Jugendbuch-Hit Je älter man wird, desto schwieriger ist es, glücklich zu sein
Nur keine Ungeduld - gleich wird es um so Sensationelles gehen wie einen Schüler mit Waffe im Rucksack, um einen geplanten Doppel-Mord-Selbstmord und ein großartiges Buch für junge Erwachsene.
Doch vorher soll es noch schnell um die drei Dinge gehen, die man über den Autoren dieses Buches wissen sollte: Er heißt Matthew Quick. Er ist berühmt geworden mit seinem Debüt "Silver Linings", dessen Verfilmung der Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence den Oscar einbrachte. Sein Geburtstag ist der 23. Oktober 1973. Und wer das für eine vollkommen überflüssige Information über einen Menschen hält, hat nur noch nicht Quicks neustes Buch "Happy Birthday, Leonard Peacock" gelesen, womit wir schon bei dem Schüler mit der Waffe im Rucksack, dem geplanten Doppel-Mord-Selbstmord und vor allem bei dem großartigen Buch wären.
Es heißt "Happy Birthday, Leonard Peacock" und spielt an einem einzigen Tag - und zwar an Leonard Peacocks 18. Geburtstag, den allerdings alle vergessen haben. Ganz besonders sein drogensüchtiger Ex-Rockstar-Vater, der sich vor Jahren schon nach Südamerika abgesetzt hat, und seine selbstsüchtige Ex-Model-Mutter, die häufiger in ihrer Zweitwohnung in New York ist als bei ihrem Sohn.
Hoffen auf den Atomkrieg
An diesem Tag dreht Leonard Peacock durch. Er schneidet seine langen Haare ab und hinterlässt sie als Geschenk für seine Mutter im Kühlschrank. Dann packt er vier echte Geschenke ein, die er an die vier Menschen übergeben will, die ihm etwas bedeutet haben. Das sind: ein ketterauchender, alter Cineast, der im Nachbarhaus wohnt und mit dem sich Leonard Peacock in Filmzitaten unterhält; ein iranischer Geigenvirtuose, mit dem Leonard Peacock in den letzten Jahren sämtliche Schulmittagspausen verbracht hat; eine fundamentalistische Christin mit Filmstar-Ausstrahlung, die am Bahnhof missioniert, um verlorene Seelen wie die von Leonard Peacock zu retten und an die er in Folge sein Herz verliert; und sein vom Holocaust besessener Geschichtslehrer, der seinen Schülern beibringen möchte, was für eine gute Sache es sein kann, anders als die anderen zu sein und der sein eigenes Geheimnis hat, das ihn stets langärmlige Hemden tragen lässt.
Außerdem packt Leonard Peacock eine Waffe ein. Denn sobald er alle vier Geschenke übergeben hat, will er seinen früheren besten Freund und jetzigen Erzfeind erschießen. Und danach sich selbst.
Matthew Quick hat sich in den USA inzwischen in die erste Liga der Jugendbuchschriftsteller geschrieben. Quick verfügt wie David Levithan oder John Green über die Gabe, mit jener Sorte authentischer, jungen Ich-Erzählstimme zu schreiben, die den Leser vom ersten Satz an in den Kopf der Helden bannt. Dazu kommen in "Happy Birthday, Leonard Peacock" noch eingestreute Briefe aus der Zukunft, die sich Leonard Peacock selbst geschrieben hat, und die dem Buch eine zweite, fantastische, verspielte Ebene verschaffen. Denn Leonard Peacock stellt sich sein zukünftiges Ich als einen der wenigen Überlebenden eines Atomkriegs vor, der mit Frau, Tochter, Schwiegervater und zahmen Delfin in einem Leuchtturm lebt und regelmäßig in die überschwemmte alte Welt hinabtaucht.
Doch anders als bei John Green, in dessen Büchern die Welt noch in den schlimmsten Situationen als wunderschöner und lebenswerter Ort erscheint, schreibt Quick über die Verkorksten, und für die, denen die Welt kaputt erscheint. Seine Helden sind verlässlich depressiv oder frisch aus der Psychiatrie entlassen oder einfach lebensunfähige Muttersöhnchen. Leonard Peacock hat die Angewohnheit, an manchen Tagen die Schule zu schwänzen, seinen einzigen Anzug anzuziehen, und mit all den halbtot aussehenden Workaholics in der Bahn in die Stadt zu fahren und einem von ihnen ins Büro zu folgen.
Leonard Peacocks Theorie: Je älter man wird, desto schwieriger wird es, glücklich zu sein. Selbstverständlich tut keines seiner Untersuchungsobjekte jemals etwas, um seine Theorie zu widerlegen. Matthew Quick geht es in seinen Geschichten nicht darum, seinen Helden oder seinen Lesern zu beweisen, dass die Welt doch schön ist. Das ist nur ein Nebeneffekt: Weil eine Welt, in der es solche Bücher gibt, nicht wirklich schlecht sein kann.
Matthew Quick: Happy Birthday, Leonard Peacock. Aus dem Amerikanischen von Knut Krüger. Deutscher Taschenbuch Verlag; 300 Seiten; 13,95 Euro.