Neue Comics: Runter mit der Maske, Spider-Man! - DER SPIEGEL
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Neue Comics Runter mit der Maske, Spider-Man!

Mit der jetzt vollendeten Bürgerkriegs-Serie "Civil War" ist dem US-Verlag Marvel ein großer Wurf gelungen, meint Jörg Böckem in seiner Comic-Kolumne. Außerdem neu im Regal: Zombie-Superhelden, Großstadt-Apokalypsen und rührende Teenager-Dramen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mark Millar, Steve McNiven, u.a.: "Civil War"
(Marvel/Panini Comics)

Es ist das Ende der Comic-Welt, wie wir sie kennen: Spider-Man demaskiert, Captain America ein Staatsfeind, Thor ein geklonter Mörder, die Fantastischen Vier auseinandergerissen: Das Ding flüchtet ins, ausgerechnet, französische Exil, die Fackel, von braven New Yorker Bürgern zuvor krankenhausreif geprügelt, geht zusammen mit der Unsichtbaren in den Untergrund, während Teamchef Reed Richards ein Hochsicherheitsgefängnis für Staatsfeinde betreibt, in dem auch Heldenkollegen und ehemalige Kampfgefährten interniert werden. "Civil War", das wohl politischste Comic-Event, dass von dem amerikanischen Großverlag Marvel bisher publiziert wurde, hat die Helden ziemlich aufgemischt.


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Es beginnt mit einem Superheldeneinssatz, der aus dem Ruder läuft - ein publicitygieriges Team junger Helden versucht, von Kamerateams begleitet, eine Gruppe Schurken zu überwältigen. Während des Kampfes kommt es zu einer gewaltigen Explosion, die einen Großteil der beteiligten Helden und Schurken tötet - und 600 Zivilisten, inklusive Kinder einer nahe gelegen Grundschule.

Die öffentliche Empörung wird von konservativen Kräften in der Regierung zur Verabschiedung eines neuen Gesetzes genutzt: Alle Kostümträger und Wesen mit übermenschlichen Fähigkeiten, Helden wie Schurken, sollen überwacht und gezwungen werden, der Regierung ihre Identität zu enthüllen und sich in den Dienst des amerikanischen Geheimdienstes zu stellen. Einige von ihnen, allen voran Iron Man und Mister Fantastic, unterstützen die Regierung. Andere, wie der Vorzeigepatriot Captain America, sehen das Gesetz als unhaltbaren Angriff auf die persönliche Freiheit und die Grundrechte, sie erkennen darin den ersten Schritt zu einem totalitären Polizeistaat.

Diese Rebellen verweigern sich der Registrierung und werden von den ehemaligen Teamkameraden als Staatsfeinde gejagt. Der Bürgerkrieg hat begonnen, die zentrale Streitfrage lautet: Darf man Freiheit und Grundrechte dem Bedürfnis nach Sicherheit opfern? Der etwas griffigere Slogan, unter dem das Epos vermarktet wird, lautet: "Auf welcher Seite stehst du?"

Wer ist stärker?

Mit "Civil War" ist den Autoren, allen voran Mark Millar, Brian Michael Bendis, Paul Jenkins und J. Michael Straczynski, ein Drahtseilakt geglückt: Die politische Dimension, Parallelen zum 11. September, Terrorparanoia, dem Patriot Act oder Guantanamo sind unübersehbar, und im Hintergrund zieht ein skrupelloser, um Gewinnmaximierung bemühter Wirtschaftskonzern die Fäden.

Selten wurden die Abenteuer kostümierter Helden in so großem Stil in den Abgründen der modernen Realität verankert. Die Streitgespräche und Entscheidungsprozesse der Protagonisten sind oft spannender als ihre Schlägereien. Gleichzeitig bekommt der Fan epische Kämpfe zwischen ehemaligen Teamkameraden und Verbündeten geboten. Schon immer hat den jugendlichen Comic-Käufer vor allem eine Frage interessiert: "Wer ist stärker?" Dieser Frage widmet sich "Civil War" ausgiebig. Die politische Allegorie, sagt Mark Millar, sei ein Bonus für erwachsene Leser. "Für die Kids ist es einfach ein monumentaler Kampf der Helden."

Genau hier liegen dann auch die Schwächen der Serie - nicht jede der Geschichten hat Substanz, oft wird die brisante Ausgangssituation nur zum Anlass für tumbe Prügeleien genommen. Der Zwang, möglichst viele Figuren irgendwie in das Spektakel zu integrieren ist spürbar - und die regierungskonformen Stimmen unter den Helden tönen meist lauter. Der Großkonzern Marvel will halt Comics verkaufen und ein gewaltiges Heldenpantheon auf Trab halten. Doch trotz aller Abstriche hebt sich "Civil War" wohltuend von den üblichen Schlachtszenarien solcher Crossover-Events ab.

Anfang September erscheint der siebte und letzte Band des Bürgerkriegs-Epos. Es ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen - und es fühlt sich gut an!

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