Programmänderung Buchmesse vergrätzt China-Kritiker
China-Kritiker Bei Ling und Dai Qing: Buchmesse weist Anschuldigungen zurück
Foto: DDPDai Qing ist empört. Bis zum Sonntag dachte die chinesische Autorin und Umweltkritikerin, sie würde auf einem abschließenden Empfang auf der Buchmesse noch ein Grußwort sprechen. Um den 10. Oktober herum habe man ihr per E-Mail eine entsprechende Einladung geschickt, sie habe die Korrespondenz noch zu Hause auf dem Computer. Am Sonntag habe sie nochmals mit dem Vertreter der Buchmesse gesprochen. Dann aber habe sie das Programm für die Veranstaltung gesehen - ihre Rede wurde darin mit keinem Wort erwähnt. Sie habe dann auch nicht stattgefunden.
Bei Ling, ein in den USA lebender chinesischer Autor, ist ähnlich wütend. Auch ihm sei ein Abschlussgrußwort bei dem Empfang in Aussicht gestellt worden, sagt er. Und auch er erfuhr erst am Sonntag telefonisch davon, dass er nun doch nicht sprechen sollte.
Die Buchmesse wiegelt ab. Es habe sich bei der Veranstaltung nur "um einen kleinen Sektempfang" gehandelt, sagt Buchmessesprecher Thomas Minkus. Die Veranstaltung sei vom Internationalen Zentrum veranstaltet worden, einer Kooperation von Buchmesse und Auswärtigem Amt. "Es ging gar nicht um das Thema China." Es sei auch niemand von der offiziellen chinesischen Delegation dabei gewesen. Deshalb habe man das Gefühl gehabt, dass dies "nicht der richtige Rahmen" sei, um Bei Ling und Dai Qing nochmals zu Wort kommen zu lassen.
Die Programmänderung den Autoren rechtzeitig mitzuteilen, wurde offensichtlich vergessen. Dass diese darauf wütend reagieren, wundert wenig. Schon im Vorfeld der Buchmesse hatten sie schließlich Ähnliches erlebt. Beide waren einige Wochen vor der Messe zu einem Symposium über China zunächst eingeladen, auf Druck Pekings aber wieder ausgeladen worden. Als die beiden regimekritischen Aktivisten nach heftiger öffentlicher Kritik doch noch an der Veranstaltung teilnahmen, kam es zum Eklat. Als Bei Ling und Dai Qing von Buchmessechef Jürgen Boos für ein kurzes Statement auf die Bühne gerufen wurde, verließ ein Großteil der offiziellen chinesischen Delegation damals den Saal.
Ruhiges Nebeneinander auf der Messe
Verglichen mit diesem Skandal verlief die eigentliche Messe ruhig. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach zum Auftakt deutliche Worte in Richtung des Ehrengastes China, auch kritische Autoren wie Bei Ling und Dai Qing hatten Gelegenheit, ihre Positionen vorzutragen. Auch Veranstaltungen von Tibet-Aktivisten, Vertretern der uigurischen Minderheit und Taiwanesen seien friedlich verlaufen und hätten "bewiesen, dass auf der Buchmesse alle Meinungen und Ansichten respektiert werden", sagt Buchmesse-Sprecher Minkus.
Trotz solcher Veranstaltungen zeigte sich auch das Organisationskomitee des Auftritts des Gastlandes China "sehr zufrieden" mit dem Verlauf der 61. Frankfurter Buchmesse. Komitee-Leiter Zhang Fuhai vermeldete erfreut den Abschluss von rund 2000 Lizenzverträgen für chinesische Verlage. "Der Handel mit Lizenzrechten wird noch steigen", sagte er. Der Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse habe dafür den Boden bereitet. Rund 150 Autoren und 330 Verleger waren mit der offiziellen Delegation aus China nach Frankfurt gereist.
Bei Bei Ling und Dai Qing hinterlässt die Veranstaltung allerdings einen schalen Nachgeschmack. Und auch andere Regimekritiker äußern sich zurückhaltend. Zwar habe man die Möglichkeit gehabt, Position zu formulieren, sagt etwa der in Deutschland lebende Journalist Shi Ming zu SPIEGEL ONLINE. Doch das sei ein Nebeneinander von offiziellen und kritischen Stimmen gewesen. Ein Austausch habe nicht stattgefunden.