Schicksal Alzheimer Nichts ist unerbittlicher als die eigene DNA
Romancier Matthew Thomas: Eine Laune der Natur
Foto: Philippe Matsas/ OpaleSicher, es gibt berührende Szenen in diesem Roman. Momente des Wiedererkennens, des Angefasst-Seins, der Wahrheit. "Wir sind nicht wir", ein in Amerika bei Erscheinen mit viel Lob bedachtes und nun auf Deutsch erscheinendes Buch, ist ein klassischer Familienroman. Also eines der Bücher, die es leicht haben, beim Leser zu verfangen. Familie, das sind wir alle.
Allerdings macht es sich Matthew Thomas, geboren 1975 in New York City, mit seinem Debütroman zu einfach: Sein "Wir sind nicht wir" ist die Geburt der Passionsgeschichte aus dem Familienepos in maximaler Überlänge.
Auf fast 900 Seiten erzählt Thomas die Geschichte von Edmund Leary, des früh mit Anfang 50 an Demenz erkrankenden Hochschullehrers, die seiner Frau, der Krankenschwester Eileen, und die des gemeinsamen Sohns Connell. Es ist eine Geschichte, die einen Bogen spannt von den Fünfzigerjahren in die Gegenwart, die von den irischen Vorfahren handelt, dem Aufstieg in die Mittelschicht, dem festen Willen, es zu etwas zu bringen und, tja, den Traum zu leben, den sie den amerikanischen nennen.
Abbildung eines langsamen Verfalls
Aber das Leben ist gerade in New York, wo "Wir sind nicht wir" spielt, eines der härtesten. Und so bricht das Schicksal unbarmherzig über die Learys hinein. Unversehens wird aus der Ehe-Erzählung eine Krankengeschichte, die Thomas, dessen narratives Programm vor allem aus Dialogen und filmischen Einstellungen besteht, mit großer Geduld und große Geduld erfordernd abspult.
Es ist ein hemmungsloses Erzählen, das einem in diesem Roman begegnet: Keine Verdichtung, nirgends, nur ein Staunen machendes Beharren auf der Annahme, dass ein neuer Naturalismus sich am besten in einer enormen Anhäufung von Ereignissen äußert, die den langsamen Verfall eines Mannes originalgetreu abbildet.
Nicht, dass hier einem Autor ein ungewolltes erzählökonomisches Fiasko unterlaufen würde - er verfolgt sein Ziel konsequent und sehr genau. Nämlich zu beschreiben, wie langsam es Eileen dämmert, dass ihrem Mann die Erinnerungen abhanden kommen; wie hoffnungslos das Unterfangen des Sohnes ist, sich von seinem Vater zu distanzieren.
Der kühle Blick auf eine Laune der Natur
Gewissermaßen ist "Wir sind nicht wir" die Zuspitzung von "Die Korrekturen", jenem legendären Buch, mit dem Jonathan Franzen einst den Familienroman renovierte. War dort der an Alzheimer erkrankte Familienpatriarch Alfred neben den drei Kindern und der Ehefrau nur eine Figur unter vielen, konzentriert sich die Handlung bei Thomas vor allem auf Edmund Leary.
Während sich dessen Gedächtnis zu leeren beginnt, sucht seine Frau Eileen nach einer geräumigeren Bleibe für die Familie. Sie ist getrieben von dem Wunsch, mehr zu erreichen als die vorherige Generation - und ist damit ein Gegengewicht zu Edmund, der die Machtlosigkeit des Individuums symbolisiert. Nichts ist unerbittlicher als die eigene DNA.
Niemand wüsste das besser als der Autor Matthew Thomas: Er erzählt in "Wir sind nicht wir" die Geschichte seines eigenen Vaters, der an Alzheimer erkrankte und 2002 starb.
Geschildert wird das Geschehen aus der Sicht von Eileen und Connell. Das beherzte Filtern der Empfindungen und Gedanken durch das Bewusstsein einer liebenden Person, die genauso vom biografischen Bombeneinschlag getroffen ist wie der Erkrankte selbst, mündet bei Thomas in bisweilen geradezu banalen Sätzen: "Es musste schrecklich für ihn sein, wie ihm alles entglitt." Oder auch: "Irgendwann würde Eileen ihn pflegen müssen. Hoffentlich nicht zu bald."
So frappierend es ist, wie wenig stilistischen Ehrgeiz der Autor Matthew Thomas insgesamt aufbringt, so ergreifend sind die Situationen der Hingabe und Verzweiflung, die sich immer wieder abspielen, weil ein Mann im besten Alter immer weiter auf den Entwicklungsstatus eines Kleinkindes regrediert: "dass solch ein produktiver Geist einem perversen biologischen Unfall wie diesem zum Opfer fallen sollte".
Manchmal missrät eine Szene auch zu purem Kitsch. Aber es überwiegt der am Ende manchmal sogar kühle Blick auf all das, was eine Laune der Natur mit sich bringt; es überwiegt der oft auch subtile und zärtliche Blick auf Familienverhältnisse, die ins Wanken geraten. Denn wie sehr die Krankheit die finanzielle Sicherheit einer Mittelstandsfamilie in Amerika bedroht, beschreibt Thomas so ausführlich wie beinah alles andere: die Treffen mit den überforderten Freunden des Ehepaars, das Renommiergehabe Eileens, die Ausfallerscheinungen Eds.
Einzig den - erzählerisch gewagten - Blick in Eds zerfallendes Selbst versagt Thomas sich. Diese Art von Erzähler ist er nicht, kann und will er wohl auch gar nicht sein. Weil er über den eigenen Vater schreibt.
Matthew Thomas:
Wir sind nicht wir
Übersetzt von Astrid Becker und Karin Betz.
Berlin Verlag; 896 Seiten; 24,99 Euro.