Paul Auster: Das (wahre) Buch der Illusionen - DER SPIEGEL
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Paul Auster Das (wahre) Buch der Illusionen

In der ständigen Zufälligkeit und Verselbstständigung der Dinge liegen Angst und Faszination zugleich: Mit seinem kunstvoll verschachtelten Roman "Nacht des Orakels" liefert der gefeierte New Yorker Autor Paul Auster eine Art Kompakt-Version seiner Lieblingsthemen.
Von Frank Lähnemann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Worte sind etwas Reales, und niemand weiß mehr um ihre Macht als Paul Auster. Seit jeher ist die Vermischung von Realität und Illusion Thema seiner Werke. Nun hat er sie in seinem neuen, elften Roman "Nacht des Orakels" zur Vollendung geführt. Und zwar so, dass dem Leser kalte Schauer über den Rücken jagen und er anfängt, sein eigenes Leben zu hinterfragen: "Alles Menschliche ist real, und manchmal wissen wir Dinge, bevor sie passieren, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind."

Paul Auster, 57, immer noch einer der wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren, lebt in Brooklyn, und nichts kann er besser als New Yorker Straßenszenen zu beschreiben. Nach den letzten Romanen "Timbuktu" und "Das Buch der Illusionen", die er an anderen amerikanischen Orten ansiedelte, ist er nun wieder nach Hause zurückgekehrt. Man darf mit ihm und seinem Protagonisten Sidney Orr durch die Nachbarschaft streifen, in einem Café innehalten und sich an Häuserfassaden ergötzen. Nach kurzer Zeit landet man in einem kleinen Schreibwarenladen. Der 34-jährige Orr erholt sich gerade von den Folgen eines Unfalls, der ihm beinahe das Leben gekostet hätte, und arbeitet, was bei Auster wenig überrascht, als Schriftsteller. Es ist der 18. September 1982, und als Sidney Orr in diesem von einem Chinesen geführten Laden ein blaues Notizbuch aus Portugal ersteht, ahnt er nicht, dass sein Leben danach nicht mehr dasselbe sein wird.

Zunächst scheint ihm das Notizbuch Glück zu bringen. Orr erinnert sich an einen Rat seines väterlichen Schriftsteller-Freundes John Trause (Trause dient als Anagramm für Auster, auch dessen Sohn "sucht sich selbst"), der ihm riet, sich von einer Schlüsselszene aus Dashiell Hammetts "Malteser Falken" zu einem Roman inspirieren zu lassen. Orr überwindet seinen Writer's Block und schreibt wie in Trance, bis er für seine Frau nicht mehr sichtbar ist.

Nur eine Kleinigkeit, ein Windzug, ein kleines, nutzloses Notizbuch, und schon ist nichts mehr, wie es war

Ein Buch im Buch entsteht: Ein Mann namens Nick Bowen, der als Lektor bei einem großen Verlag arbeitet, wird auf seinem Gang zum Briefkasten beinahe von einem herunterfallenden Wasserspeier erschlagen und sieht dies als Zeichen, sein Leben völlig neu zu ordnen. Er lässt Frau und Job zurück und nimmt den nächstbesten Flug, der ihn nach Kansas City bringt und die Bekanntschaft eines Mannes mit dem wohlklingenden Namen Ed Victory beschert. In seinem Gepäck: das Buch im Buch im Buch. Vor dem Zwischenfall ist ein Manuskript mit dem Titel "Nacht des Orakels" auf seinem Schreibtisch gelandet. Es handelt von einem britischen Leutnant namens Lemuel Flagg, der bei einer Granatenexplosion im Ersten Weltkrieg sein Augenlicht verliert. Seine Erblindung verleiht ihm wiederum prophetische Fähigkeiten. Aber sein großes Talent vernichtet ihn am Ende...

Was für den Schriftsteller Sidney Orr verheißungsvoll beginnt, entpuppt sich schon bald als Vorhof zur Hölle. Neun Tage lang watet er durch dicksten Nebel. Seltsame Dinge passieren (der Schreibwarenladen, in dem er das besagte Notizbuch erstanden hat, ist schon am nächsten Tag völlig verwaist), und plötzlich befindet sich das für ihn größte Rätsel nicht mehr draußen in der fremden Welt, sondern direkt neben ihm, in seinem eigenen Bett. Die Frau, die er liebt und der er vertraut, birgt ein Geheimnis, und wir lernen: "Gute Menschen tun schlechte Dinge."

Das schließt auch Orr selbst mit ein. Einst erzählte ihm Schriftsteller-Freund John Trause von einem Kollegen, der mit einem Gedicht den Tod des eigenen Kindes herbeischrieb. Es gäbe keinen Zusammenhang zwischen Phantasie und Realität, hatte Orr seinem Freund daraufhin geantwortet - doch nun spürt er, dass von den Seiten des blauen Notizbuchs eine Macht ausgeht, die nicht zu erklären ist. Worte sind etwas Reales, und Sidney Orr wird zu Lemuel Flagg.

Orr schreibt zunächst wie im Rausch, und auch Auster soll "Nacht des Orakels" wie im Rausch geschrieben haben. Es liest sich auch so - ganz im Gegensatz zum zähflüssigen 400-Seiten-Vorgänger "Das Buch der Illusionen". Egal auf welcher Ebene, in welcher Matroschka des Romans man sich befindet, man steckt tief in seinem Sog. "Nacht des Orakels" ist Auster kompakt - all seine Sichtweisen aus zehn Romanen und drei Drehbüchern sind auf 288 Seiten zusammengefasst, besser geht es nicht. Man spürt Austers Angst vor der Verselbständigung der Dinge und der Wahllosigkeit und Zufälligkeit des Todes (mit 14 wurde ein Freund Austers direkt neben ihm vom Blitz erschlagen). Nur eine Kleinigkeit, ein Windzug, ein kleines, nutzloses Notizbuch, und schon ist nichts mehr, wie es war.

Man spürt die Angst, aber auch die Faszination. Wenn die Illusion zu stark wird, wird sie zur Realität. Und so ist dies das wahre "Buch der Illusionen". Am Ende bleibt nichts. Nichts außer Liebe. Doch "Nacht des Orakels" schließt nicht gerade mit dem, was man ein Happy-End nennt. "Ich weiß nicht, wie lange ich geweint habe, aber schon als mir die Tränen aus den Augen strömten, war ich glücklich, glücklicher als je zuvor, am Leben zu sein. Und dieses Glücksgefühl war jenseits von Trost, jenseits alles Hässlichen und Schönen auf der Welt", heißt es im letzten Absatz, und das ist das Äußerste, was Auster je als Happy-End anbieten kann. Denn er weiß - wie spätestens jetzt auch der Leser: Nichts bleibt, wie es ist.


Paul Auster: "Nacht des Orakels" ("Oracle Night"), Deutsch von Werner Schmitz; Rowohlt Verlag, Reinbek/Hamburg; 288 Seiten; 19,90 Euro