Prostituiertentheater Viel Stuss im Puff
"Berliner Edelprostituierte spielen in Hamburg Theater", so hatte die "Bild"-Zeitung das Bühnenprojekt "Dreamdolls" der Regisseurin Maria Magdalena Ludewig und ihrer Gruppe "Union Universal" angekündigt. Dokumentarisches Theater im Stile von Rimini Protokoll, das echte Politiker, Hartz-IV-Empfänger oder jugendliche Migranten auf die Bühne stellt, statt sie von Schauspielern mimen zu lassen, ist zu Recht in deutschen Theaterlandschaft als eine kleine ästhetische Revolution bejubelt worden.
Da liegt es nahe, auch mal das horizontale Gewerbe auf die Bühne zu bringen. Einen Einblick in eine "Welt, über die in der Öffentlichkeit sonst kaum jemand spricht" versprach die Ankündigung. Zu Beginn der Premiere im Hamburger Club "Übel & Gefährlich" heizte die 27-Jährige Regisseurin die Erwartungen an die Schlüsselloch-Authentizität noch mit einem Fotografierverbot an: "Wir haben viel Aufwand betrieben, dass kein Foto der Damen diesen Raum verlässt. Wenn ich jemanden fotografieren sehe, nehme ich ihm persönlich die Kamera ab." Hui! Man war gewarnt. Und auch ein wenig erstaunt: Echte Huren spielen Theater und wollen dabei unerkannt bleiben? Wie soll das gehen?
Eine improvisierte Varieté-Landschaft, die Damen treten auf: "Hi, ich bin Stella", und so geht es weiter: June, Rosa, Miranda, Ayko und Paula sagen "Hi!" und legen los: Paula verrät ihre Tricks: "Zwischen schüchtern und verrucht signalisiere ich ihm, dass ich Lust hätte, mit ihm zu schlafen." Rosa behauptet, Betreiberin eines Blogs zu sein, in welchem sie ihren Puff-Alltag erzählt: "Nicht ohne Gummi, kein Naturfranzösisch" teilt man ihr zum Einstieg mit und sie hält fest: "Die Frauen hier sind wirklich total normal."
Einblick in eine verborgene Welt? Nein, marktübliches Sexual-Infotainment, breitgetreten in tausend RTL2-Reeperbahn-Reportagen. Aber eben dargeboten in gut abgehangener Avantgarde-Theaterästhetik: Die obligatorische Handycam, ohne die seit Jahren keine ambitionierte Jungregie mehr auskommt, überträgt Bilder von der Hinterbühne, wo sich die Damen aufgeblasene Präser ins Dekolleté stopfen.
"Ich wollte schon immer Prostituierte werden", bekennt June, und Paula erzählt die Geschichte von dem behüteten Mädchen aus bürgerlichem Hause, das trotz Einser-Abi mit Siebzehn den Escort-Service der Karriere als Wissenschaftlerin vorzieht. "Aus mir wird keine Physikerin", erklärt sie und: "Auf nichts bin ich stolzer als auf das Etikett 'Nutte'."
Ob echt oder nicht, ist spätestens hier reichlich wurst: Die vermeintlich authentischen Huren entpuppen sich als Pappkameradinnen mit einer ziemlich unpräzisen Message. "Die Botschaft des Stücks ist, dass die meisten keine Opfer sind - sondern freie, selbstbestimmte Frauen", hatte Ludewig der "Bild"-Zeitung erklärt, und tatsächlich wirkt der Abend wie die denkbar platteste Umsetzung dieser Absicht.
"Jedenfalls halte ich 'nen Orgasmus für 'ne relativ authentische Sache"
Die blonde Paula simuliert ein Gespräch mit einer Frau aus dem Publikum: "Sie sind Lehrerin? Das tut mir wirklich leid! Wie konnte es dazu kommen? Wahrscheinlich ein kindliches Trauma in der Schulzeit!" Von solchen Naseweisheiten wimmelt es in "Dreamdolls". Statt die einfachen, großen Fragen zu stellen, drängt man die Zuschauer in die Rolle der Vorurteilsträger, um sie dann zu entlarven. So einfach, so blöde.
Schließlich dann die Auflösung: "Schauspielerinnen sind wir doch alle", erklärt Rosa, die die Rosa halt doch nur mimt, doch die Enthüllung ist so nichtig wie der ganze Abend. Welche der Ladys "echt" ist und welche ein Fake? Völlig egal, denn auf der Bühne fällt kein ehrliches Wort.
Es spielen Schauspielerinnen Prostituierte, die ausgedacht wirken, und Prostituierte geben Laiendarstellerinnen, die ausgedachte Prostituierte spielen. Der Abend läuft aus mit langatmigen Reflexionen zum Thema Theater, Puff und Echtheit: "Hier auf der Bühne kann doch sowieso niemand authentisch sein", sagt die eine, darauf die andere: "Also im Puff geht das schon. Jedenfalls halte ich 'nen Orgasmus für 'ne relativ authentische Sache." Stuss, der entsteht, wenn Theaterleute zwei Welten zur Deckung bringen wollen, ohne die eine oder die andere ernst zu nehmen.
Schade. Denn irgendwann im zweiten Drittel hatte der Abend mal einen Moment von Brisanz. Auf den Stellwänden flimmern Bilder von Heidi Klum und ihren Mädchen, verschnitten mit Pornofilmbildern. Auf dem Stuhl sitzt die Rothaarige, die sich zu Beginn als "June" vorgestellt hat, und lächelt vielsagend. Aus dem Off erzählt eine Frauenstimme: "Ich mag es, zum Objekt zu werden. Wenn er mich fesselt und sich nur auf ein Körperteil konzentriert. Es ist demütigend und ich schäme mich, aber daraus entsteht die Lust."
Dazwischen kreischt Klum-Adlatus Bruce Darnell im TV-Originalton: "Die Mädchen haben bei uns so viel Selbstvertrauen gewonnen!" - begleitet von Frauengestöhne. Sich verkaufen, selbstbewusst werden, den eigenen Körper von Fremden taxieren, misshandeln zu lassen, Lust daran zu finden: Für zwei, drei Minuten entsteht ein irritierendes Bild über weibliche Sexualität im Casting-Kapitalismus.