"Pizzeria Kamikaze" Umgekehrter Selbstmord
Wie sieht das Jenseits aus? So in etwa wie Frankfurt. Oder wie der Süden von Tel Aviv. Zumindest für Selbstmörder. Nachdem Chaim sich umgebracht hat - Liebeskummer - jobbt er in der Pizzeria "Kamikaze", lebt in einer WG und zieht nachts durch die Kneipen der Suizid-Metropole, die Etgar Keret in seinem neuen Roman entwirft und mit abenteuerlichen und doch altbekannten Figuren möbliert: Großstadtmenschen, die die Lust an allem verloren haben und sich in den uniformen Alltag stürzen.
Nur dass es nicht das Leben ist, dessen Narben sie tragen, sondern der Selbstmord. In den Bars halten Chaim und sein Kumpel Uzi nach Mädels Ausschau, die mit Pillen "Schluss gemacht" haben: Die haben keine Schnittwunden an den Handgelenken oder Löcher im Kopf. Urbane Normalität mit ihrem absurden Witz. Man gewinnt Reisen im Supermarkt und lebt von Fast Food.
Auch als Chaim erfährt, dass seine Ex-Freundin sich ebenfalls umgebracht hat und sich mit Uzi auf die Suche nach ihr macht, scheint alles normal. Doch je weiter die beiden aus der Stadt herausfahren, desto mehr driftet der Roman in eine surreale Vorortlandschaft, die von Freaks, Yuppies und Spießern bevölkert ist, in der die Wirklichkeit mutiert und wo vor allem eines zählt: Wunder. Wunder, die nur dann geschehen, wenn man sie nicht beabsichtigt und auch nur dann, wenn sie absolut gar nichts ändern.
Und plötzlich merkt der Leser, dass Keret ihn mit seiner Turbo-Schreibe, die locker an englischen und amerikanischen Jungautoren vorbeizieht, in ein surreales Wunderland entführt hat. Nur seine Sprache bleibt dabei so cool und ironisch wie der Asphalt-Beat der Häuserschluchten von hier und jetzt.
Man kann "Pizzeria Kamikaze" als witziges, spannendes Buch voll köstlicher Absurdität und Gags lesen. Das liegt vor allem daran, dass Keret, 33, die Ironie und den schnell geschnittenen Unterhaltungsanspruch seiner Altersgenossen in Europa oder den USA teilt. Aber seine Selbstmörder-Welt ist vor allem ein spiegelverkehrtes Porträt unserer Zeit: Was wichtig war - Leben und Tod - ist plötzlich so gewöhnlich wie ein Supermarkt-Gewinnspiel, das Beiläufige ist plötzlich wundersam.
Die jungen Israelis beziehen ihre Ideen und ihr Lebensgefühl aus dem Mikrokosmos der Tel Aviver Szene. Mit ihren Trend-Codes und ihrem Lebensgefühl könnte dieser Raum rund um die Sheinkin-Road zwei Straßen vom Prenzlauer Berg liegen, dem Hamburger Schanzenviertel, Islington oder dem Village. Kein Wunder also, dass hier eine ähnliche kreative Gelangweiltheit herrscht.
Hier hat Keret auch die meisten Fans: In wenigen Monaten verkaufte sich sein erster Roman 120.000-mal in Israel. Aber: Die Welt dieser Jugendlichen ist auch von drei Jahren Militärdienst im Nahost-Konfliktes bestimmt, Lebensgefahr inklusive. Ist Gelangweiltheit da nicht Wirklichkeitsflucht? "Es ist eine andere Langeweile als in Deutschland", sagt Keret, "in Europa macht meine Generation Radau, damit etwas passiert. Wir in Israel haben den ständigen Lärm eher satt".
Verschiedene Lebenserfahrungen, die zu einer ähnlichen Ironie führen. Selbstkarikatur: Keret schreibt über die Selbstmord-Stadt, "dass die ganzen Leute hier so dermaßen überhaupt nichts wollen, dass du die meiste Zeit, wenn du mit ihnen zusammen bist, das Gefühl hast, als sei alles in Ordnung, während du im Grunde genommen schon halb tot bist." Hier ist "Pizzeria Kamikaze" ganz nah am Lebensgefühl deutscher Jungautoren.
"Ironie ist einfach der letzte Ausweg aus einer Situation, mit der man sich nicht mehr identifiziert und auf die man keinen Einfluss zu haben scheint", sagt Keret. Egal, ob diese Situation die sinnentleerte Industriegesellschaft post 1989 ist, oder ein Generationen dauernder Überlebenskampf. "Im Westen fragt sich meine Generation: 'Wenn alles so sinnlos ist, welchen Sinn hat das Leben dann?' Wir fragen uns eben: 'Wenn wir unser Leben auf Biegen und Brechen verteidigen sollen - was ist daran so verdammt wichtig?'" Wenn in "Pizzeria Kamikaze" Leben und Tod unwichtig geworden sind, dann nur, um zu klären, was die eigene Person noch ausmacht. Und warum es sich zu leben lohnt.
Das wiederum ist härter und sarkastischer als europäische Jungautoren es fertig bringen. Darum ist auch Kerets Schluss ein anderer: Es ist nicht die heroische Aktion, der pathetische Selbstmord, der den Unterschied macht, sondern das zufällige und individuelle Wunder. "Alles andere ist wie der Mann, der sein Leben verändern will und darum sein Bett an die andere Wand rückt und den Schreibtisch auf die Tischplatte stellt - und ansonsten derselbe bleibt."
Etgar Keret: "Pizzeria Kamikaze". Aus dem Hebräischen von Barbara Linner. Luchterhand Literaturverlag, München; 80 Seiten; 19.80 Mark