Messe-Impressionen (II) Das ist Pop
Was möchte uns ein Traditionshaus wie der Fischer Verlag mit seinem Empfang sagen? Schließlich ist bei solchen Chefverwaltern des Wortes auszuschließen, dass sie Watzlawicks erstes Gesetz der Kommunikationswissenschaft nicht kennen, das da lautet: "Man kann nicht nicht kommunizieren".
Vermutlich wollen die Frankfurter also dieses kommunizieren: Bei einem Verlag, der Kafka und Thomas Mann erstverlegt hat, kommt es selbst beim Buchmesseempfang nicht auf schnödes Fressen an, sondern auf den kultivierten Weltgeist, um den sich die vielen scharen. Und damit auch nichts von dem Spiritus des "Benz unter den Verlagen" - ein Ausdruck von Ex-Taschenbuchchef und jetzigem dtv-Leiter Wolfgang Balk - ablenkte, war alle profane Nahrung denkbar unattraktiv. Vom Spiritus abgesehen. In flüssiger Form fehlte der ganz - Todesstoß für jedes andere Messefest. Noch letztes Mal hatte Fischer die berühmte Liebe zum Unkulinarischen mit streichholzschachtelgroßen Partikeln Blech-Streusel zelebriert. Ambitioniert, aber altbacken.
Diesmal wagte man mehr, und es gelang ein zynischer Kommentar auf die Lemongrass-Society: Winzige Frühlingsröllchen, die in Konsistenz und Farbe verdächtig an große, ausgedrückte Zigarettenstummel erinnerten. Die waren so neben vegetarischen Kartoffeltäschchen angeordnet, dass die Spießigkeit jedweder "zeitgemäßer" Esskultur zuerst im Anblick und dann im ununterscheidbar abwesenden Geschmack deutlich wurde. Öko-Landfrauen- und Junior-Texter-Geschmack - das konnte nur Fischer so collagieren. Der lakonische Geschmack des Büffets wurde von den Weinen eindrucksvoll reflektiert.
Weil aber Prominente nur noch den Wunsch haben, gut zu essen (den Wunsch, berühmt zu werden, haben sie sich schon erfüllt, der dritte wird auf Empfängen meist nur vorbereitet), musste man zum Glotzen wieder in den Frankfurter Hof fahren. Rund um den Bialucci-Empfang und den von Diogenes hatten sich dort unter anderem Michael Naumann, Harry Mulisch und Erik Fosnes Hansen vor dem Fischernetz geflüchtet.
Wer sich brav in das sozialistische Wartekollektiv der Schlange an der Garderobe einreihte, der konnte kurz vor eins Mutter Beimer in einem knallblauen Kleid durch die Reihen wandeln sehen, dabei äußernd, sie fände Vordrängler doch selber furchtbar. Am Tresen angedrängelt und ihr knallblaues Cape umarmend, beendete sie die Darbietung, indem sie mit Hilfe ihres Begleiters die gesamten Kleiderbügel vom Garderobentisch fegte. Dann entschwand sie wie der Schall klappernden Kunststoffs.
Aber was soll's. Da gibt es noch Bertelsmanns 400.000-Mark-Büffet und auch in Zukunft: den Frankfurter Hof. Übrigens trug dort gestern Nacht Rainald Goetz eine eisgraue Bomberjacke, die Ton in Ton himmlisch mit seinen Haaren harmonierte. Ansonsten hatte er sich mit Benjamin von Stuckrad-Barre geschmückt, der es seinerseits geschafft hatte, ein T-Shirt zu finden, das eben das Nikotin-Timbre seines Anzuges hatte. Bestseller Ton in Ton in Ton in Ton. Das ist Pop. Wir freuen uns auf den nächsten Gig.