Neue Bücher im Juni: Stimmen aus der Dunkelheit - DER SPIEGEL
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Neue Bücher im Juni Stimmen aus der Dunkelheit

Eine Auswahl der wichtigsten Belletristik- und Sachbuch-Veröffentlichungen im Juni - rezensiert vom KulturSPIEGEL.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

BELLETRISTIK

Katharina Faber: "Manchmal sehe ich am Himmel einen endlos weiten Strand"
(Bilgerverlag, Zürich; 304 Seiten; 25,20 Euro)


Als die Unternehmerin Darja Savary den jungen Alain Noiret trifft, steht sie vor den Trümmern ihrer Existenz. Müde, kaputt und alkoholsüchtig klammert sich die einst so schöne, männerverschlingende Frau an jenen verschlossenen Jungen, von dem sie nicht weiß, dass er ein Mörder ist. Es ist eine Flucht aus der Wirklichkeit in den sexuellen Exzess, denn gleichzeitig übernehmen in ihrer Firma die Berater von Crédit Lyonnais die Führung. Immer enger kreist Katharina Faber, 50, in ihrem Romandebüt diese beiden Verlorenen ein. Souverän, zärtlich und zynisch beschreibt sie Menschen, die Erfolg mit Glück und Macht mit Liebe verwechseln. Provozierend entblößt Faber gleichzeitig auch die Brutalität der Marktwirtschaft. Dieses Buch, bei einem kleinen Schweizer Verlag erschienen und zu Recht mit dem Rauriser Literaturpreis 2003 ausgezeichnet, ist eine Entdeckung.

SILJA UKENA

Asko Sahlberg: "Die Stimme der Dunkelheit"
(Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Luchterhand Literaturverlag, München; 256 Seiten; 20 Euro)


Wie isoliert kann ein Mensch leben? Nicht nach Nähe sehnt sich der Ich-Erzähler in Asko Sahlbergs erstem Roman, sondern nach Einsamkeit. Nach einem Zustand ohne Gefühle, in dem er sich nicht anpassen muss, in dem kein anderer etwas von ihm verlangt. So schläft er tagsüber und ist nachts wach. Doch dann, fast gleichzeitig, stören zwei Frauen seine selbst gewählte Klausur. Sahlberg, geboren 1964, ist wie seine Hauptfigur Finne und lebt in Schweden. Mit schneidender Klarheit schildert er ein Lebensexperiment, dessen Scheitern den endgültigen Bruch des Protagonisten mit dem Rest der Welt noch beschleunigt. Die Selbstbeobachtungen des Ich-Erzählers sind radikal und düster. Am Ende ist man deshalb ein bisschen erleichtert, dass draußen die Sonne scheint.

EVA-MARIA SCHNURR

Brigitte Giraud: "Das Leben entzwei"
(Aus dem Französischen von Anne Braun. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M.; 112 Seiten; 14 Euro)


Es ist eine Gnade, dass ein Mensch, dem etwas furchtbar Trauriges geschieht, eine Weile die Kraft behält, das Ereignis nicht wahr haben zu wollen. Er lebt noch "im Herz der Verdrängung". So nennt es die Schriftstellerin Brigitte Giraud, die im Sommer 1999 - sie ist fast 40 Jahre alt - ihren Mann Claude durch einen Motorradunfall verliert. Ihr autobiografischer Roman widmet sich der Zeit zwischen der Mitteilung und der Beerdigung, der ersten Woche im neuen, entzwei gegangenen Leben, in dem sie nun stückweise begreifen muss: Was das Wort "Leiche" bedeutet und der Zustand "endgültig" und welch ein "wackliges Duo" sie und ihr achtjähriger Sohn bilden werden. Girauds Selbstbeobachtung und ihr diskreter Rückblick auf die Ehe gehen deshalb so sehr unter die Haut, weil sich nicht ein einziger falscher Ton in die Wiedergabe des eigentlich Unbeschreiblichen gemischt hat.

DOJA HACKER

Christophe Honoré: "Die Sanftheit"
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger. Verlag Wagenbach, Berlin; 112 Seiten; 15,50 Euro


Etwas Furchtbares muss geschehen sein: Steven und Jérémy sind noch Kinder, als sie von Polizisten aus einem Zeltlager abgeführt werden. Ein verkohlter Leichnam ist gefunden worden. Jahre später versucht der inzwischen 19-jährige Steven über diese eine traumatische Nacht zu sprechen, weil sie wie ein Fluch über der Liaison seines Bruders Baptiste liegt: Der lebt mit der einstigen Leiterin des Jugendlagers zusammen. Nach und nach offenbart Christoph Honoré das Unfassbare jener Nacht: Jérémy ermordete aus Liebe zu Steven einen Jungen. In einem rauschhaften Exzess verbrannten sie schließlich die Leiche. Ein hoch psychologischer Roman über kindliche Liebe und Gewalt, der sich liest wie ein alptraumartiger Bewusstseinsstrom und der Frage nachgeht, ob "das ganze Leben in einer einzigen Nacht zerstört werden" kann.

TOBIAS HABERL




SACHBUCH

Herbert Haffner: "Furtwängler"
(Parthas Verlag, Berlin; 496 Seiten; 38 Euro)


War der Dirigent nun ein charakterloser Deutschmeister, ein verführtes Genie oder doch bloß ein weltfremder Romantiker? Viel vertrackter: Wilhelm Furtwängler (1886 bis 1954) konnte all das zugleich sein. Akribisch wie keiner vor ihm hat der Musikexperte Herbert Haffner die Quellen durchforscht. Sein glänzend geschriebenes Porträt zeigt einen selbstgewissen, leidenschaftlichen Klangherrscher, der sich widerwillig ins braune Propaganda-System hineinziehen lässt, der Rivalen abdrängt, Torheiten von sich gibt - und doch oft genug beherzt und gütig handelt. Auch Furtwänglers jupiterhaft freizügiges Liebesleben und seinen Entschluss zu sterben schildert Haffner packend, persönlich und nie parteiisch: Diese Biografie setzt Maßstäbe für einen Mythos.

JOHANNES SALTZWEDEL




BILDBAND

George Lois: "$ellebrity"
(Phaidon Press, London; 372 S.; 39,95 Euro)


Er steckte Ali MacGraw in eine Mülltonne und ließ Andy Warhol in einer Campbell's-Dosensuppe versinken, Muhammad Ali öffnete für ihn seine Fäuste und zeigte seine erstaunlich zarten Handflächen. Der Grafiker George Lois, 71, ist ein Überzeugungstäter. Als einer der ersten Art-Direktoren kam er in den frühen sechziger Jahren auf den Gedanken, dass Produkte und Prominenz voneinander profitieren können. Auch viele Jahre nach ihrem Erscheinen sind seine Kampagnen noch immer irritierend modern, weil sie Erwartungshaltungen ignorieren. Auch Lois' Titelbilder für das "Esquire"-Magazin sind legendär: ein Bild von John F. Kennedy sieben Monate nach dessen Tod, auf dem sich der ermordete Präsident scheinbar selbst die Tränen trocknet oder Leutnant William Calley, der zu den Killern des My-Lai-Massakers gehörte und lächelnd im Kreise vietnamesischer Kinder posiert. Es ist ein verzweifelter Humor, der aus seinen Arbeiten spricht. Dazu passt, dass Lois diesem Bildband eine Liste der "widerlichsten Berühmtheiten" voranstellt. Auf Platz eins: Lauren Bacall, "celebrity from hell".

CLAUDIA VOIGT