Münchner Comicfest Grauschwarze Fantasien
Routiniert wirft der ältere Herr mit Krawatte und Brille seine Zeichenstriche auf den Block, die sich schnell zu einem Kopf zusammenfügen. Darauf kommt ein Helm, der wird mit einem roten Ahornblatt auf weißem Grund verziert, und fertig ist der Grundriss für Dan Cooper, heldenhafter Pilot der kanadischen Luftwaffe und zugleich einer der beliebtesten Comichelden der vergangenen 40 Jahre. Der ältere Herr mit dem Zeichenstift kommt aus Belgien, heißt Albert Weinberg und ist 78 Jahre alt. Er hat Dan Cooper erfunden und sich selbst eine Berühmtheit damit erzeichnet, die sich gut an der langen Schlange vor seinem Signiertisch hier beim Münchner Comicfest messen lässt.
Dass Weinberg hierher gekommen ist, in das "Aktionsforum" auf der Praterinsel mitten in der Isar, zeigt wiederum, welchen Stellenwert das Münchner Comicfest in seiner neunten Auflage erreicht hat. Im Gegensatz zu den großen Comicsalons und -messen wie in Erlangen oder Essen, die hauptsächlich auf das Fachpublikum abzielen, wollen die Münchner laut Pressesprecherin Ruth Oppl "ein Publikumsfest veranstalten". Ihr Spagat zwischen Populärem und Independent-Werken soll gerade weniger Fachkundige für das Genre Comic und seine Vielfalt begeistern. Das ist gelungen, auch wenn die Auftritte von Weinberg und seinem 80jährigen Kollegen Eddy Paape, geistiger Vater des Weltraumfahrers Luc Orient, hier schon anachronistisch anmuten. Schwer gefragt sind "Manga"-Workshops, in denen man die Technik der japanischen Zeichner erlernen kann. Schließlich gilt Japan mit jährlich gut 2 Milliarden verkauften Comics und einer ungeheuren Bandbreite an Figuren als führende Nation im Reich der bunten Bilder.
Wie wenig von den "Motoren-und Technik-Comics" eines Weinberg noch übrig geblieben ist, in denen strahlenden Helden als klare Identifikationsfiguren dienen, belegt am besten die Ausstellung "Science Fiction". Düstere Zukunftsvisionen mit faschistoiden Systemen, Umweltzerstörung, Klonen und programmierte Menschenrobotern beherrschen nicht nur die grauschwarzen Fantasien eines Enki Bilal. Die verschwindend wenigen positiven Aussichten wie Seyfrieds "Anarchie" haben die Veranstalter gleich hinter Blechgitter gesperrt - als aussterbende Spezies, die es zu schützen gilt.
Science Fiction-Comics liegen dagegen im Trend. So wird beim Münchner Comicfest kaum ein Zeichner so bestürmt wie Ted McKeever aus den USA. Nicht vom Publikum zwar, dafür aber von den anderen Künstlern, die bis hin zur Marke der benutzten Stifte so ziemlich alles von McKeever wissen wollen, der nach düsteren Batman-Episoden nun die Comic-Version von "The Matrix" zeichnet. In München präsentierte er erstmals die realen Entwürfe, die es sonst nur im Internet unter www.whatisthematrix.com zu sehen gibt. Neben dem Blick in die Zukunft und einer "Manga"-Sonderausstellung bietet das Comicfest eine amüsante Retrospektive zum im Februar dieses Jahres verstorbenen Peanuts-Zeichner Charles M. Schulz, die Parallelen zwischen den Comics und Schulz' Biografie skizziert. Ein Studienkollege namens Charles Brown und ein leicht verrückter Hund namens Spike lieferten demnach die Vorbilder für die Hauptfiguren der Peanuts. Wen dagegen die biestige Lucy widerspiegelt, bleibt leider im Dunkeln.
Um Carl Barks, den Erfinder von Donald Duck, der vor wenigen Wochen starb, angemessen zu würdigen, war zu wenig Zeit. Doch Donald Duck und Micky Maus sind ohnehin auf jeder größeren Comic-Veranstaltung präsent. In München stellte der Fachjournalist Carsten Laqua die Rolle der Walt Disney-Figuren als Propagandainstrument gegen die Nazis heraus und unterstrich seine Thesen mit Ausschnitten aus vom Disney-Konzern meist unter Verschluss gehaltenen Filmen wie "The Fuehrer's Face" aus dem Jahre 1942. Darin bewirft Donald den Führer mit faulen Tomaten - ein schönes Sinnbild für die subversive Wirkung, die Comics entfalten können. Und auch dafür, dass Anti-Helden wie Donald schon immer die besten Figuren für dieses Genre geliefert haben. Mal abgesehen von Dan Cooper.