Messe-Impressionen (III): Masse statt Messe - DER SPIEGEL
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Messe-Impressionen (III) Masse statt Messe

Die Buchmesse, gerade noch ein heißes Parkett für Geschäfte und Schmarotzer, wendet sich zur Wagenburg. Das Publikum kommt, unzählige gemeine Leser - Selbstverteidigung ist angesagt.
Von Daniel-Dylan Böhmer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt am Main - Die Literaten und Verleger sind wieder erschüttert, als sei unverhofft ein Armageddon hereingebrochen: Publikumstage. Wo während der Woche gefeiert wird, als sei Wochenende, ist das Wochenende die Zeit für Katzenjammer. Wie es eine deutsch-amerikanische Agentin ausdrückt: "Du hast einen Millionen-Dollar-Deal am laufen und willst vorankommen und da stehen über all diese deutschen Leser und glotzen die Bücher an - grauenhaft."

Die meisten deutschen Autoren packen ihre Sachen im Morgengrauen des Samstag, die wirklich wichtigen Agenten sind schon mit der Nachtmaschine geflohen und die Stände wirken wie leergefegt von dem, was die Messe so angenehm macht: dem Proviant. Weil normale Menschen nahen, sind die Schnittchenmeere versiegt, die Stände sind zu wehrhaften Marketing-Burgen geworden, bewacht von misstrauischen Messe-Miezen-Veteranen. Gestern schwappte es noch in hohen Wogen.

Obwohl man das denken würde, sind die Kochbuchverlage die schlechtesten Adresse zum Schmarotzen: angetrocknete Seeteufel-Roulade auf pappigem Vermouth-Pumpernickel wird von der berühmten Frankfurter Rindswurst (nur gekocht, natürlich) an den Imbiß-Ständen einfach um Längen geschlagen.

Interessanterweise sind auch die großen deutschen Traditionsverlage Fischer, Rowohlt, Suhrkamp kulinarisch uninteressant. Dort, wie bei Langenscheidt und dtv, bekommt man höchstens Gummibärchen. Mit Fruchtgummikonfekt kann eben kein angeheiterter Autor die sauteure Messedekoration vollkleckern. Die Bärchen von dtv sind übrigens vorzüglich - frisch, mit zarten E-Nummer-Aromen und stramm in der Konsistenz. Premium-Qualität. Allerdings kann man bei dtv schon mal von einer PR-Dame angefaucht werden, wenn die Laufkundschaft schon das Rülpswasser saufe, dann solle man wenigstens das Glas stehenlassen.

Für Kaffee-Liebhaber enpfiehlt sich das Spalier der linken Verlage von Text und Kritik bis Rotbuch: alle Menschen werden Brüder beim generösen Kaffee-TransFair. Viele der belesenen Staatsfeinde haben sogar Espresso-Maschinen aufgebaut. Fast ebenso links und noch trinkfroher geht es bei Haffmanns zu: der Stand, den man von weitem an einer Corona bläulichen Dunstes erkennt, ist traditionell Schauplatz gelassener Schnapsvertilgung, die mit Prosecco aufgeheitert wird, so in etwa gegen 10 beginnt und sich vor Messeschluß schon auf die örtliche Gastronomie ergießt.

Haffmanns bietet auch auf der Messe die unzweifelhaft heitersten Literaten. Natürlich endet auch hier die Heiterkeit wenn das Volk kommt. Die letzten Höhepunkte der Messe nach der Messe gehören den ausländischen Verlagen und den Institutionen der alten Verlagsstadt Frankfurt. Rainald Goetz wurde schon jetzt nicht mehr gesichtet. In welcher Montur auch immer. Dekonstruktion des bürgerlichen Identitätswahns im Zeitalter der Chat-Persönlichkeit? Nein - historische Notwendigkeit des Klassengegensatzes, der dem Höhepunkt entgegenstrebt - dem Wochenende.