Neue Comics: Kaputt and the City - DER SPIEGEL
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Neue Comics Kaputt and the City

Mit seiner Comic-Serie "Criminal" setzt US-Autor Ed Brubaker dem Noir-Genre ein grandioses Denkmal. Außerdem in Stefan Pannors Comic-Kolumne: die "Isnogud"-Gesamtausgabe, unsichtbare Revoluzzer und eine fast vergessene Perle von Alan Moore.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ed Brubaker/Sean Phillips: "Criminal"
(Panini Comics, 160 Seiten, 14,95 Euro)

Am Ende sind alle tot. Oder zumindest todunglücklich. So simpel ließe sich das Konzept von "Criminal" umschreiben. Aber weil es dann doch nicht so simpel ist, handelt es sich bei "Criminal" um die möglicherweise beste derzeit laufende Comic-Serie der USA. Jetzt ist eine deutsche Ausgabe gestartet.

Von der Vorstellung eines Helden, ja gar einer Hauptfigur, sollte man sich bei "Criminal" schnell lösen. Es geht um die Wege einer Vielzahl von Personen, deren Schicksale von den fünfziger bis in die siebziger Jahre hinein locker miteinander verknüpft sind. Fast alle Protagonisten sind Verbrecher. Und immer, wenn der Comic in ihre Geschichte einsteigt, sitzen sie richtig tief in der Klemme.

Oberflächlich fällt da die Genrezuordnung leicht. Das ist Crime Noir, wie er im Buche steht. Hier findet sich die ganze Welt des Pulp in einem Comic: der Kleinkriminelle, der sich in die Machenschaften großer Gangster verstrickt. Der Bulle, der sein eigenes Spiel spielt. Der Boxer mit der dunklen Vergangenheit. Der kaputte Vietnam-Veteran. Sympathie für diese Figuren empfindet man nur in der Form, wie sie die Geisel für den Geiselnehmer fühlt.

"Criminal" ist voll von direkten oder indirekten Verweisen auf die bedeutenden Filme des Noir-Genres, vom "Malteser Falken" bis hin zu modernen Variationen wie "No Country for Old Men". Der Schundroman als Kaleidoskop amerikanischer Popkultur: Wenn Gnarley, der schwarze Boxer, seinen weißen Kumpel fragt, was der denn über die Situation der Schwarzen in Amerika wisse, antwortet der, "Hey, ich hab 'Shaft' gesehen."

Zugleich aber steht die Serie in der Tradition der modernen amerikanischen Literatur. Ereignisse laufen parallel ab oder werden über die einzelnen Kapitel verteilt in nichtchronologischer Reihenfolge erzählt. Das Ergebnis ist ein sich nach und nach füllender Flickenteppich des Verbrechens ohne konkreten Anfang und konkretes Ende. Das ähnelt den Cut-up-Romanen von William S. Burroughs, mehr noch aber den Mosaikromanen von John dos Passos. "Criminal" ist eine Art "Manhattan Transfer" mit Mord und Totschlag.

Geschrieben wird "Criminal" von Ed Brubaker, die Serie ist sein Herzensprojekt. Alle Ausgaben finanziert er aus eigener Tasche, und laut eigener Aussage hat er noch keinen Cent Gewinn damit gemacht. Erlauben kann er sich das nur, weil er zu den momentan bestdotierten Comic-Autoren der Vereinigten Staaten gehört. Brubakers Sicht auf Verbrechen und Verbrecher ist zutiefst romantisch, wenn auch auf eine dunkle und nihilistische Weise. Großen Anteil an der Vermittlung dieser sinistren Stimmung haben die Zeichnungen von Sean Phillips. Autor und Zeichner sind ein seit langem eingespieltes Team. Anfang des Jahrzehnts legten sie mit "Sleeper" eine Doppelagenten-Story vor, die von Kritikern gelobt, von den Lesern allerdings weitgehend ignoriert wurde.

Phillips arbeitet seit Jahren an einer Reduktion seines Stils, was ihn für die den US-Markt dominierenden Superheldenserien mit ihren opulenten Panels nahezu untauglich macht. In "Criminal" sind seine Zeichnungen nochmal ein wenig kratziger, karger geworden, seine Figuren sehen noch kaputter und geschundener aus. Die Verbrecher, sie sind in "Criminal" die großen Schmerzensmänner der Nation.

Grant Morrison/Diverse - "Invisibles"

Grant Morrison/Diverse - "Invisibles"
(Panini/Vertigo, 324 Seiten, 28 Euro)

Als in den neunziger Jahren in Folgen von "Akte X" Verschwörungstheorien boomten, drehte der schottische Comic-Autor Grant Morrison den Wahnsinn einfach um: "Invisibles" hieß seine Antwort auf den grassierenden Zweifel.

Jede je erfundene Verschwörungstheorie, sagt er in seiner Serie, ist wahr. Japanische Firmen schalten ihre Angestellten mittels Strahlung gleich. Parlamentssitzungen sind in Wahrheit gigantische okkulte Orgien. Britische Lords veranstalten in ihrer Freizeit Menschenjagden. Und natürlich wollen Aliens seit Jahrhunderten die Weltherrschaft erringen. Widerstand in diesem Konspirationschaos leisten nur die Invisibles: ein Transvestit, eine Zeitreisende, ein Schundautor, ein Cop und ein Punk gegen die Welt.

Das ist auch als Satire harter Stoff. Bereits im ersten Kapitel tauchen die Beatles auf, später Marquis de Sade, Lord Byron. Ohne eine gute Allgemeinbildung verirrt man sich schnell im Labyrinth popkultureller Querverweise. Trotzdem ist "Invisibles" kein Avantgarde-Comic. Dafür ist Morrison viel zu selbstironisch. "Als ich klein war, wollte ich in einer Sechziger-Jahre-Agentenserie leben, wenn ich groß bin", sagt King Mob, Chef der Invisibles-Zelle und zugleich Alter Ego des Autors im Comic. "Komisch, wie manches wahr wird."

60 Hefte, 1500 Seiten lang, hetzte Morrison seine Helden durch alle Abstrusitäten der menschlichen Phantasie. Auf Deutsch erscheint die Serie jetzt ordentlich gesammelt in fünf dicken Bänden.

Rene Goscinny/Jean Tabary: "Isnogud"

Rene Goscinny/Jean Tabary: " Die gesammelten Abenteuer des Großwesirs Isnogud"
(Ehapa Comic Collection, 9 Bände á 160 Seiten, je 29 Euro)

"Kalif werden zu wollen anstelle des Kalifen" - das hatte der französische Volksmund zuletzt Nicolas Sarkozy unterstellt, nur dass dort von Präsidentschaft die Rede war. Geschafft hat es Sarkozy trotzdem. Anders als der hier stichwortgebende intrigante Großwesir, den "Asterix"-Autor René Goscinny zusammen mit Jean Tabary 1961 erschaffen hat, und der seitdem vergeblich die Macht im Kalifat anstrebt.

Es ist die Geschichte eines grandiosen Scheiterns. Tag um Tag bemüht sich der hinterlistige Isnogud darum, den eigentlichen Kalifen Harun al Pussah vom Thron respektive Kissenberg zu vertreiben. Dass ihm das stets misslingt, liegt nicht am Kalifen, der von den Intrigen gar nichts mitbekommt. Isnogud scheitert am ungnädigen Geschick, am Willen höherer Mächte, an unfähigen Gehilfen oder schlicht daran, dass er sich alles viel zu kompliziert ausgedacht hat. Eigentlich ein Schurke, der gewissenlos gedungene Mörder, Lampengeister und Mongolenhorden zum Erreichen seines Ziels einsetzt, wird Isnogud so auch zur gar nicht unsympathischen tragischen Figur, die um so stärker scheitert, je mehr sie sich bemüht.

In Deutschland führte die Serie neben Goscinnys großen Titeln "Asterix", "Lucky Luke" und "Der kleine Nick" immer ein Schattendasein. Jahrelang war sie nicht verfügbar. Eine jetzt gestartete Gesamtausgabe soll in neun umfangreichen Alben alle gesammelten Schurkereien enthalten. Die vollkommen willkürliche Reihung der Geschichten und ein fehlender Anmerkungsapparat für so manche auf tagespolitische Ereignisse der sechziger Jahre bezogene Spitzen trüben das Vergnügen leider etwas. "Isnogud" ist eines der größten Werke eines der wichtigsten Humoristen des 20. Jahrhunderts. Die vorliegende Ausgabe wird diesem Status leider nicht gerecht.

Alan Moore/Diverse: "Alan Moores WildC.A.T.S."

Alan Moore/Diverse: " Alan Moores WildC.A.T.S."
(Panini Comics/ Wildstorm, 212 Seiten, 19,95 Euro)

So wie Orson Welles' "Citizen Kane" sich die besten Journalisten seiner Zeit für sein Käseblatt kaufte, holten sich die Gründer des amerikanischen Image-Verlages Mitte der neunziger Jahre die größten Comic-Autoren ins Boot, um ihre zwar grafisch aufsehenerregenden, inhaltlich jedoch blutleeren Comics auf Vordermann zu bringen. Darunter Frank Miller und Neil Gaiman, die mit traumhaften Honoraren geködert wurden.

Für die von Jim Lee erdachte Superheldenserie "WildC.A.T.S." wurde ausgerechnet Alan Moore bestellt. Der hatte Ende der achtziger Jahre mit "Watchmen" dem Genre der Superhelden seine Grenzen aufgezeigt und war war damals gerade dabei, seinen Jack-the-Ripper-Brocken "From Hell" zu vollenden. Für "WildC.A.T.S." legte Moore seinen literarischen Ton fast vollständig ab. Leichtfüßig schickte er das bizarre Heldenteam auf eine Odyssee durchs All und in einen Kampf gegen das organisierte Verbrechen.

Was für Moore nur ein Brotjob war, ließ seine schreibenden Kollegen einmal mehr blass aussehen. 14 witzige, selbstironische, teilweise poetische und zitatenreiche Hefte lang blieb er bei der Serie. Die knapp 400 Seiten zählen zu den erfrischendsten Superhelden-Comics überhaupt.