Reiseroman: Brotbüchsen und Alpendialekte - DER SPIEGEL
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Reiseroman Brotbüchsen und Alpendialekte

Die ungewöhnlichsten Bahnstrecken der Welt reiste der dänische Autor Kristian Ditlev Jensen ab. Darüber schrieb er ein fein beobachtetes Buch mit einem ellenlangen Titel, in dem er über ausgefallene Spezialitäten wie den süßen Wagashi-Kuchen im Shinkansen-Zug philosophiert.
Von Christoph Schröder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kristian Ditlev Jensen mag keine Brainstormings, weil sie im Normalfall zu nichts führen. Und doch – ein einziges Mal muss es sich dann doch gelohnt haben, denn nach einem längeren Gedankenaustausch mit einer Zeitungsredakteurin wurde die Idee geboren, dass Jensen die ungewöhnlichsten Bahnstrecken der Welt bereisen und nach jeder Fahrt eine Reportage liefern solle.

Diese Texte sind nun in einem Buch erschienen, das den so herrlich unkonsumierbaren Titel "Von japanischen Brotbüchsen, indischen Göttern, komischen Alpendialekten, süßen Südstaaten, afrikanischen Kriechtieren und der Köstlichkeit des langsamen Reisens" trägt und das weit mehr als nur eine Sammlung journalistischer Texte darstellt.

Denn der Däne Jensen, der im Jahr 2006 mit seinem außergewöhnlichen Roman "Leibspeise" für Aufsehen sorgte, schreibt so ungewöhnlich und raffiniert, dass auch jeder einzelne seiner Reiseberichte zu einem Kunststück geraten ist.

Was Jensens Perspektive auf die Welt kennzeichnet, ist schon nach wenigen Seiten zu bemerken: Er ist unvoreingenommen, gebildet und verfügt über eine ausgesprochen scharfe Beobachtungsgabe. Das Zusammentreffen dieser Eigenschaften im Zusammenspiel mit einer erfahrungsgesättigten und sinnlichen Sprache sorgt dafür, dass auch essayistische Abhandlungen zu einem Thema, über das sich schon diverse Kollegen Gedanken gemacht haben, zu einem Vergnügen werden (zum Beispiel ein Exkurs zum Phänomen des Alleinessenmüssens im Restaurant oder eine Betrachtung der Essensqualität in Flugzeugen).

Jensen reist und schaut. Und er isst. Die Mahlzeiten an den unterschiedlichsten Orten der Welt sind die tatsächlichen Höhepunkte dieser Reportagen, weil der Autor mit großer Leidenschaft wie Kenntnis davon erzählen kann, über Seiten hinweg, ohne zu langweilen.

Im Shinkansen, dem schnellsten Expresszug der Welt, unterwegs von Tokio nach Kyoto, öffnet Jensen das in geblümten Stoff gehüllte Essenspaket und gerät ins Schwärmen: "Da sind Reis mit schwarzem Sesam, goldenes Omelett, pinkfarbene Fischfrikadelle und süße grüne Bohnen. (…) Da ist ein süßer Wagashi-Kuchen aus klebrigem Reis mit süßen Bohnen in der Mitte und daneben frische Ananas."

Ganz gleich, wo Jensen unterwegs ist, von Sydney nach Perth, in Peru, in Indien oder einfach nur von einem Ende Dänemarks zum anderen – niemals unterschreitet er, bei aller Komik, die seine Beobachtungen auszeichnet, sein Reflexionsniveau.

So steigt man am Ende mit dem Autor und dessen Vater aus dem Orient-Express – im englischen Bath. Dort wurde Englands erster König gekrönt. Und dort nimmt Jensens Vater den ersten Nachmittagstee seines Lebens zu sich. Man lässt die beiden zurück mit dem sicheren Gefühl, ein perfektes Reisebuch gelesen zu haben. Und mit einem deutlichen Appetit noch dazu.


Buch Kristian Ditlev Jensen: "Von japanischen Brotbüchsen, indischen Göttern, komischen Alpendialekten, süßen Südstaaten, afrikanischen Kriechtieren und der Köstlichkeit des langsamen Reisens". Aus dem Dänischen von Sigrid Engeler. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg; 222 Seiten; 19,95 Euro.