"Louse": Kafka auf Eis - DER SPIEGEL
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"Louse" Kafka auf Eis

In seinem Debütroman "Louse" schildert der New Yorker Autor David Grand die viren- und geschichtsfreie Existenz eines Angestellten in einem inszenierten Alptraum
Von Jan Voelker
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf die Mahnungen hin, dass unsere Zeit die Gefahr in sich berge, ein Orwellsches "1984" wirklich werden zu lassen, lässt sich nur schwer ein Gähnen unterdrücken. Nein, um die verborgene Angst vor der totalen Überwachung und Programmierung auszuloten oder eben auch für einen Roman auszubeuten, muss man besser sein. Und David Grand ist besser. Liest man seine Geschichte von Herman Q. Louse, begreift man schnell, dass die allgemeine Unbehaglichkeit, die das Jetzt mit sich bringt, viel näher an Kafka liegt.

"Louse" ist die Geschichte einer aseptischen Welt, in der jedes Taschentuch sogleich in einem Verbrennungsschacht verschwindet. Eine Geschichte, in der die Räume den Menschen gleichen: Alle scheinen ähnlich zu sein, sind dann aber doch ganz unüberschaubar mit anderen - Räumen oder Menschen - verknüpft. Louse selbst ist ein kleiner Bediensteter in dieser riesigen artifiziellen Welt, die "das Paradies" oder "Zufluchtstadt G." heißt. Ein Imperium. Mit viel Geld der Wüste aufgezwungen, allein dazu entworfen, die Paranoia eines alternden schwerreichen Mannes zu verbergen. Dies ist der langsam sterbende Tycoon Herbert Horatio Blackwell, der an die Gestalt des mythenumwobenen amerikanischen Filmproduzenten und Multimilliardärs Howard Hughes angelehnt ist. Louse ist sein medizinischer Helfer und unfreiwilliger Vertrauter. Seine private Geschichte hat Louse verloren: Spritzen, die er sich täglich setzen muss, lassen ihn arbeiten wie alle anderen. Ohne ein Wissen um sich selbst, bis hin zur Ohnmacht und möglichst über sie hinaus. Dann wird er in eine Verschwörung verwickelt, die das gesamte System untergräbt. Aber so einfach ist es alles nicht. Das Wissen einzelner überlappt das anderer, wie sich die Erinnerungen überlappen, als Louse langsam das Gedächtnis zurückkommt. Ist die Verschwörung gar nur inszeniert, um die Sicherheit zu testen?

Der Leser wird von Grand durch ein unüberschaubares Netzwerk geführt. Der vollkommene Überblick wird einem bis zum Schluss nicht gewährt. Zwar verbinden sich die meisten der Fäden, das Misstrauen aber bleibt. Es ist ein Unbehagen, das von David Grand grandios inszeniert wird. Er injiziert es dem Leser. Langsam, über die Auslassungen, mit denen Grand spielt. Sauber und kühl, wie er seine Sprache einsetzt. So sauber und kühl wie Herman Q. Louse dem besessen virenscheuen Blackwell mit Mundschutz und Latexhandschuhen eine Spritze in die Vene schiebt. Ein Hauch von Desinfektionsmittel hängt über dem Text. Selbst Brutalität wird zu einem klinisch ordentlich organisierten Vorgang. Es könnte sich um einen Film handeln, wohlmöglich einen von Blackwells Filmen selbst, die er sich nachts anschaut - allein, entrückt und alt.

Die Geschichte wird so präsentiert, wie man sich vielleicht Drogen auf Eis vorstellen müsste. Zwar werden dann manchmal die Sinne auch etwas stumpf dafür, dass eine Notwendigkeit der Geschichte und auch ihrer Auflösung sich nicht wirklich zeigt. Aber Grand ist konsequent allen Chancen zu Langatmigkeit und moralinsaurer Schwere ausgewichen. Statt dessen schafft es der New Yorker, den Leser in einen Kokon einzuweben und damit ein spannendes Stück Literatur hinzulegen.

David Grand: "Louse". Tropen-Verlag; Köln 2000; 38 Mark