Argentinien-Roman "Die Ewigen" Leben im Schatten des Todes
Schriftsteller Martín Caparrós: Kluger Entwicklungsroman "Die Ewigen"
Foto: GuyotDie schönste Zeit seines Lebens, sagt Nito, sei die im Bauch seiner Mutter gewesen. Neun Monate, eingeschlossen in Blut und Wasser - und doch voller Möglichkeiten. Junge oder Mädchen? Quälgeist oder Charmeur? Helles Köpfchen oder dumpfes Gemüt? Er habe seine Umgebung, vor allem seine Eltern, nie wieder so sehr beschäftigt. Nach seiner Geburt habe er sie mit jedem Tag nur ein Stück mehr desillusioniert. Jeden Tag habe er ihnen gezeigt, was alles nicht aus ihm werden würde.
Folgt man dieser düsteren Einschätzung, dann ist Martín Caparrós' Roman "Die Ewigen" eine einzige Enttäuschung. Denn er erzählt die Lebensgeschichte Nitos. So wie dessen Eltern, so nimmt er auch dem Leser nach und nach das Ungewisse, lässt ihn verfolgen, wie aus einem unselbstständigen Fötus ein zynischer Charakter wird.
Nito - mit vollem Namen Juan Domingo Remondo - kommt am 1. Juli 1974 in Buenos Aires zur Welt. Genau an dem Tag, an dem der argentinische Präsident Juan Perón stirbt. Draußen trauert das Volk um den populären Staatschef, drinnen im Krankenhaus gibt Nito die ersten Lebenszeichen von sich. Eine Todesnähe, die den Neugeborenen sein Leben lang verfolgt.
Roman aus einer grausamen Zeit
Der argentinische Autor Martín Caparrós lässt seinen Protagonisten Nito aus der Ich-Perspektive erzählen, wie er aufwächst und ständig über die Grenzen des Lebens hinaus grübelt. Er fantasiert über die Umstände seiner eigenen Zeugung und fragt sich, wo sein Vater geblieben ist. "Eierkopf ohne Papa ist ganz allein, niemand will mehr bei ihm sein", rufen ihm seine Mitschüler auf dem Pausenhof hinterher, weil er mit seiner Mutter und ihrem neuen Freund Beto aufwächst. Lebt sein leiblicher Vater woanders? Oder ist er tot? Hat ihn etwa die Militärjunta beseitigt? Seine Mutter lässt ihn darüber sehr lange im Unklaren.
"Die Ewigen" ist ein faszinierender, kluger Entwicklungsroman, in dessen Hintergrund sich eine blutig umkämpfte Phase argentinischer Geschichte abspielt. Der populistische Präsident Perón. Das ultranationalistische Militärregime. Falklandkrieg. Demokratisierung. Eine bedrückende, oft grausame Zeit, das lässt einen Martín Caparrós nachempfinden. Der heute 57 Jahre alte Schriftsteller floh 1976 ins französische Exil, als sich die Militärs an die Macht putschten.
Caparrós ist ein geschickter Fährtenleger, gesegnet mit einem einzigartigen Schreibstil. Um das zu erkennen, reicht es, nur einige seiner Romanseiten laut zu lesen: Der Wechsel von knappen, derben und langen, verschachtelten Sätzen ist zwar zunächst gewöhnungsbedürftig. Schnappatmung droht. Aber schon nach kurzer Zeit ergibt sich ein wundervoll rhythmisierter Klang.
Nito behauptet, sein Leben sei seit seiner Geburt immer langweiliger geworden. Dem Leser erscheint es immer interessanter, mit jeder Seite ein Stück mehr. Er kann sich Nito immer besser vorstellen: den beinahe autistischen Jungen, der langsam zu merken beginnt, welche Macht er ausüben kann, wenn er auch seine Mitmenschen mit dem Tod konfrontiert. Nito redet so eindrücklich vom Sterben, dass er sie manipulieren kann.
Die Gabe bleibt nicht unentdeckt: Ein ehrgeiziger Priester will sie sich zunutze machen, um seinen Gemeindemitgliedern Gottesfurcht zu lehren.