Neue Comics Harte Kerle, sensible Burschen
Frank Miller - "Sin City - Stadt ohne Gnade"
(Cross Cult/Amigo Grafik)
Das Thema der moralisch verdorbenen Megapolis ist nicht neu für Frank Miller. Ausflüge in den großstädtischen Sündenpfuhl finden sich bereits in früheren Werken, sei es Gotham City in "Batman - Year One" oder die New Yorker Hell's Kitchen im "Daredevil"-Zyklus. Am eindrucksvollsten aber ist das Motiv der urbanen Hölle in "Sin City", Millers Opus Magnum, verarbeitet. Die Saga erschien schon einmal vor Jahren bei Carlsen und Schreiber & Leser, kommt aber dieser Tage anlässlich der Hollywood-Verfilmung in einer um diverse Comicseiten und Extras erweiterten Neufassung auf den Markt.
"Sin City" ist Sodom und Gomorrha in der Version von Raymond Chandler und Dashiell Hammett: Nirgends sonst sind die Frauen so ruchlos und schön, die Helden so psychotisch, die Seelen käuflicher als hier. Die Gefühle sind groß und die Vorräte an todbringenden Kugeln schier unendlich. Eine durchgehende Handlung für die verschiedenen Episoden gibt es nicht. Miller kreiert seine Helden und Antihelden ständig neu aus dem Klischee-Fundus der sogenannten Hardboiled-Krimis. Die aufsehenerregende Schwarzweiß-Grafik ist eine effektvolle Hommage an die Schwarze Serie Hollywoods, eine Orgie aus tiefen Schatten und gleißendem Licht. Trotz der harten Kontraste verwischen Positiv und Negativ ständig, Gut und Böse tauschen die Plätze, lösen sich auf. "Sin City" ist die komplette Demontage von Hoffnung und Heldentum. Ein Comic wie ein perfekter platzierter Faustschlag.
Baru - "Wut im Bauch"
(Edition 52)
Raus will er, nur raus. Anton Witkowski, der schlecht in der Schule ist und gut im Schlagen, passt es nicht, ein angepasstes Leben zu führen. Der Junge aus der Pariser Banlieue hat ein hübsches Gesicht und hohe Ziele. Boxen heißt das Zauberwort, auch wenn sein Vater das nicht gerne hört. Witkowski, der seine Gegner im Ring reihenweise niederstreckt, wird bald Meister im Weltergewicht und Medienliebling. Er hat es geschafft, er ist raus. Aber die Wut, die Unruhe und Unzufriedenheit bleiben. Baru, der preisgekrönte Unruhestifter unter den jungen französischen Comic-Künstlern, spielt einmal mehr mit dem Motiv des zornigen jungen Mannes.
Witkowski ist kein Million-Dollar-Baby, eher ein wilder Stier. Freiheit gibt es für ihn nur im Ring, in den von Baru ohne Dialog inszenierten Kampfszenen. So wie sich Witkowskis Gefühle komplett auf den engen Raum des Rings konzentrieren, fokussiert Baru sein Sportdrama ganz auf den Auf- und Abstieg seiner Hauptfigur. Der Erzählrhythmus ist hart und vorwärtstreibend wie ein Boxkampf, nur gelegentlich akzentuiert der Zeichner sein schnelles, kaltes Drama mit einigen gefühlvollen Momenten.
Morvan & Munuera - "Spirou & Fantasio - Flut über Paris"
(Carlsen Comics)
Die Krise ist Dauerbestandteil des franko-belgischen Klassikers "Spirou & Fantasio". Schon in den fünfziger Jahren, als der legendäre Franquin diese Abenteuerserie in ungeahnte Höhen brachte, kam der Comic aufgrund privater Probleme des Künstlers immer wieder ins Stocken. Danach folgte ein stetiges Auf und Ab durch wechselnde Zeichner und Autoren, ehe vor sieben Jahren eher unfreiwillig ein Schlusspunkt gesetzt wurde. Die in Auftrag gegebene Modernisierung der Serie floppte kommerziell so eklatant, dass sich die letzten Kreativen zurückzogen und kein Ersatz zu finden war. Erst mit Morvan und Munuera, beide sonst eher im Bereich der Funny-Fantasy aktiv, konnte im letzten Jahr die Geschichte der Serie fortgeschrieben werden. "Flut über Paris", Nr. 45 in der Albenreihe, ist eine Geschichte, die es allen recht machen will. Viel Action für die moderne Generation französischer Comicleser, altbekannte Hauptfiguren und eine nur dezent modernisierte Grafik für das Stammpublikum.
Bei diesem Spagat verliert sich leider die Geschichte, die seltsam gefühllos bleibt und über weite Strecken aus endlosen Verfolgungsjagden durch das unter Wasser gesetzte Paris besteht. Auch der durch das Zusammenspiel der Charaktere entstandene Charme ist fast völlig verschwunden. Spirou & Fantasio interagieren nicht, sie bewegen sich nur. Am Schönsten ist es da noch, wenn Morvan und Munuera für einen Moment innehalten. Dann blättert die Schurkin der Geschichte in ihrem Fotoalbum oder lässt Roboter die von Menschen verlassenen Tiere des Pariser Zoos füttern. Etwas mehr von dieser Zärtlichkeit und Ruhe hätte dem Band und der Serie gut getan.
Dupuy & Berberian - "Monsieur Jean - Die Kunst, glücklich zu sein (ohne es zu merken)"
(Reprodukt)
Von dem sonst eher auf nostalgische Sammlerware spezialisierten Kleinverlag Salleck Publications wechselte "Monsieur Jean" jüngst zum etablierten Comic-Riesen Reprodukt. Damit ist die Chance gegeben, dass diese Serie ihrem unverdienten Nischendasein entkommt. Denn was Dupuy und Berberian seit über zehn Jahren in Frankreich produzieren, ist nichts weniger als das tragikomische, poetische Sittenbild der Mittdreißiger-Generation - in sanften Strichen und Farben, aber nicht ohne eine gewisse Bissigkeit. Die Hauptfigur ihrer Alben und Kurzgeschichten ist der Schriftsteller Jean, dessen Bücher Titel wie "Der Ebenholztisch" tragen und die ebenso verkopft und erfolglos sind wie ihr Autor.
Jean, hin- und hergerissen zwischen dem äußeren Zwang, endlich erwachsen zu werden, der eigenen Unsicherheit und den Katastrophen des Alltags, ist eine klassische Truffaut-Figur, ein ernster, aber nicht ganz ernstzunehmender Intellektueller. Wie Dupuy und Berberian um diese Figur ihr Weltbild stricken sowie eine ganze Reihe markanter Nebenfiguren unterhalten, ist von wunderbarer Leichtigkeit. "Monsieur Jean" ist keine abgehobene Betrachtung zweier besserwisserischer Erzähler, sondern ein sympathisches Mitstolpern auf einem verworrenen Lebensweg.
Manuele Fior - "Menschen am Sonntag"
(Avant-Verlag)
Italienische Comics wären hierzulande kaum bekannt, gäbe es nicht den Berliner Avant-Verlag, der sich seit Jahren auf diesem Gebiet engagiert. Mit "Menschen am Sonntag" des Wahlberliners Manuele Fior legt er nun sogar eine absolute Erstveröffentlichung eines italienischen Comics vor. Der Comic-Roman des jungen italienischen Künstlers ist dezent autobiografisch gefärbt. Es geht, wie in allen guten Geschichten, um nicht viel und doch um alles: Fausto verbringt seinen letzten Abend in Berlin in einem Nachtclub und im Bett der schönen Nina - wohl wissend, dass die Koffer gepackt sind und das Ticket gekauft.
Eine Liebesgeschichte also, und eine kleine Hommage an Berlin, die Fior in liebevollen Details stimmungsvoll in Szene setzt. Der Zeichner und Autor inszeniert seinen Plot knapp und präzise, in wenigen Strichen und weichen Linien. Das weckt Assoziationen zu Craig Thompsons "Blankets", ist aber wesentlich reduzierter in Stil, Umfang und Bedeutungsinhalt. Ein Comic, vergleichbar mit einer selbstgemalten Postkarte: klein, aber privat, völlig unprätentiös und sehr sympathisch.