Neue Bücher im Oktober: Orte des Verschwindens - DER SPIEGEL
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Neue Bücher im Oktober Orte des Verschwindens

Eine Auswahl der wichtigsten Belletristik- und Sachbuch-Veröffentlichungen im Oktober - rezensiert vom KulturSPIEGEL.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

BELLETRISTIK

Judith Kuckart: "Die Verdächtige". DuMont Buchverlag, Köln; 288 Seiten; 19,90 Euro.

Von den auf der Welt möglichen Orten des Verschwindens ist die Geisterbahn sicher einer der seltsameren. Doch so geschieht es in Judith Kuckarts neuem Roman. Ein Mann taucht nach einer Geisterbahnfahrt auf einer Kirmes irgendwo im Bergischen nicht mehr auf. Draußen steht seine Freundin Marga und wartet. Zwei Wochen später geht sie zur Polizei. Dort übernimmt Hauptkommissar Robert Mandt den Fall, ein Mann, der wie George Clooney aussieht und offenbar ähnliche Schwierigkeiten hat, die richtige Frau zu finden. So beginnt eine Liebesgeschichte, die sich als Krimi tarnt. Ihre Grundstimmung ist leicht nebelig wie an einem melancholischen Tag im Herbst und in etwa so altmodisch wie die Geisterbahn in einer Zeit, die das Physische zugunsten des Elektronischen mehr und mehr aufgibt. Doch obwohl die Autorin das Pelzkrägelchenhafte manchmal zu sehr betont, gelingt ihr ein poetisches Buch über die Grenzen von Wirklichkeit und die Frage, wann aus der Erfindung eine Lüge wird.

SILJA UKENA

Marion Poschmann: "Hundenovelle". FVA, Frankfurt/M.; 128 Seiten; 17,80 Euro.

Unvermutet streicht der Hund aus einem Gebüsch und rollt sich zu Füßen der Frau ein. Die Frau sitzt am Rand einer verwilderten Wiese, schaut, wie die Pflanzen, der Spitzwegerich und silbriger Beifuß sich die Orte der Zivilisation zurückerobern. Der Hund schläft ein und wird die Frau freiwillig nicht wieder verlassen. Marion Poschmann hat eine Novelle geschrieben, in der sie dem Lauf der Dinge nachspürt, an jenen Orten, in jenen Lebenssituationen, in denen die Zielstrebigkeit der Ergebenheit weicht. Dass Poschmann auch Lyrikerin ist, spürt man beim Lesen der verdichteten, poetischen Sätze, die weit mehr erzählen als nur die Handlung. Sie zeichnet das Stimmungsgemälde einer urbanen, an den Rändern zerfasernden Gesellschaft. Ein Buch, das aus dem Feld der guterzählten Literatur weit herausragt.

CLAUDIA VOIGT

Thomas von Steinaecker: "Geister". FVA, Frankfurt/M.; 212 Seiten; 19,80 Euro.

Ganz zu Beginn muss Jürgen seiner eigenen Geburt zuschauen - in einem Fernsehfilm. Jürgens Familie ist für die Medien interessant, denn seine Schwester Ulrike ist im Alter von sechs Jahren spurlos verschwunden; ein Gewaltverbrechen, wie vermutet wird. Thomas von Steinaecker folgt seiner Figur von der Jugendzeit an durch ein mittelmäßiges Leben: Schulzeit im Internat, Ausbildung zum Physiotherapeuten, Ehe, eigene Tochter. Und die verschwundene Ulrike schwebt stets über allem. Eines Tages, da lebt Jürgen bereits getrennt von seiner Frau am Chiemsee, meldet sich eine Comic-Zeichnerin bei ihm, die in ihren Arbeiten Ulrikes Leben fortgeführt hat. Jürgen entwickelt eine Faszination für die gezeichnete Parallelwelt, und zusehends verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Von Steinaeckers neues Buch ist stilistisch und formal hochspannend: Die Grafikerin Daniela Kohl hat Comic-Zeichnungen beigesteuert, die in die Romanhandlung integriert sind; grafische Ebene und Textebene fließen auf diese Weise ineinander und verbinden sich zu einem ungewöhnlichen Kunstwerk.

CHRISTOPH SCHRÖDER

Uwe Tellkamp: "Der Turm". Suhrkamp, Frankfurt/M.; 976 Seiten; 24,80 Euro.

Auf beinahe tausend Seiten besingt dieses Buch die Freuden der lesenden, musizierenden, zartbitter die Zeitläufte belächelnden DDR-Bourgeoisie, die Schrecken der Nationalen Volksarmee und sieben Dresdner Jahre vor dem Mauerfall: "Der Turm" ist ein monströser, großspuriger und oft großartiger Romanklotz. Zentraler Held ist der Arztsohn Christian Hoffmann, der sich erst in einer an Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" erinnernden "Turmgesellschaft" aus Medizinern, Schriftstellern und Lektoren bewegt, dann aber beim Militär Denunziantentum, Duckmäuserei und brutale Gängelung erlebt. Der Arzt und Schriftsteller Uwe Tellkamp, 1968 in Dresden geboren und dort auch aufgewachsen, trat anfangs als Lyriker in Erscheinung (was man seinen hymnischen Beschreibungen von Braunkohlegeruch, Flora und Fauna bis heute anmerkt), saß auch selbst 1989 mal kurz in einem NVA-Gefängnis (weil er nicht mit einem Panzer auf Demonstranten zurollen wollte) und gilt bereits seit seinem 2005 erschienenen Roman "Der Eisvogel" als umstrittenes Talent. Hier präsentiert er ein pittoreskes, manchmal kitschprächtiges Breitwandpanorama der untergegangenen DDR-Gesellschaft, in der es an Südfrüchten mangelte, an Kunstfreiheit, Spaß und frischer Luft. Immerhin bietet diese Mangelwelt den Stoff zu einem mitreißend erzählten Heimatroman.

WOLFGANG HÖBEL



SACHBUCH

Pierre Bayard: "Freispruch für den Hund der Baskervilles". Aus dem Französischen von Lis Künzli. Antje Kunstmann, München; 208 Seiten; 16,90 Euro.

Warum hat der Meisterdetektiv nicht gleich selbst ermittelt? Dass Sherlock Holmes bloß seinen Freund Dr. Watson schickte, als ihm der Fall vom Mörderhund aus dem Dartmoor angetragen wurde, hat sich jetzt als Fehler erwiesen - als einer von vielen. Nur anhand von Arthur Conan Doyles Groß-Erzählung selbst kommt der Pariser Literaturdozent Pierre Bayard ("Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat"), der schon Shakespeare und Agatha Christie kritisch gegengelesen hat, bei seiner Nachermittlung zu einem völlig anderen Resultat: Auslöser des Unheils ist blanker Hass, und als treibende Kraft kommt nur jemand in Frage, an den keiner dachte, auch Doyle nicht und ebenso wenig die zahllosen Leser. Wer es ist? Diese Enthüllung spart sich das gewitzte, lehrreiche Büchlein kunstgerecht fürs Finale auf.

JOHANNES SALTZWEDEL



HÖRBUCH

Hans Magnus Enzensberger: "Hammerstein oder Der Eigensinn". Der Hörverlag, München; 3 CDs, 224 Minuten.

Es ist eine Geschichte aus dem Innern der Nazi-Welt und zugleich eine von deren Rand. Kurt Freiherr von Hammerstein-Equord befehligte das deutsche Heer bis zum Januar 1934, bis er verstanden hatte, was Adolf Hitler plante. War Hammerstein also ein Rebell? Manchmal. Manchmal war er auch Opportunist, er ließ sich zurückholen aus dem Rentnerleben, um zu Beginn des Kriegs noch mal ein Kommando zu führen. Eine Kleinigkeit verstört bei diesem Hörspiel: Hans Magnus Enzensberger führt fiktive Interviews mit Hammerstein, dessen Gefährten und einigen der sieben Kinder, von denen zwei angeblich für die Komintern spionierten und zwei beim Attentat auf Hitler mitmischten - und all diese Interviewpartner erwähnen beiläufig, wie scharfsinnig der Fragesteller doch sei. Man hätte es auch so bemerkt: "Hammerstein" ist außerdem auch noch aufregend und klug.

KLAUS BRINKBÄUMER