Memoiren: Dagoberts Plusquamperfekt - DER SPIEGEL
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Memoiren Dagoberts Plusquamperfekt

Arno Funke wurde als gewitzter Kaufhauserpresser und phantasievoller Bastler berühmt. Seine Memoiren, geschrieben im Gefängnis, offenbaren einen ganz anderen Menschen.
Von Nico Graf
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der eine ist sehr krank weil völlig überarbeitet, redet nicht mit der Presse, ist zuhause und niemand weiß, wann er wieder ins Präsidium kann. Der andere scheint topfit zu sein, veröffentlicht seine Memoiren, gibt Interviews und zeichnet Karikaturen für ein Satiremagazin.

Der eine war der Jäger - Michael Daleki, jahrelang gehänselter Enten-Fahnder. Der andere war der Gejagte - Dagobert, der Karstadt-Erpresser. Im April 1994 erwischte der eine den anderen und sagte: "Jetzt ist Dagobert wieder da, wo er hingehört, nämlich im Comic-Heft und das ist auch gut so." Da war Dagobert im Comic, Arno Funke im Knast und Daleki der berühmteste Polizist Hamburgs. Jetzt aber - wiedergeboren wie die Ente aus der Asche - ist Dagobert erneut da, während Michael Daleki abgetaucht ist: Dagobert hat eine Autobiographie geschrieben. Darin kann man lesen, daß es zu der Karstadterpressung nie hätte kommen dürfen.

Denn 1988 wäre er fast erwischt worden, als er das KaDeWe um eine halbe Million Mark erpreßt hatte. Das Geld ließ er sich aus einem Zug herauswerfen. Kinder hatten ihn beobachtet, als er mit dem Geldpaket wegging. Funke hatte die Geldübergabe ganz in der Nähe der Autowerkstatt organisiert, in der er als Lackierer arbeitete. Und prompt erschien die Polizei mit einem Phantombild in der Werkstatt. Funke konnte einen Blick darauf werfen und versteckte sich schnell - das Phantombild schien ihm doch sehr gelungen. Doch seine Kollegen erkannten ihn nicht und den Fragen seiner Ex-Freundin konnte er ausweichen. Vier Jahre später die Karstadt-Erpressung, als Funke - völlig down und arbeitsunfähig - das KaDeWe-Geld aufgebraucht hatte.

Dagoberts Memoiren lesen sich zum größten Teil wie ein Plädoyer in eigener Sache. Mildernde Umstände klagt er ein: die Lösungsmittel in der Lackiererei hätten seine Gehirnfunktion beeinträchtigt. "Matschbirne" nennt er seine grauen Zellen und gebetsmühlenartig wiederholt er die Wörter "depressiv, müde, ausgelaugt, schlapp, benommen" - als müsse er seine Leser, seine Richter, vier Jahre nach seiner Festnahme von seiner partiellen Schuldunfähigkeit überzeugen.

Arno Funke bekommt die beiden Hauptdarsteller seiner Psyche nicht unter einen Hut. Sein Buch zerfällt in zwei linkisch verknüpfte Erzählstränge: Wenn er von den Erpressungen und Abenteuern Dagoberts erzählt, dann tut er das - ausgerechnet - in der "ich"-Form; wenn er über den Knastbruder Arno Funke erzählt, dann tut er das - und hält es so möglichst weit von sich - in der "er"-Form.

Noch einen weiteren fundamentalen Widerspruch gibt es in dieser Biographie: einerseits ist Funke ein genialer Bastler, der so berühmte Sachen fabriziert hat wie die kleine Lore, die Sandkiste mit dem doppelten Boden, das Mini-Unterseeboot, die Abwurfvorrichtung an Zügen, nicht zu vergessen all die Mikros, Schaltuhren und Sprengsätze. Andererseits ist Funke ein völlig unglücklicher Mensch gewesen - und ein miserabler Organisator von Geldübergaben. Er war, wo höchste Konzentration gefordert war, fast immer besoffen, hackevoll mit Wodka oder beruhigt von ein paar Bierchen. Schieres Glück, daß er es so lange treiben konnte, denn mehrmals hatte ihn die Polizei beinahe am Schlawittchen. Und im September 1992, mitten in der Berliner Innenstadt, war es ja fast so weit, aber der Polizist rutschte im entscheidenden Moment aus. Worauf - das klären auch Dagoberts Erinnerungen nicht. Es gibt drei Versionen: der feuchte Rasen, das nasse Laub oder der Hundehaufen.

Die Sache mit dem Hundehaufen geht auf einen Bericht des Landeskriminalamtes zurück. Darin heißt es, die Wiese sei mit sehr viel Hundekot bedeckt gewesen, der Polizist schreibt aber, er sei im "nassen Laub" ausgerutscht. Arno Funke zitiert seitenlang aus Fahndungsakten der Kripo. Der verquaste authentische Polizei-Slang bringt - weil Kontrastprogramm - Leben in dieses Buch. Funkes eigener Stil ist noch unsinnlicher, gespickt mit lang weilenden Erörterungen über Schuld und Sühne, über Gut und Böse. Die Bastel-Passagen dagegen sind leider sehr kurz geraten. Stunden und tagelanges Gewerkel faßt er in zwei Sätzen zusammen. Nein, Bastelanleitungen für Nachwuchserpresser sind hier nicht zu holen.

Nico Graf hat als Reporter des NDR monatelang die polizeiliche Suche nach dem Kaufhauserpresser begleitet.

Arno Funke: "Mein Leben als Dagobert". Ch. Links-Verlag, Berlin; 320 Seiten; 39,80 Mark.

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