Neue Sommerromane Der Terror des Strands
Urlauber in Rimini: Körperliche Schönheit beherrscht die Wahrnehmung
Foto: LORIS FABBRINI/ ASSOCIATED PRESSLachsfarbene Shorts und Brooks-Brothers-Hemden: Colson Whiteheads "Der letzte Sommer auf Long Island"
Zuerst scheint es, als herrsche in Sag Harbor die liberale Utopie. Zwei Autostunden östlich von Downtown Manhattan, liegt das Städtchen an einer Atlantikbucht auf Long Island. Und so, wie es Colson Whitehead zu Beginn seines inzwischen fünften Romans "Der letzte Sommer auf Long Island" beschreibt, ist in Sag Harbor egal, wo man herkommt, wenn man nur hierher kommt, und egal, wie man aussieht, wenn man nur die richtigen Klamotten trägt.
Neun Monate pro Jahr leben Benji, 15, und sein Bruder Reggie, 14, in Manhattan und werden dort für die kleinen Prinzen eines afrikanischen Despoten gehalten (warum sonst sollten Schwarze gebügelte Kleider tragen?). In den Sommermonaten, die sie regelmäßig in Sag Harbor verbringen, begegnen ihnen solche Vorurteile nicht: "Dort passten wir hin." Neuankömmlinge im Ferienidyll werden skeptisch beäugt und herzlich willkommen geheißen, solange sie lachsfarbene Shorts und weiße Brooks-Brothers-Hemden tragen. Nur das Geld und ein freundliches Auftreten zählen in Sag Harbor, und beides kann man sich erarbeiten - so in etwa ging ja auch einmal der amerikanische Traum.
Doch die Idylle, die sich durch den naiven Blick des jugendlichen Erzählers Benji erschließt, ist trügerisch. Den Alltagsrassismus des amerikanischen Festlands gibt es im Sag Harbor nur deshalb nicht, weil hier noch Mitte der achtziger Jahre absolute Rassentrennung herrscht. Weiße wie Schwarze greifen hastig zum Fernglas, wenn sie am Horizont einen Andersfarbigen erspähen. Näher kommt man sich nicht, sondern baut hohe Zäune und richtet Hunde auf Hautfarben ab. Kaum ist der erste Eindruck zerstört, wankt der nächste. Denn wie Sag Harbor ist auch die Mittelschichtsfamilie von Benji und Reggie kaputter als man auf den ersten Blick denkt. Der Vater ist Alkoholiker, Zyniker, Schläger, die ältere Schwester längst von zu Hause abgehauen.
Im Zentrum der Erzählungen von Benji aber stehen ganz andere Dinge: Der erste richtige Job in einer Eisdiele, die scheinbar zufälligen Zusammenstöße mit den drallen Brüsten der Arbeitskollegin, und der denkwürdige Tag, als plötzlich die Rapper der Untouchable Force Organization (einziger Hit: "Roxanne, Roxanne") am Tresen stehen und Eis bestellen. Der erste Kuss, die Bill Cosby Show, das erste Aufbegehren, Betamax - das wohlige Rauschen der Nostalgie, das sich aus Jugenderinnerungen und Konsumkultur speist, beherrscht Colson Whitehead perfekt.
Ins Kitschige kippt die Stimmung dennoch nicht, denn der Autor deutet immer wieder auf die Dinge hin, bei denen sein Erzähler lieber nicht genau hinschaut: Auf die körperliche Gewalt drinnen, in der Familie, und die strukturelle Gewalt draußen, im Reaganland. Als sich "Der letzte Sommer auf Long Island" dem Ende zuneigt, beschließt Benji, ab sofort seinen Namen zu ändern, Ben zu sein, erwachsen zu werden. Man möchte ihm dazu gratulieren. Und ganz dringend davon abraten. Oskar Piegsa
Männer als aufgegeilte Triebwesen: Silvia Avallones "Sommer aus Stahl"
Zwei Wörter bilden in diesem Buch, das von der Freundschaft zweier Mädchen handelt, ein extrem gegensätzliches Duo: "Schönheit" und "Scheiße". Sie prägen den Roman ähnlich stark, wie die Beziehung der Hauptfiguren Anna und Francesca die Geschichte bestimmt. So einfühlsam, nuanciert, zärtlich Silvia Avallone über die beiden Mädchen zu schreiben weiß, so fatalistisch derb setzt sie ihre Figuren dem Spannungsfeld dieses Wortpaars aus, das kein Entrinnen zulässt.
Körperliche Schönheit beherrscht in diesem Roman die Wahrnehmung auf eine irritierend totale Weise, sie erscheint aggressiv, seelenlos kalt und seltsam unmotiviert auf ihrer Bühne, dem Strand von Piombino. Der schmale Sandstreifen vis-à-vis der Insel Elba gleicht einem erbarmungslosen Laufsteg, auf dem die Heranwachsenden des Orts früh lernen, nie frei von abwertenden Blicken zu sein und sich selbst wertsteigernd zu inszenieren - was nichts anderes heißt, als sexuelles Begehren zu wecken.
Niemand weiß das besser als Francesca, die mit Anna aufgewachsen ist: im selben heruntergekommenen Mietshaus direkt am Strand, in ähnlichen familiären Verhältnissen, die ebenso permanent verflucht werden wie überhaupt das Leben in dieser Industriestadt an der toskanischen Küste: "Merda!" Doch während Annas Vater nur ein kleinkrimineller Loser ist, wird Francesca von ihrem Erzeuger misshandelt. Das Mädchen reagiert auf die Schläge mit einer Mischung aus Hass und Unterwerfung - und vielleicht auch mit einer generellen Abneigung gegen Männer, die sie freilich nicht daran hindert, sich immer aufreizender zu inszenieren.
Sie ist 14 Jahre alt, hat niemanden außer Anna, und als sich die schwesterliche Freundin in einen Arbeiter verliebt, beginnt ein Freundschaftsdrama, das die junge Autorin wunderbar ausbalanciert erzählt - soweit das Leben in Piombino eine Balance zulässt. Einmal heißt es, eine Schönheit wie Francesca bringe das Städtchen nur alle drei, vier Generationen hervor. Dabei lungert ihre Vorgänger-Bella noch immer am Strand herum und steht ihrem Lover stets zur Verfügung: für eine schnelle Nummer hinter den Badehäusern oder ein bisschen klönen, koksen und Pornos gucken. Sie heißt Sophia, ist gerade einmal volljährig, Kassiererin im Supermarkt und den Freundinnen ein Vorschein der eigenen Zukunft, über die sie nicht verfügen.
Denn alle Macht in diesem erstaunlichen Debüt, das in Italien 300.000-mal verkauft wurde, geht von jenem gigantischen Stahlwerk aus, das sich hinter den Mietskasernen am Strand erstreckt. In einer Mischung aus Faszination und Abscheu stilisiert Avallone die Industrieanlage zu einem ächzenden Moloch, der nicht nur die körperliche und geistige Kraft aus den Arbeitern saugt, sondern auch ihre Sexualität fremdbestimmt. Die Männer des Romans erscheinen durchgängig als von der heißen Energie aufgegeilte Triebwesen, die sich nach Schichtende zwanghaft entladen müssen.
Diese mystische Determinierung bekommt dem Roman ebenso wenig wie die groben Typisierungen einzelner Figuren, die gelegentlich naiv didaktisch wie in einem Jugendroman daherkommen. Das Buch ist nicht frei von Mängeln, doch gerade aus ihnen gewinnt es seine ungefüge Schönheit: Sie ist leidenschaftlich, ungebärdig und hat den Terror des Strands überwunden. Hans-Jost Weyandt
Die Beschissenheit des Sommers: Dimitri Verhulsts "Die letzte Liebe meiner Mutter"
Mann, Frau, Kind, Urlaub - klingt nicht prinzipiell schlimm. Die Versuchsanordnung in Dimitri Verhulsts "Die letzte Liebe meiner Mutter" allerdings könnte kaum schäbiger sein. Der Belgier, bekannt geworden durch " Die Beschissenheit der Dinge", wendet sich in diesem Roman der Verkacktheit des Urlaubs zu: Die Frau getrennt, vom Ex-Mann, einem Säufer, geschlagen und missbraucht, hat sich in manischen Putzzwang und die Welt der Fernsehserien geflüchtet. Ihrem neuen, 27-jährigen Freund, Arbeiter in einem belgischen VW-Werk, geht es vor allen darum, die Fassade zu wahren. Er lässt sich mit der älteren, geschiedenen Frau ein, beobachtet aber ebenso gern deren Sohn unter der Dusche. Der, Jimmy, steht an der Schwelle zwischen Kindheit und Pubertät, hängt an seiner Mutter, leidet unter ihrem aggressiven Liebhaber, der sich schnell als Stiefvater aufzuspielen beginnt - und dann ist da noch Héloïse, ein paar Jahre Jahre älter als Jimmy.
Alle vier pfercht Verhulst in einen Reisebus. Ausgerechnet in den Schwarzwald geht die Fahrt. Man meint, sich für Belgier kaum ein exotischeres Reiseziel vorstellen zu können. Anfang der achtziger Jahre gab es offenbar auch kaum ein preisgünstigeres. Verhulst lässt keine Gelegenheit aus, die Reisenden als minderbemittelte Kleinbürger vorzuführen: Allesamt Chauvinsten, haben sie eine Schwäche für Schnaps, schlüpfrige Witze und überladene Schlachtplatten - es kann ihnen gar nicht grob genug zugehen.
Doch je mehr sich Verhulst darin gefällt, sein Personal zu verhöhnen, desto mehr fällt er selbst jener selbstgenügsamen Ästhetik anheim, über die er sich eigentlich erheben wollte. Wo ist letztlich der Unterschied zwischen dem schlichten, ressentimentgeladenen Menschenbild seiner Figuren und dem, das dieses Buch an den Tag legt?
"Die letzte Liebe meiner Mutter" hat die Anlagen zu einem zynischen, rotzig erzählten Anti-Sommerroman, wäre Verhulsts Blick auf Pauschalreisende nicht allzu pauschal. Dass er zudem seinem Buch einen in ferner Zukunft spielenden Epilog anhängt, bestätigt nur den Verdacht, der sich während der Lektüre schon aufgedrängt hatte: Womöglich wäre Verhulst gern der flämische Houellebecq - Boshaftigkeit allein reicht dafür nicht aus. Sebastian Hammelehle