Mitternachtsmesse Der Abend der geteilten Stars
Liebe Zuschauer, die Freude hier ist einfach riesengroß. Sie haben monatelang dafür geackert und sie haben es geschafft. Sie fallen sich in die Arme, sie können es selbst noch gar nicht fassen, das Finale ist vorbei, eine klare Entscheidung ist gefallen, beide Mannschaften sind stolz auf ihren Sieg, beide Mannschaften haben alles gegeben und sich bis in die letzte Runde vorgearbeitet und jetzt halten sie den Pokal gemeinsam hoch: den Literatur-Nobelpreis.
Natürlich ist die Idee, dass es dort, wo es nur um den reinen Geist geht (im Literaturbetrieb, jawohl), keine Verlierer geben könne, eine Illusion. Aber es ist leicht, daran zu glauben, weil Siege hier geteilt werden können. Stars auch.
Imre Kertész zum Beispiel, hat, so empfinden es die Beteiligten, den Pokal sowohl nach Reinbek für den Rowohlt-Verlag (den er mit seiner Lektorin Katharina Raabe verließ), als auch nach Frankfurt für Suhrkamp heimgeholt (wo er mit seiner Lektorin Katharina Raabe eine neue Mannschaft gefunden hat). Beide Teams können von sich behaupten, dass die Schüssel eigentlich bei ihnen zuhause ist und beide feierten gebührend auf der Messe.
Bei Suhrkamp soll es sogar Tränen gegeben haben. Die Konkurrenz darum, welcher der beiden Verlage mehr Nobelpreisträger im Programm hat, ist für dieses Jahr also unentschieden ausgegangen. Schade nur, dass der Preisträger immer erst dann verkündet wird, wenn beide Rekordmeister ihre Empfänge schon abgefeiert haben. Der königlich schwedischen Akademie sei auf diesem Wege ein diskreter Hinweis auf bessere Terminplanung gegeben.
Nach den Erfahrungen der Buchmesse 2002 ist die einzige andere Möglichkeit, die Stimmung bei den Empfängen zu heben, die, den Verlagsleiter auszuwechseln. Schließlich herrscht auch bei Kindergeburtstagen bedrückte Stimmung, wenn im Hintergrund der beruflich erfolglose Papa den Akvavit alle macht.
Wie es hingegen aussieht, wenn Papa gerade befördert wurde, ließ sich schon vorgestern beim ersten Rowohlt-Empfang der Ära Fest beobachten. Und gestern Abend beim Fischer-Verlag bestätigte sich die Erfahrung. Die neue Zeit verbindet sich mit dem Namen Jörg Bong, und die existenzialistische Linie der Fischer-Empfänge wurde härter und konsequenter durchgezogen als je, machte einen scharfen Schwenk ins Sachsenhäuser Lokalmilieu und endete umgeben vom rasenden Spiel weltlichen Daseinskampfes in der leidenschaftslosen Leere buddhistischer Ausgeglichenheit.
Er ist noch immer der engste Empfang. Er ist noch immer mit der begehrteste. Noch immer ist das Catering ein Aktionskunstwerk mit der Botschaft, dass irdische Genüsse kein Grund sind, die Nähe von Literaten zu suchen. Doch während sich die Kernaussage noch letztes Jahr in der Semiotik winziger Kartoffeltäschchen ohne Namen oder Geschmack verhaspelte, haben die Verleger Franz Kafkas nun zu einem ready-made gefunden, dass ihrem Diskurs einen gültigen formalen Ausdruck verleiht: Brezeln.
Und siehe: Die Stimmung war großartig. Man musste sich um den Verlag ad hoc keine Sorgen mehr machen, das Essen konnte man einfach ignorieren und so fiel auch die Lust, im Gewühl mal aus Versehen eine Kinderbuchlektorin zu erdrosseln, von den Gästen ab. Gerüchte, nächstes Jahr solle Esspapier gereicht werden, ließen sich jedoch nicht bestätigen.
Die Deutsche Verlagsanstalt hingegen retten wohl auch keine Brezeln mehr. Wie man hört, ist der einzig ernstzunehmende konservative Literaturverlag nicht nur Verhandlungsmasse im Konzernpoker geworden, er soll schlicht pleite sein. Das erleichtert potenziellen Käufern nicht eben die Entscheidung, ob sie auch noch Wolfgang Schäubles Kindheitserinnerungen drucken wollen. Vielmehr bedeutet dieser Umstand, dass hier nur ein Verleger einsteigen kann, der nicht nur viel Geld abzuschreiben hat, sondern auch ernsthafte editorische Ambitionen an der Grenze zu Allmachtsphantasien hegt.
Um dem Gerücht gleich die richtige Richtung zu geben: Springer-Chef Matthias Döpfner ist damit nicht gemeint, obwohl man ihn gestern Nacht bei einer Unterhaltung beobachtet hat (mit einem Journalisten übrigens, der hier sicher nicht genannt werden will). Um der Sensation die richtige Note zu geben: Dass Döpfner auf der Buchmesse plaudert, hat durchaus Nachrichtenwert. Döpfner kann auf der Buchmesse nicht einfach fehlen. Aber er hatte es bisher schwer, mit den Kindern hier Freundschaft zu schließen, weshalb man ihn in den frühen Morgenstunden meist missmutig in den Seitenräumen der Bar des Frankfurter Hofs umherstreifen sah. Allein. Aber wachen Löwenblickes jeden beäugend, der mit ihm würde sprechen wollen können. Diesmal hat sich Döpfner in die Mitte des Raums vorgewagt - und sich unterhalten. Weiter so, Herr Döpfner.
Wenn er in jeder Hinsicht noch ein paar Schritte weiter gegangen wäre, dann wäre er auf Udo Lindenberg gestoßen, der gegen 2 Uhr mit zwei Bodyguards in den ,Hof' gestapft kam, die auch aussahen, als wollten sie mal Udo Lindenberg werden. Lindenberg erblickte Feridun Zaimoglu und machte kehrt. So wachsam ist Döpfner noch nicht. Aber das Hamburger Gesetz der Straße muss man sich auch erst mühsam erplaudern. Im Frankfurter Hof nämlich.