"Peanuts"-Edition Weltschmerz im Schlafanzug
Die "Peanuts" sind ein uramerikanischer Klassiker - und sie setzten weltweit spektakuläre Maßstäbe: Zuletzt erfreuten sich täglich 355 Millionen Menschen in 2600 Zeitungen, in 75 Ländern, in 21 Sprachen an den Alltags-Abenteuern von Charlie Brown und Konsorten. Der Jahresumsatz mit Merchandising-Artikeln, also mit bedruckten Kaffeebechern, Schlafanzügen und Shirts, betrug 1,1 Milliarden Dollar.
Nach 18.250 Strips in 50 Jahren sollte Charles Monroe Schulz, der Erfinder, Zeichner und Texter der "Peanuts", also eigentlich als glücklicher Mann entschlafen sein. Doch von wegen!
Das alles sind nur Zahlen. Und Schulz war mindestens so kompliziert wie begabt. Zwar war er an seinem Lebensabend längst aller materiellen Sorgen enthoben, aber so richtig entspannt war er wohl immer noch nicht.
"You can't create humor out of happiness", hat Schulz in seinen Memoiren vermerkt. Immer wieder war er irritiert von Lesern, die beklagten, dass der arme Charlie Brown so ein Pechvogel sei. Ein Junge, den die Mädchen stets verhöhnten, ein Baseball-Kapitän, den das eigene Team für einen Verlierer hält.
Wie umwerfend Schulz Weltschmerz in feinsinnigen Humor und moderne Kunst verwandelte, belegt nun noch einmal eine Komplettausgabe seiner "Peanuts"-Arbeiten: Alle Strips von 1950 bis 2000 werden chronologisch geordnet in 25 Bänden veröffentlicht. Und das zum Glück in angemessener Opulenz.
Bildschön umgesetzt, versammelt jeder Band zwei Jahre "Peanuts"-Strips. Eingeleitet jeweils von Vorworten prominenter Peanuts-Verehrer wie Jonathan Franzen, Whoopie Goldberg, Denis Scheck oder, wie im gerade veröffentlichten sechsten Buch, der Jazz-Sängerin Diana Krall.
Und eben dieser neue Band ist auch der erste Höhepunkt der Serie. Nachdem Schulz doch einige Jahre benötigte, um warm zu laufen, präsentierte er sich zu Beginn der sechziger Jahre in Champions-League-Form. Er zeichnete so radikal reduziert, dass die Bilder auch heute noch modern wirken. Und er erzählte die großen Themen seines Schaffens.
Dass der Humor, der bei Charlie Brown, Linus, Snoopie, Lucy oder Schroeder meist mit Schwermut, Niederlagen und Tiefschlägen einhergeht, sehr viel mit dem Leben des Künstlers zu tun hatte, haben seine Biografen bestätigt. Dass sich aber Millionen Kinder und Erwachsene in dieser feinsinnigen Melancholie wiederfinden und wohlfühlen, ist mindestens so interessant.
Zum Glück verfügte Schulz, dass die "Peanuts" nach seinem Tod nicht von fremder Hand weitergeführt werden dürfen. Der letzte Strip, mit dem er sich schwer krank verabschiedete, erschien am 12. Februar 2000. In der Nacht davor starb Charles M. Schulz.
Die Peanuts Werkausgabe Bd. 6 , 1961 bis 1962. Carlsen Verlag, Hamburg; 344 Seiten; 29,90 Euro.