Malgorzata Saramonowicz: Kakerlaken und komische Theorien - DER SPIEGEL
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Malgorzata Saramonowicz Kakerlaken und komische Theorien

Insekten statt Techno: Das neue Fräuleinwunder der polnischen Literatur heißt Malgorzata Saramonowicz. Ihr düsteres Erstlingswerk trägt den Titel "Die Schwester".
Von Simone Kaempf
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Um als Popautor durchzugehen, reicht es mitunter aus, als Frontberichterstatter vom guten Lebensgefühl aufzutreten. Durchtanzte Nächte, schnelle Triebbefriedigung und vergebliche Sinnsuche zwischen die Zeilen gestreut - und schon ist einem die Aufmerksamkeit sicher. Dass wahre Erfolge jedoch auch von jenen Autoren gefeiert werden, die ohne viel Windmacherei, sondern mit Stille und genauen Beobachtungen auskommen, dafür ist wohl Judith Hermanns Erzählband "Sommerhaus, später" immer noch das beste Beispiel. Eine ähnliche Karriere hat in Polen die Autorin Malgorzata Saramonowicz, 36, hinter sich, die wie Hermann ihre schreiberische Karriere als Journalistin begonnen hat. Die erste Auflage ihres Debütromans war bereits nach vier Tagen ausverkauft.

Dabei streift "Die Schwester" nicht einmal ansatzweise die große Frage, wie der junge Mensch im Zeitalter von Pop und Techno so lebt. Im Gegenteil: Das Buch ist ein Thriller, der sich immer tiefer in den menschlichen Abgründen verfängt und im Finale noch die Grundwerte christlichen Glaubens auf den Kopf stellt.

Man betritt Saramonowicz' Erzählwelt in einem Warschauer Krankenhauszimmer. Die schwangere junge Maria ist aus unerklärlichen Gründen ins Koma gefallen. Die Ärzte sind ratlos, ihr Mann Jakub forscht, auf sich gestellt, nach den Ursachen der plötzlichen Krankheit. Nur langsam will er wahrhaben, dass die Schuld für die Katastrophe böse Erlebnisse in ihrer Kindheit sein könnten, die sie vor ihm verschwiegen hat. Ein Puzzlestück nach dem anderen sucht er tastend zusammen. In dieser Suche kommt als zweite Erzählstimme Maria zu Wort, die verzweifelt ihr Seelenleid aus dem Koma wispert.

Das liest sich eine Weile sehr spannend und entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann - selbst dann nicht, wenn man begreift, dass die dritte, immer wieder ertönende Erzählstimme eines "Ritters in schwarzer Rüstung" die einer Kakerlake ist. Maria leidet eigentlich unter extremer Angst vor dem ekligen Getier, hat aber, ohne Jakub davon zu erzählen, das Thema ihrer literaturwissenschaftlichen Doktorarbeit geändert und statt Casanova und Cagliostro die "Insektenmotive in Literatur und Kunst" zum Objekt ihrer Studien gemacht. Selbst dieses Abstrusum ist noch sehr glaubhaft, Gregor Samsa aus Kafkas Erzählung "Die Verwandlung" wird zitiert.

Doch spätestens, als es heißt, dass sich Samsa in einen Käfer verwandelt, weil es ihm unmöglich war, seine Schwester beizuschlafen, da ist auch Marias Rätsel klar. Am Missbrauch durch den Bruder liegt es.

Wo das Geheimnis gelüftet ist, wird im letzten Drittel des Buchs mit seltsamen Theorien zu Käfern und Kakerlaken noch einmal die göttliche Ordnung neu aufgestellt. Die Kakerlake ist eine Art Rache-Instrument für den Fluch, den Gott mit der Vertreibung aus dem Paradies über die Menschen gebracht hat. Die Käfer fungieren als dunkle Macht, die den Tod über leidende Menschen, über Gottes Geschöpfe, bringt. Ein bedauerliches Ende des Romans. Und schlechte Aussichten, das Fegefeuer zu löschen. Aber man muss schon ein recht ängstlicher Katholik sein, um solche Phantasien über dunkle Mächte gierig lesen zu wollen.

Malgorzata Saramonowicz: "Die Schwester". Rotbuch Verlag, Hamburg; 184 Seiten; 36 Mark