Neue Bücher im Juni: "Ich bin einfach ich" - DER SPIEGEL
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Neue Bücher im Juni "Ich bin einfach ich"

Eine Auswahl der wichtigsten Belletristik- und Sachbuch-Veröffentlichungen im Mai - rezensiert vom KulturSPIEGEL.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Belletristik

Lena Gorelik: "Hochzeit in Jerusalem".
SchirmerGraf, München; 256 Seiten; 18,80 Euro.

Als 2004 Lena Goreliks halb autobiografisches Romandebüt "Meine weißen Nächte" erschien, wollten plötzlich alle wissen, wie sie sich denn nun eigentlich fühle: deutsch, russisch oder doch hauptsächlich jüdisch? Ihr zweites Buch "Hochzeit in Jerusalem" kann man wie eine Antwort auf diese Fragen lesen. Oder wie viele Antworten. "Ich bin einfach ich", sagt die Ich-Erzählerin noch zu Beginn. Aber so einfach ist es dann doch nicht, wenn man Anfang der achtziger Jahre als russische Jüdin in der Sowjetunion geboren und in Deutschland aufgewachsen ist. So ist dieser Roman vor allem die Geschichte einer (unfreiwilligen) Identitätssuche: Die Hauptfigur wird von ihrer ziemlich anstrengenden Familie zu einer gemeinsamen Reise nach Israel genötigt und muss sich dort wohl oder übel mit der Frage befassen, was es heißt, jüdisch zu sein. Zugegeben, das klingt nicht ganz neu. Lena Gorelik aber gelingt mit ihrem leichtfüßigen Humor eine Geschichte, die jedes Klischee, das ihr begegnet, ironisch zu wenden versteht.

SILJA UKENA

Clare Allan: "Poppy Shakespeare".
Aus dem Englischen von Thomas Stegers. Blessing, München; 352 Seiten; 19,95 Euro.

Schwarzes Kostüm, Spitzenbluse, Schlangenleder-Pumps - so steht Poppy Shakespeare in der Aufnahme einer psychiatrischen Klinik in London. "Ich bin nicht bekloppt", sagt sie. Aber was ist bekloppt? N, die Ich-Erzählerin des Romans, denkt sich wie die meisten anderen Patienten Symptome aus, um nicht als normal zu gelten und auf die Straße gesetzt zu werden. Und ausgerechnet N soll Poppy helfen, sich in der Institution zurechtzufinden, die viel Ähnlichkeit hat mit einem mittelständischen Unternehmen. Ob Ärger mit der Kantine oder bürokratische Rituale: Die Psychiatrie ist ein Zerrspiegel der Realität. Die britische Autorin Clare Allan war selbst jahrelang Patientin. In der Klinik wollten die Ärzte sie am Schreiben hindern. Rache ist süß: Sehr erfahren und lustig führt Allan vor, dass Wahnsinn eine Erfindung der Normalen ist.

MARIANNE WELLERSHOFF

Peter Weber: "Die melodielosen Jahre".
Suhrkamp, Frankfurt/M.; 192 S.; 16,80 Euro.

"Die Feinmotorik der Hand, wissen wir, setzt Phantasiestoffe frei, von denen sich Tischtiere ernähren": Dem Schriftsteller Oliver, der sich überall zu Hause fühlt, wo sein Schreibtisch steht, ist in den Bergen eine Katze zugelaufen. Das Tippen der mechanischen Schreibmaschine hatte sie angezogen. Nun will sie beharrlich mit dabei sein, wenn Sätze entstehen. In Peter Webers neuem Buch finden sich solche Tier-Stillleben als poetische Ruhezonen, sie entfalten sich in der heimischen Schweiz, in London, Warschau oder Istanbul. Der Autor schickt sein Alter Ego Oliver auch durch die deutschen Dialekt- und Resonanzräume und deren wechselnde Rhythmen. Im Gepäck des leidenschaftlichen Bahnfahrers sammeln sich derweil die herrlichsten Metaphern. Was Gottfried Keller der "Grüne Heinrich" war, ist seinem 39-jährigen Landsmann der oszillierende Oliver.

KATRIN HILLGRUBER

Rachel Cusk: "Arlington Park".
Aus dem Englischen von Sabine Hedinger. Rowohlt, Reinbek; 320 Seiten; 19,90 Euro.

Es ist nicht so, dass die Heldinnen von Arlington Park nicht alles hätten. Sie wohnen in einem Viertel von London mit guter Luft und repräsentativ renovierten Häusern. Ihre Kinder sind adrett gekleidet, ihre Ehen funktionieren, halbwegs zumindest. Trotzdem liegen manche nachts wach und leiden unter der Last ihres gut von ihnen ausgestatteten Lebens. Die Autorin Rachel Cusk, 39, die zu den spannendsten Schriftstellerinnen Großbritanniens zählt, hat eine Art weiblichen Gegenentwurf zu Ian McEwans Roman "Saturday" geschrieben. Auch ihr Roman "Arlington Road" spielt an einem einzigen Tag in London. Aus der Perspektive verschiedener Ehefrauen und Mütter schaut Cusk auf die Arrangements westlicher Mittelklasseleben. Im Gegensatz zu McEwan benennt sie sprachmächtig und genau den Durchhaltewillen, die Lügen, die ein solcher Lebensentwurf erzwingt. Keine der Heldinnen möchte wirklich aussteigen aus dieser Welt. Aber sehr unsentimental und weit entfernt von McEwans Idealisierung erzählt Cusk davon, dass Glück kein zu erwerbendes Gut ist. Und dass ein scheinbar gelungenes Leben manchmal furchtbar verregnet sein kann.

CLAUDIA VOIGT

Sachbuch

Ulrich Sieg: "Deutschlands Prophet. Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen Antisemitismus".
Hanser, München; 416 Seiten; 25,90 Euro.

Kaum einer kennt noch seinen Namen. Dabei verkörpert Paul de Lagarde (1827 bis 1891) erschreckend parallel Triumph und Tristesse des deutschen Gelehrten: Der rastlos fleißige Göttinger Philologe, der alle wichtigen Sprachen des Orients und Okzidents beherrschte, war eine Weltautorität für die verwickelte Textgeschichte des Alten Testaments - und hetzte zugleich als eingefleischter Antisemit in reaktionären Artikeln. Seine "Deutschen Schriften" (1878/81) wurden ein Best- und Longseller, den noch Adolf Hitler studierte. Tiefenscharf rekonstruiert der Marburger Zeitgeschichtler Ulrich Sieg Verbissenheit, Ehrgeiz und zwanghaften Eigensinn des Mannes, der zum Stichwortgeber des Unheils werden sollte, untersucht Lagardes fatale Wirkung und porträtiert zugleich jene Übergangsepoche, die von heute aus als Aufbruch in die Katastrophe erscheint.

JOHANNES SALTZWEDEL

Hörbuch

Victor Hugo: "Der letzte Tag eines Verurteilten".
Parlando, Berlin; 2 CDs; 137 Minuten.

"Ein schöner Tag", sagt der Namenlose, als er auf seine Verurteilung wartet und noch auf lebenslängliche Zwangsarbeit hoffen darf. "Möglich", sagt der Wärter vor der Kerkertür und lässt den Namenlosen wieder allein. Victor Hugo veröffentlichte die Geschichte 1829, sie wurde zu einem Essay, einem Schrei gegen die Todesstrafe; gegen deren Willkür, die Brutalität, diese ganze Barbarei, auch gegen die Gier der Masse nach Blut. Hugos Text ist der Monolog jenes Mannes, der auf den Gang zum Fallbeil wartet und sich erinnert: daran, wie es war, ein freier Mensch zu sein, wie sich das anfühlte, an etwas anderes denken zu können als an die eigene Hinrichtung. Der Schauspieler Christian Brückner gibt die Edition Parlando heraus, geschickt wählt er die Texte aus; dieser ist wie geschrieben für seine raue, brüchige Stimme.

KLAUS BRINKBÄUMER