Rezensionen: Schelm mit guten Absichten - DER SPIEGEL
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Rezensionen Schelm mit guten Absichten

Leider kein Essay, nur ein mittelmäßiger Roman: Rafael Seligmann beschreibt in "Der Musterjude" die groteske Karriere eines jüdischen Jeansverkäufers und parodiert das verklemmte deutsch-jüdische Verhältnis.
Von Günther Fischer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?



In "Rubinsteins Versteigerung" war der Protagonist 20 Jahre alt und reflektierte mal weinerlich, mal wütend sein Unbehagen, als Jude in Deutschland aufzuwachsen. In "Die jiddische Mamme" war der Held 30 Jahre alt und kämpfte vergeblich gegen die Bevormundung seiner jüdischen Mutterglucke. In seinem neuen Roman "Der Musterjude" ist Seligmanns Held nun 40 Jahre alt und startet eine rasante, völlig unvorhersehbare Medien-Karriere.

Seligmann selbst ist 50 Jahre alt, lebt seit 40 Jahren in Deutschland, schreibt Essays, Kommentare, Serien, Drehbücher und Romane. Man tut ihm sicher nicht Unrecht, wenn man feststellt, daß seine Romane autobiographisch eingefärbt sind.

"Der Musterjude" ist eine wüste Groteske: Sie beschreibt Aufstieg und Fall des Jeansverkäufers Moische Bernstein, der mit Hitler-Sprüchen zum Volkshelden wird, die Karriereleiter hinauffliegt, bis er schließlich Super-Kolumnist eines großen Boulevardblattes ist. Ein Jude also, der marktschreierisch mit rechten Themen auf Leserfang geht und Volkes Vorurteile bestens zu bedienen weiß: Bernstein schwadroniert über Schindelsteuern, plädiert für die Todesstrafe und die Euthanasie - und ist gleichzeitig unangreifbar. Denn wer ihn, Moische, den Juden, attackiert, ist selbst ein Nazi. Das mutet meschugge und zynisch an, ist es auch - und hat doch klare Vorbilder in der Realität: "Die deutschen Mörderseelen sind süchtig nach jüdischen Themen", heißt es an einer Stelle des Buches, und Autoren wie "Jacobson, Schneeweiß, Broder, Wolffsohn, Brumlik, Biller, Seligmann und die anderen Idioten können schmieren, was sie wollen, die Deutschen sind versessen darauf, den Tinnef zu lesen."

Der Roman löst tiefes Unbehagen aus, wirft grelle Schlaglichter auf das diffizile Verhältnis von Juden und Deutschen, das alles andere als unbefangen ist. Als Leser begreift man auch schnell, daß es durchaus nicht normal wäre, wenn dieses Verhältnis inzwischen normal wäre. So gelesen hat Seligmann seine Absicht erreicht, ein unbequemes Thema zu transportieren und die dringend notwendigen Diskussionen zu provozieren.

Literarisch gelungen ist sein Buch allerdings nicht. Zwar sind die Analysen des promovierten Politologen immer wieder glanzvolle Stücke der Gattung Essay, ein großer Romancier wird er jedoch kaum noch werden. Zu oft bleibt Seligmann in der puren Beschreibung hängen, protokolliert lediglich, wo er erzählen müßte.

Einzig sein Thema legitimiert dieses Buch, das nicht nur einmal in reißerische Kolportage umzukippen droht. Seligmann schafft sich mit den Namensnennungen und den eindeutigen Vorverurteilungen sicher keine neuen Freunde - doch er selbst wird sich über seinen bestätigten Status als jüdisches "Enfant terrible" freuen dürfen. Ganz so, wie er's versprochen hat: "Auch wenn Sie den Roman vielleicht nicht mögen: Ich werde mir weiterhin die Freiheit nehmen, alles aufzuschreiben, uns allen auf die Finger zu schauen und, wenn nötig, auch feste draufklopfen." Ein Schelm bleibt immer ein Schelm - ist er nun Jud' oder Goi. Und der Seligmann - der will der Oberschelm sein. Aber wenigstens einer mit guten Absichten.

Rafael Seligmann: "Der Musterjude". Claassen Verlag, Hildesheim; 448 Seiten; 39,80 Mark.

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