Literaturstreit Walser will sich nicht versöhnen
München - Walser, dessen neuer Roman "Der Augenblick der Liebe" in dieser Woche erscheint, war vor zwei Jahren vorgeworfen worden, er bediene in seinem Buch "Tod eines Kritikers" antisemitische Klischees. "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher hatte den Roman in einem offenen Brief als "ein Dokument des Hasses" kritisiert und einen Vorabdruck abgelehnt, was eine wochenlange erhitzte Feuilleton-Debatte ausgelöst hatte. Der Roman gilt als Abrechnung Walsers mit Marcel Reich-Ranicki, dem früheren Literatur-Chef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".
Walser erklärte nun im Interview mit der Zeitschrift "Bunte", für ihn sei heute immer noch unbegreiflich, was damals passiert sei: "Es war ein Schlag, der dich außer Kraft setzt. Das kann jederzeit wieder passieren. Der Mächtige muss dir gegenüber seine Aktionen nicht rechtfertigen. Er macht das öffentlich, und du musst es dir gefallen lassen."
Zum Glück hätten seinerzeit aber immer mehr Intellektuelle seine Partei ergriffen, sagte Walser. So hatte etwa Nobelpreisträger Günter Grass, allerdings nicht unbedingt ein Freund Reich-Ranickis, dem "FAZ"-Herausgeber versuchten Rufmord vorgeworfen und erklärt, dass Buch enthalte "keine einzige antisemitische Zeile".
Den ersten Schritt zu Aussöhnung mit seinen Kontrahenten will Walser indes nicht wagen: "Ich würde nie im Stande sein, so etwas vorzuschlagen, weil ich mich nicht dem Verdacht aussetzen möchte, etwas zu manipulieren, was von selbst nicht geschähe", zitiert die Zeitschrift Walser. Er könne nur akzeptieren, "was ohne mein Zutun geschieht".
Auf sein Alter angesprochen und auf die Frage, mit wem er sich noch versöhnen wolle, bevor es zu spät sei, antwortete der Schriftsteller: "Ich habe keinen, mit dem ich mich versöhnen müsste, bevor es zu spät ist. Weil ich mich, und das meine ich wirklich, mit keinem Menschen auf dieser Welt uneins finde, ganz egal, was passiert ist". Im Streit um "Tod eines Kritikers" hatte Walser den Suhrkamp Verlag nach Jahrzehnten verlassen und war zu Rowohlt gewechselt.