Marcel Beyer: Die ausgelöschte Großmutter - DER SPIEGEL
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Marcel Beyer Die ausgelöschte Großmutter

Mit dem Roman "Menschenfleisch" wurde der Autor Marcel Beyer bekannt. In seinem neuen Buch "Spione" geht es um das Geheimnis eines Familienmitgliedes.
Von Simone Kaempf
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine Großmutter, deren Porträt im Familienalbum eingeklebt ist, fällt niemandem auf. Die Neugier wird erst dann geweckt, wenn Bilder herausgerissen sind. Die vier Jugendlichen in dem Roman "Spione" entdecken beim Spielen ein vergilbtes Fotoalbum. Es zeigt den Großvater als ordenbehängten Wehrmachtsoffizier, doch auf vielen Fotos fehlt die Hälfte. Dort, wo die Großmutter hätte stehen sollen, ist nicht mehr übrig als ein Arm am Rande eines Fotos.

Die Familie schweigt darüber, und so beginnen die Heranwachsenden, sich ihre eigenen Bilder auszumalen und dem Geheimnis in ihrer Phantasie auf den Grund zu gehen. Ob die Großmutter wirklich eine Opernsängerin gewesen ist? Ob sie wirklich die Italieneraugen hatte, die sie in ihren eigenen Gesichtern entdecken. "Gewiss", sagen die Kinder, die im Laufe der Zeit immer älter werden, aber von ihrer Spurensuche nicht lassen können. Jedenfalls nicht der Ich-Erzähler, der, wie der Autor selbst, dem Jahrgang 1965 angehört.

Der in Köln geborene Beyer wurde mit dem fulminanten Roman "Menschenfleisch" (1991) bekannt, in dem er seine Protagonisten nur durch ihre Sprache ein Liebesverhältnis eingehen lässt. Noch überraschender war jedoch "Flughunde" (1995). Die Kontur des Dritten Reichs schaffte Beyer durch Stimmen, Töne und Geräusche kunstvoll auszumalen, in dem er den Akustiker Hermann Karnau und die älteste Tochter Joseph Goebbels zusammentreffen ließ. Auch in "Spione" ist das Ausgangsbild wieder konkrete Historie, der Luftangriff auf Guernica, an dem der Großvater beteiligt ist. Das Geheimnis um den Großvater und die auf den Fotos ausgelöschte Großmutter ist eine Collage aus wunden Punkten und weißen Flächen. Der Ich-Erzähler versucht, dieses Rätsel zu lösen. Doch die immer neuen Perspektiven, Ideen und Gedanken haben den Effekt, dass sich wieder neue doppelte Böden öffnen. Was in der Familie passiert, ist weit entfernt und nah zugleich - wie der Blick durch einen Türspion.

Am Ende ist die Familie zerbrochen. Die Geheimnisse bleiben trotz der Fabuliererei im Verborgenen. Selbst dem Ich-Erzähler ist die Lust auf Gewissheit genommen. Der Leser kann sich über den blinden Fleck in der Familiengeschichte nach der Lektüre so klug wähnen wie zuvor. Was bleibt, ist der Genuss der ungeheuren Sprachwucht von Marcel Beyer, der schon für "Menschenfleisch" zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen wurde. Der Naivität vieler deutscher Jung-Literaten, die sich mit ihrer Sprache knapp unter der Alltagsgrenze bewegen, setzt Beyer mit Nachdruck ein neues Sprachbewusstsein entgegen.

Marcel Beyer: "Spione". DuMont; Köln; 350 Seiten; 39,80 Mark

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