Neue Bücher im Dezember: "Kein dusslichet Jequatsche" - DER SPIEGEL
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Neue Bücher im Dezember "Kein dusslichet Jequatsche"

Eine Auswahl der wichtigsten Belletristik- und Sachbuch-Veröffentlichungen im Dezember - rezensiert von KulturSPIEGEL und SPIEGEL ONLINE.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

BELLETRISTIK

Dorothea Dieckmann: "Guantánamo".
Klett-Cotta, Stuttgart; 160 Seiten; 16 Euro

Dieses Guantánamo sei eine Erfindung, schreibt die Autorin in der Vorbemerkung ihres Romans. Schließlich sei sie nie in dem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis auf Kuba gewesen. Die Schilderung der trostlosen Gefangenschaft von Rashid aus Hamburg wirkt dennoch erschreckend real und qualvoll. Dieckmann, 47, schreibt wie aus dem Kopf des jungen Muslim, der nach Käfighaltung und Folter selbst nicht mehr weiß, ob er gegen die Amerikaner kämpfen wollte oder nicht. Das Buch erzählt seine Gedanken, die vom Jetzt in die Vergangenheit und zurück in die Zukunft springen. Nicht immer ist es leicht, ihnen zu folgen - auch aus Mangel an Absätzen im Text. Aber das Verlorensein in der eigenen Geschichte macht den Reiz dieses Romans aus.

RUTH REICHSTEIN

Torsten Schulz: "Boxhagener Platz".
Ullstein, Berlin; 192 Seiten; 18 Euro.

Was nahm ein Ost-Berliner Junge im angeblich so wilden Jahr 1968 vom großen Weltgeschehen wahr? Im Debütroman des Autors Torsten Schulz, 44, ist zwar von den Olympischen Spielen in Mexiko die Rede, auch der "Prager Frühling" taucht schemenhaft auf - aber die wahren Abenteuer, die der zwölfjährige Held namens Holger durchsteht, spielen sich direkt auf dem Friedrichshainer Kiez in der Hauptstadt der DDR ab. Es geht um versoffene Erwachsene, sich kloppende Jugendliche und den ersten Kuss - und um eine Krimi-Handlung, in der eine Ehegatten verschleißende Oma (Holgers Großmutter), ein trotteliger Volkspolizist (Holgers Vater) und der ermordete Lebensmittelhändler "Fisch-Winkler" zentrale Rollen spielen. Schulz, der bisher vor allem als Drehbuchschreiber arbeitete, verblüfft den Leser mit einer kunterbunten Handlung und viel Sinn für knappen Berliner Sprachwitz - im O-Ton: "Kein dusslichet Jequatsche".

WOLFGANG HÖBEL

Urs Augstburger: "Gatto Dileo".
Bilgerverlag, Zürich; 272 Seiten; 23,20 Euro.

Eigentlich ist dieser Roman wie ein Song von Vasco Rossi oder Lucio Dalla (auf die in der Geschichte Bezug genommen wird): sentimental, aber dann erwischt er einen doch. Erzählt wird die Geschichte von Salvo und Mitra, die vor 17 Jahren ein Liebespaar waren, als sie zusammen mit dem genialen Maurizio in einer Band spielten. Maurizio nahm sich aus Eifersucht das Leben, Salvo dagegen machte mit dessen Songs als Gatto Dileo Karriere, Mitra gründete eine Familie. Der Roman setzt ein, als Salvo sich depressiv aus dem Musikgeschäft zurückzieht und Mitra in Italien nach ihm sucht. Der Schweizer Autor Urs Augstburger, 39, versucht einen ironiefreien Stilmix aus Heimatroman und Liebesballade. Geschickt entwickelt er seine Geschichte, und es gelingen ihm anrührende Passagen, manchmal allerdings ist das Buch auch einfach kitschig. Eine literarische Schnulze, aber eine gekonnte.

CLAUDIA VOIGT

Susanna Clarke: "Jonathan Strange & Mr. Norrell".
Aus dem Englischen von Anette Grube, Rebekka Göpfert; Bloomsbury Berlin; 1024 Seiten; 29,80 Euro.

Seit dem spektakulären Erfolg von Joanne K. Rowlings Nachwuchszauberer Harry Potter scheint jedes noch so läppische, mit Magie angereicherte Manuskript einen Verleger zu finden. Das großartig gelungene Debüt der Britin Susanna Clarke, 45, ist eine rare Ausnahme: Die Geschichte zweier Männer, die im England des 19. Jahrhunderts die Kunst der Zauberei zu neuem Leben erwecken. Es geht um Magie aus dem Lehrbuch, um die wilden, dunklen Seiten und Verlockungen dieser Kunst und den Nutzen des Ganzen für den Krieg Englands gegen Napoleon. Clarke erzählt dieses kunstvolle Märchen, das mehr mit Jane Austen und Charles Dickens als mit Harry Potter gemein hat, sehr behutsam, detailverliebt und verführerisch. Ein Buch, dem man anmerkt, dass die Autorin zehn Jahre daran feilte. Auch Hollywood ist schon verzaubert und will den Stoff verfilmen.

CHRISTOPH DALLACH

Maurizio Maggiani: "Die Liebe ist ein Schwindel".
Aus dem Italienischen von Egon Günther. Edition Nautilus, Hamburg; 160 Seiten; 14,90 Euro.

Der letzten seiner 13 Erzählungen stellt Maurizio Maggiani eine Fotografie voran: Tante Cesarina am Tag ihrer Hochzeit, im Brautkleid, eingehakt zwischen ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Die Braut ist die größte der drei Frauen, das hat mit ihrer Jugend, aber auch mit ihren Schuhen zu tun. Wie hier zu Lande Wilhelm Genazino beherrscht der italienische Autor Maggiani die Kunst, vom Detail eines Schuhs auf das Ganze einer Lebensgeschichte zu schließen. Behutsam erarbeitet er sich einen Rahmen für das Erzählenswerte, gnadenlos genau beobachtet er dabei den Seelenzustand seiner Figuren. So finden sich beim Betrachten des Phänomens Liebe, egal ob es die verpasste oder die vergangene Liebe ist, die Liebe zur gestorbenen Katze oder zur spielenden Tochter, immer wieder überraschende Beobachtungen. Und er zeigt, dass jedes Gefühl immer auch mit einer gegenteiligen Empfindung gemischt ist.

DOJA HACKER


SACHBUCH

Astrid Vits: "Du und viele von Deinen Freunden - 34 deutsche Bands und Solo-Künstler im Interview"
Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin; 530 Seiten, 24,90 Euro

Das richtige Buch zur rechten Zeit, das könnte sich der Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf überlegt haben, als Astrid Vits mit ihrem über 500 Seiten starken Manuskript anklopfte. In der Tat ist die Leistung der 31-jährigen Journalistin aus Hamburg bestechend: 34 junge deutsche Bands und Künstler besuchte sie, um sie nach Befindlichkeit, Verortung und Horizonten zu befragen. Dabei sind poppige Chartstürmer wie Mia, Wir sind Helden, 2Raumwohnung und die Sportfreunde Stiller, aber auch untergrundige Acts wie Kettcar, Sono oder Britta. Das Herz der Vits hängt, das merkt man, besonders an den Bands der so genannten Hamburger Schule. So muss es besonders geschmerzt haben, dass deren angebliche Hauptvertreter, nämlich Tocotronic und Blumfeld, ganz offenbar keine Lust hatten, in dieses gesamtdeutsche Nationalorchester aufgenommen zu werden. Vielleicht ahnten die schlauen Diskursrocker, dass es der viel beschworenen neuen Musiker-Generation dann doch an Gemeinsamkeit fehlt. Zwar sind die Hamburger Veteranen Kante und Die Sterne dabei, doch auch das hat nicht viel genützt: Undistanziert und vage sind oft die Fragen; zu gerne lässt Vits ihre Helden einfach schwafeln, bis im ruhigen Fluss der Anekdoten und Nabelschauen kaum noch ein Statement richtig herausragt. Aber vielleicht war es genau das, was die Autorin wollte: Einfach abbilden, bloß nicht deuten. So ist aus dem Buch kein spannendes Schlüsselwerk geworden, aber dafür eine mutige und umfangreiche Bestandsaufnahme.

ANDREAS BORCHOLTE

"Selbstinszenierungen im klassischen Weimar: Caroline Jagemann".
Hrsg. von Ruth B. Emde. Wallstein Verlag, Göttingen; 2 Bände, zusammen 1040 Seiten; 98 Euro.

Zugegeben, der Titel schreckt ab - dabei verbirgt sich hinter ihm ein fesselndes Lebensdrama. Wohl niemand spielte im kleinen Weimar so viele heikle Rollen zugleich wie die Profi-Schauspielerin Caroline Jagemann: Die Tochter eines Weimarer Gelehrten, in der Theaterhochburg Mannheim ausgebildet, wurde von 1797 an unter Leitung des gestrengen Bühnenchefs Goethe zum Opernstar der kleinen Residenz und bekam daneben vom Landesherrn Carl August drei uneheliche Kinder. Den Dauerkonflikt zwischen Liebe, bürgerlicher Ehre und Berufsstolz meisterte die selbstbewusste Charakterdarstellerin so gut es ging, aber Mit- und Nachwelt stellten sie dennoch als intrigantes Biest hin. Auch ihre Memoiren waren bislang nur in gekürzter, stark retuschierter Form bekannt. Nun ist der volle Wortlaut da, samt Briefen, Kritiken, akribischer Dokumentation und üppigen Kommentaren. Auf Imponierprosa und feministisches Pathos hätte die Herausgeberin dabei ruhig verzichten und lieber noch ein paar Druckfehler korrigieren sollen. Dennoch, der stattliche Zweibänder ist eine Großtat: Er gibt einer erstaunlich komplexen, witzigen Akteurin endlich die eigene Stimme zurück.

JOHANNES SALTZWEDEL


KINDERBUCH

Kenneth Grahame: "Der Wind in den Weiden".
Kein & Aber, Zürich; 240 Seiten; 29,90 Euro.

Man sollte dieses Buch vorlesen und es dann noch einmal ganz für sich lesen. "Der Wind in den Weiden" ist ein Lebensbuch, mit abenteuerlichen Erzählungen vom nachdenklichen Dachs und vom genießerischen Maulwurf, von der freundlichen Ratte und dem frechen Kröterich, die am Fluss leben und die Welt der Menschen, der Städte und der Technik entdecken. Die erste Ausgabe erschien 1908 und wurde von A. A. Milne (dem Autor von "Pu der Bär") als "ein Charaktertest" beschrieben: "Wenn Sie es sich vornehmen, sitzen Sie über sich selbst zu Gericht. Vielleicht sind Sie es wert." Harry Rowohlt hat die vorliegende, wunderschöne Ausgabe mit den Originalillustrationen von Ernest H. Shepard übersetzt - besser geht es nicht.

CLAUDIA VOIGT