Nachwuchs bei Suhrkamp: Nestflüchtende Wunderkinder - DER SPIEGEL
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Nachwuchs bei Suhrkamp Nestflüchtende Wunderkinder

Der Suhrkamp-Verlag gestaltet seine Verjüngung gewohnt elitär: Trotz ihrer klassischen Linientreue vermitteln junge Suhrkämper aufregend neue Weltansichten.
Von Daniel-Dylan Böhmer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In dem Alter, in dem der Suhrkamp-Verlag heute ist, mit fünfzig Jahren, galt man vor kurzem noch fast als Jungautor. Während die einstige Revoluzzer-Fabrik zu ihrem Geburtstag vor einigen Monaten im Frankfurter Schauspielhaus klassisch-zeremoniell den Bundeskanzler begrüßen konnte, ist auf dem Markt gleichzeitig der Hunger auf Frischfleisch ausgebrochen. Der Ruf nach Verjüngung wird verständlich, wenn man bedenkt, dass gerade Suhrkamp-Seniorenmeister wie Handke und Walser beim routinierten Tabubrechen immer öfter in reaktionäre Exzentrismen abgleiten, Woran liegt es aber, dass der Mainstream neuester Pop-Literatur am Traditionshaus vorbeizulaufen scheint? Sind die jungen Suhrkämper zu weit vom Lebensgefühl ihrer Generation entfernt, zu sehr den Werten der alten Hochintelligenz verbunden?

Einerseits ist der Hintergrund vieler junger Suhrkämper so klassisch bildungsbürgerlich, dass sie eher der Generation ihrer Väter zugewandt scheinen. Andererseits gehören vor allem ihre Themen eindeutig in die Welt des dritten Jahrtausends: Der Wirklichkeitszweifel des digitalen Medienzeitalters ist auch bei ihnen deutlich spürbar. Nur verarbeiten sie ihn anders: mit Frontalangriffen auf die Wirklichkeit.

Ein Beispiel ist Daniel Kehlmann, Jahrgang 1975. Sein Roman "Mahlers Zeit" nimmt seinen Ausgangspunkt bei einem Problem der theoretischen Physik: der Frage, ob die Zeit nur eine Richtung hat. Obwohl das Buch wie ein Kommentar zum aktuellen Stand der Erkenntnisphilosophie gelesen werden kann, macht er Zweifel an der Wirklichkeit in geschickten Montagen aus Backflashs und Déjà-vus auf unheimliche Art spürbar, fast greifbar - und Kehlmanns fast antiquiert wirkende Intellektualität ermöglicht es ihm, die Wirklichkeit auf fundamentaler Ebene zu sezieren.

Joachim Helfer, 36, setzt sich in "Cohn & König" mit seiner Welt auf anderen Ebenen auseinander - der sozialen und kulturellen. Einerseits lockert er die Grenzen der Gegenwart, indem er die Erinnerungen der Protagonisten, eines jungen Deutschen und seines alten jüdischen Liebhabers, verschwimmen lässt. Andererseits kritisiert und karikiert er die Welt von heute aus der Haltung des intellektuellen Dandys. Dabei scheint ihn vor allem das Banale zu faszinieren, wie ganze Gesellschaften sich unbewusst in einförmige Rollen, in einen unsinnlichen und darum unsinnigen Alltag einsperren. So zielsicher reitet er seine Attacken, und so scharf gelingen seine moralischen Urteile, dass sich die Frage stellt, warum der bildungsbürgerliche Fundus überhaupt nötig ist.

"Der Bademeister", Titelfigur des jetzt erschienen Romans von Katharina Hacker, 33, betrachtet die Welt ohne jeden Kulturhintergrund. Ein sozialer Autist beschreibt die Geschichte seines DDR-Schwimmbads, und die Beschränktheit, die seine Erfinderin ihm auferlegt, macht es ihr möglich, sowohl deutsche Geschichte als auch deutsche Gegenwart erzählerisch zu verarbeiten, ohne Sozialkitsch oder Reportagestil nötig zu haben. Politik, Gesellschaft und mikroskopische Details persönlicher Realität nehmen Gestalt an, indem sie scheinbar ausdruckslos erzählt werden. Die Isolation des Protagonisten ist dabei eigentlich die Pose, die die wache und sensible Erzählerin einnimmt - und gleichzeitig das Spiegelbild, das sie der Wirklichkeit entgegenhält. Dabei ist Hacker ihrem bildungsbürgerlichen Hintergrund genauso verbunden wie Kehlmann und Helfer: Noch in ihrem letzten Erzählband "Morpheus oder Der Schnabelschuh" reanimierte sie griechische Sagengestalten.

Gerade deshalb ist "Der Bademeister" ein gutes Beispiel für den Durchbruch, den die jungen Suhrkämper leisten: Ihre klassische Intellektualität ermöglicht es ihnen, Wirklichkeitszweifel und Weltekel als Ansporn zu nehmen, sich erzählerisch mit der Realität um sie herum auseinander zu setzen. Gerade weil sie problematisch ist, muss sie erzählt werden. Das unterscheidet sie von Pop-Autoren, die den Wahrnehmungsverlust als Champagnerrausch feiern, ohne ihn analysieren zu wollen. Vor allem ist es mutiger. Das unterscheidet sie aber auch von vielen Autoren der Elterngeneration, die die Welt entweder als Klassenkampf oder als mythologisches Vexierspiel wahrnahmen. Deren letzte, postmoderne Vertreter waren es auch, die die Wirklichkeit dekonstruierten. Der Wirklichkeitszweifel, den sie hervorriefen, ist wohl auch eine der Ursachen, warum Pop und Medienrealität als Ersatz für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ernstgenommen werden. So stehen die jungen Suhrkämper sowohl gegen die Elterngeneration als auch gegen die meisten ihrer Altersgenossen: weil sie in der Wirklichkeit Wahrheit vermuten und daraus Literatur machen.

Wer braucht da noch etablierte Kulturnormen? Wenn man Suhrkamp-Lektor Thorsten Ahrend auf die Bildungswut seiner Schützlinge anspricht, dann preist er ihr literarisches Handwerk. Also keine Tendenz? "Natürlich ist es besser, einen klugen Autoren zu haben als einen dummen", sagt er. Pop verkaufe sich zwar besser, aber auch Max Frisch habe am Anfang jämmerliche Umsätze gemacht. Hinter diesem Statement verbirgt sich eine Wahrheit, die zumindest in der Logik des Literaturbetriebes die Bildungsbürgerlichkeit von Hacker, Helfer und Kehlmann plausibel macht: Ohne sie wären sie wohl nicht bei Suhrkamp gelandet, und es braucht wohl einen so etablierten Verlag (und auch seine Arroganz), um mutige junge Literatur durchzusetzen, ohne sie marktgerecht umformen zu müssen.

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