liebe?"

Die Autorin Ulrike Draesner über ihre Suche nach einem altmodischen Gefühl
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Neulich habe ich mir die Frage gestellt, ob in meinem Erzählungsband "Hot Dogs" das Wort Liebe vorkommt. Glück ja, aber Liebe? Wenn ich darüber nachdenke, erscheinen als Erstes Werbebilder in meinem Kopf, sie sind besonders paradox, denn auf ihnen sehen wir immer das Glück, das uns fehlt. Es wird gern über all das geschwiegen, was nicht ins Image passt - aber es ist da, drängt und schiebt im Inneren: Bleibt man allein? Gibt es Nähe, Vertrautheit, Liebe? Wer braucht noch Liebe? Welchen Preis bezahlt man dafür?

Ich gebe die Stammsilbe "lieb" als Suchbegriff in meinen Text ein, mal sehen, was kommt. "Verlieben" steht hier, in der Titelgeschichte "Hot Dogs", allerdings heißt der Satz "Es war nicht besonders männlich, sich in einen Hund zu verlieben". Zählt das? Die Liebe zu Haustieren ist ja gemeinhin unkomplizierter als die zu Menschen. Dann erscheint das Wort Liebe in "Anna selbzwei", der Geschichte über eine Frau, die sich künstlich befruchten lässt, weil sie nicht schwanger wird von ihrem Freund. Er weiß davon, stellt aber seine Anna nicht zur Rede. "Das wird dann die Liebe gewesen sein", denkt er. Da ist jemand bereit, auf einen Teil seines Egos zu verzichten. Gerade das gehört zur Liebe, in einem positiven, wenn auch nicht leicht zu lebenden Aspekt. Und dann stolpert die große Liebe Eriks in der Geschichte "Noras Geschenk" über die Bühne. Am Ende hält er ein Geschenk in Händen, doch was er daraus macht, bleibt offen. Schließlich das Geschwisterpaar in "Zucken und Zwinkern", die beiden dürfen sich zwar nicht lieben, tun es aber und nehmen einiges dafür in Kauf.

Die unmittelbarste Antwort auf die Frage nach der Liebe allerdings gibt die Erzählung "Der Läufer wird im Winter gemacht" um eine DDR-Sportlerin. Das Enkelkind sucht nach dem Erfolgsgeheimnis der Großmutter, die oft auf Eis trainierte, weil sie es liebte, wie ihr Gesicht sich darin auflöste und zersplitterte. "Weil man etwas lieben muss, um es gut zu machen." Liebe also zu einer Sache und darin zum eigenen Leben. Vielleicht ist das die Antwort: so lieben, dass das Ich klein wird, unwichtig - und sich erfüllt. Und dann ist da eine Liebe, die als Wort im Text nicht auftaucht, ihn aber trägt: Liebe zu den Figuren, zum Erzählen."


Ulrike Draesner: "Hot Dogs". Luchterhand, München; 192 Seiten; 19 Euro.