Neue Bücher im Januar Alltag alla napoletana
BELLETRISTIK
Valeria Parrella: "Der erfundene Freund".
Aus dem Italienischen von Suse Vetterlein. Klaus Wagenbach, Berlin; 124 S.; 15,50 Euro.
Neapel ist eine gierige Stadt, eine Stadt der Gegensätze und der Extreme. Hitze, Lärm, Menschen, Müll, Mafia. Reichtum und Kultur prallen auf Armut und Drogen, archaischer Totenkult und Aberglaube auf unbändigen Lebenswillen. Von dieser Stadt und ihren Menschen erzählt Valeria Parrella. Voller Tempo, manchmal sprunghaft und mit herbem Witz geschrieben, handelt auch ihr zweites Buch vom Alltag alla napoletana: Da ist die junge Kosmetikerin, die auf viel zu hohen Schuhen zu ihren reichen Kundinnen stöckelt, bis sie eines Tages den Vater ihres Kindes mit einem Messer im Rücken von der Straße aufsammeln muss. Oder die verheiratete Galeristin, die von einem Mann träumt, den sie eigentlich nur per SMS kennt. Am Ende bleiben zwei Erkenntnisse. Erstens: Den Namen Parrella sollte man sich merken. Und zweitens: Neapel mag die Heimat der Camorra sein, die wahren Königinnen der Stadt aber sind ihre Frauen.
SILJA UKENA
Marcelo Figueras: "Kamtschatka".
Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg. Nagel & Kimche, Zürich, 320 Seiten; 19,90 Euro.
Der Militärputsch 1976 in Argentinien verändert die Welt. Zumindest für den zehnjährigen Ich-Erzähler, der später Harry heißen wird: Seine Eltern, regimekritische Intellektuelle, müssen sich vor der Staatsmacht verbergen. Sie flüchten in ein abgeschiedenes Landhaus und ändern ihre Namen. Verschleppung und Folter werden in Marcelo Figueras großartiger Familiengeschichte nicht beschrieben, aber die Gewalt und Bedrohung ist ständig spürbar. Zahlreiche Fragen dürfen nicht gestellt, Antworten nicht gegeben werden, Menschen verschwinden, schließlich gar die Eltern. Figueras schildert das politische Drama, indem er aus der Perspektive eines Kindes erzählt, wie Kinder Realität und Phantasie vermischen und Trost und Hoffnung aus Comics, TV-Serien, Abenteuerromanen und Kinderspielen schöpfen.
JÖRG BÖCKEM
Christoph Wilhelm Aigner: "Die schönen bitteren Wochen des Johann Nepomuk".
Deutsche Verlags-Anstalt, München; 448 Seiten; 19,90 Euro.
Der Heilige Johannes von Nepomuk gilt als Märtyrer des Beichtgeheimnisses. Sein Schweigen kostete ihn das Leben. In Gestalt des knapp 17-jährigen Johann Nepomuk, einer proletarischen Fußballhoffnung "ohne Worte", lässt ihn Christoph Wilhelm Aigner wiederauferstehen. Schauplatz ist das bräunliche Oberösterreich der Siebziger. Der Lyriker Aigner, 52, hat sich an einen gewaltigen Bildungsroman in einem gewöhnungsbedürftigen, doch packenden Jugendslang gewagt. Johann, der nur Schläge kennt, finanziert sich den Besuch des Gymnasiums mit Fabrikarbeit. Sein Leben wendet sich, als er die gelähmte Mariella vor einer Vergewaltigung rettet: "Was solln wertvoll an mir sein? Das Wertvollste ist, dass ich sie so bitter gern habe." Mit der Liebe entdeckt er die Poesie. Jahre später löst sich ihm die Zunge und Aigner die Feder zu diesem emotionalen Sturzbach von Roman.
KATRIN HILLGRUBER
BIOGRAFIE
John Peel: "Memoiren des einflussreichsten DJs der Welt".
Aus dem Englischen von Christoph Hahn. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Berlin; 560 Seiten; 24,90 Euro.
Eigentlich hatte er dieses Buch nicht schreiben wollen, denn Ruhm war dem Radio-Mann suspekt. Als er sich schließlich doch an seine Lebenserinnerungen machte - überredet durch ein kleines Vermögen -, starb er mit 65 vor Abschluss des Manuskripts. Fertiggestellt haben das Werk seine Frau und die vier Kinder anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen. John Peel war als Radiomoderator in England eine Institution. Ein Held für alle, die sich für Musik jenseits der Hitparaden begeistern. Er hat schwindelerregend viele Pop-Karrieren in Fahrt gebracht, protegierte Rod Stewart, David Bowie, Elton John, Jimi Hendrix, T-Rex, The Sex Pistols, Nirvana, The Fall, The White Stripes und viele mehr, bevor der Rest der Welt hinhörte. Er spielte Reggae und Punk, als das nur wenige interessierte, und Bands, die Extreme Noise Terror hießen und auch so klangen. Seine Erinnerungen hat der DJ so unterhaltsam und exzentrisch angelegt wie seine Radio-Shows. Wer ihn nie gehört hat, bekommt eine Ahnung von der Magie seiner Sendungen. Für trauernde Verehrer ist dieses Buch ein herrlicher Trost.
CHRISTOPH DALLACH
SACHBUCH
Günter de Bruyn: "Als Poesie gut".
S. Fischer, Frankfurt/M.; 528 Seiten; 24,90 Euro.
Liebenswürdig, wissbegierig und anstrengend, so beschrieb Berlins erste Salondame Henriette Herz den Gast. Gemeint war Madame de Staël, die - auf Recherche-Reise für ihr Werk "Über Deutschland" - am 8. März 1804 in Preußens Hauptstadt eingetroffen war. Nur eine Viertelstunde gab sie dem Philosophen Johann Gottlieb Fichte, sein System zu erklären. Fast hätte es auch Friedrich Schiller erwischt, der elf Tage nach Abreise der eifrigen Lady im Hôtel de Russie abstieg. So knüpft sich hier eine Geschichte an die nächste. Ein Leben lang hat Günter de Bruyn die Vergangenheit der werdenden Metropole durchforscht; nun, mit 80, erzählt er in einem tiefenscharfen Panorama geradezu allwissend "Schicksale aus Berlins Kunstepoche" um 1800, zwischen Revolution und Freiheitskriegen, Goethe-Kult und Romantik. Um dieses edle, zudem gediegen illustrierte Buch wird so mancher Professor den Autor beneiden - mit Recht.
JOHANNES SALTZWEDEL
HÖRBUCH
Christian Dietrich Grabbe: "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung".
Random House Audio, Köln; 2 CDs, 83 Min.;19,49 Euro.
Heinrich Heine war angewidert und doch auch fasziniert. Christian Dietrich Grabbe, so urteilte Heine, schreibe wie ein "betrunkener Shakespeare", seine Vorzüge seien "verdunkelt" durch Geschmacklosigkeit. Tja nun, so war es, die Stücke, die dieser Grabbe (1801 bis 1836) schrieb, sind wild und wüst und seine Figuren Egozentriker, Säufer, Hohlköpfe, und vom Leben wollen sie Schnaps und Geld und die schöne Liddy, die Nichte des Barons. Es ist nicht einfach, den Inhalt dieses Irrsinns zusammenzufassen: Es ist Putztag in der Hölle, 13 Schneidergesellen müssen sterben wegen eines Paktes mit dem Teufel. Einfacher ist es festzustellen, dass zu wenige Texte von den Richtigen vorgetragen werden. Wiglaf Droste und Harry Rowohlt - für diese beiden wurde dieses Drama geschaffen.
KLAUS BRINKBÄUMER