Michel Houellebecq: Kichern oder aufgeben - DER SPIEGEL
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Michel Houellebecq Kichern oder aufgeben

Michel Houellebecq, Autor des Erfolgsromans "Elementarteilchen", befasst sich in seinem Gedichtband "Suche nach Glück" mit unentrinnbarer Sinnlosigkeit und blubbernden Nahrungsmitteln.
Von Daniel-Dylan Böhmer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der französische Autor Michel Houellebecq hat sich in wenigen Jahren eine literarische und gesellschaftliche Autorität erkämpft. Beides beruht zu Recht auf seinen Romanen "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen", die zugleich scharfe soziokulturelle Essays und distanziert-bösartige Romane sind. Sie bestechen handwerklich und unterhalten zugleich.

Sein Gedichtband "Suche nach Glück" erscheint mit dreijähriger Verspätung auf Deutsch. Er ist zwischen den beiden Romanen entstanden. Nachdrücklich beweist er, dass Houellebecqs Botschaften nicht in jede Verpackung passen.

Dabei hat Houellebecqs Lyrik durchaus poetischen Anspruch: Die Gedichte wechseln zwischen langen Balladen, Sonetten und lakonischen Dreizeilern. Bisweilen versucht sie sich an avantgardistischen Formen und Prosagedichten. Houellebecqs Ton ist liedhaft, von weichen Rhythmen getragen, die vollen Klänge der französischen Sprache nutzend. Leider geht dieser in der deutschen Übersetzung größtenteils verloren geht. Nun gut, Leistungskursschüler können parallel auf der linken Seite das Original lesen.

Aber auch auf Deutsch fällt auf, wie sehr die Mühe um poetische Vielfalt mit der Dünne des dichterischen Materials kontrastiert. Im Stile der "Kampfzone" ranken sich die Themen und Bilder um die alltägliche Konsumschlacht zwischen Supermarkt und Cluburlaub, unentrinnbarer Sinnlosigkeit und Lebensgier angesichts des Todes. Gewisse Motive aus den "Elementarteilchen", so die Geilheit des jungen Bruno bei der Zugfahrt von Crécy-La-Chapelle, sind hier schon zu entdecken und stellen einen Kommentar zu ihrer späteren Prosa-Verarbeitung dar.

Die Gedichte sind in vier nicht betitelte Hauptabschnitte unterteilt. Man könnte sie grob mit "Banale Welt", "Lebensgier", "Gott", (wenn schon, denn schon) und "Abschied" überschreiben. Offensichtlich spekuliert Houellebecq darauf, dass seine Analysen durch die Gedichtform eine zusätzliche existenzielle Tiefe entwickeln. Meist ist das Gegenteil der Fall, Form und Inhalt stehen eher unvermittelt nebeneinander, eine Synthese ergibt sich nicht.

Der Autor vernachlässigt seine Bildsprache und schmeißt stattdessen mit ganz großen Worten, meist Liebe und Tod. Damit schafft er keine atmosphärische Dichte, sondern produziert vagen Kitsch, der an der Oberfläche bleibt ­ Gemeinplätze sollen dem Leser wohl Seufzer entlocken. Eine Auswahl der anrührendsten Stellen: "Es gibt nichts anderes außer der Liebe", "Es wird den Tod geben, das weißt du meine Liebe", "Eines Tages muss man sterben", "Führ' mich in das Land, wo die gutmütigen Menschen leben". Irgendwann schwirrt einem der Kopf von Trauer und Tod und viel, viel Einsamkeit.

Dabei kann Houellebecq sehr wohl dichten. Dort nämlich, wo er sich von seiner Bildsprache davontragen lässt und ihrer Suggestivkraft vertraut ­ vor allem in dem Gedicht "Ferien". Hier und in manchen Stadtbildern ("Ich durchwandere die Stadt") gelingt ihm eine starke Lyrik und sein Zynismus blitzt auf.

"Ich habe Brot gekauft und Käse in Scheiben,
Da sollte es nicht nötig sein, mir das rechte Auge auszustechen
Die Nahrungsmittel blubbern, ich glaube, es ist Sonntag,
Zum Glück ist es nur mäßig kalt."

Aber letztlich nimmt das schwächelnde Pathos überhand und im dritten, religiösen Teil kann man nur aufgegeben oder kichern - und ist froh, dass "Suche nach Glück" nicht der letzte Stand in Houellebecqs Entwicklung ist, sondern dass er in den "Elementarteilchen" seine eigentliche Form, den Roman, gefunden hat.

Michel Houellebecq: "Suche nach Glück - Gedichte". DuMont Verlag, Köln; 195 Seiten; 32 Mark

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