Roman "Emoticon" Digital, radikal, fatal
Die Gefahr lauert zwischen blühenden Beeten und einem plätschernden Springbrunnen. Am 18. Mai 2001 kommt Esther, Niederländerin und Tochter eines jüdischen Vaters, im Garten des vornehmen American Colony Hotels in Ostjerusalem mit der Palästinenserin Aischa ins Gespräch. Bei einem Glas Weißwein erzählt Esther der burschikosen Fremden freimütig von Daniel, dem Sohn ihrer besten Freundin Lola, der sich als Freiwilliger bei der israelischen Armee gemeldet hat. "Juden haben keine Ahnung, wie es bei uns zugeht", sagt Aischa schroff, und Esther ist beeindruckt vom Selbstbewusstsein der jungen Frau. "Alle finden, dass der Krieg aufhören muss", sagt Esther deshalb harmlos-beschwichtigend und ahnt nicht, was für einen verhängnisvollen Fehler sie begeht, als sie dem unbekannten Mädchen die Adresse von Daniels Internetseite gibt.
Es ist ein schmaler Grad, auf dem Jessica Durlacher in ihrem neuen Roman "Emoticon" wandelt. Sie operiert gewissermaßen am offenen Herzen des Israel-Palästina-Konfliktes, und darüber hinaus an den pulsierenden Adern des Mensch-Seins an sich. Denn das Buch handelt nicht nur von der Zerrissenheit des Nahen Ostens und zeigt Verständnis für beide Seiten, sondern es ist sowohl die Geschichte einer schwierigen Frauenfreundschaft, als auch die Geschichte der Suche nach der eigenen Identität.
Das Erstaunliche ist, dass Durlacher alle Klippen, die das heikle politische Thema in sich birgt, virtuos umschifft. Niemals ergreift sie einseitig Partei, gleitet in eskapistische Innerlichkeit ab oder verheddert sich in den zahllosen Strängen ihres komplizierten Romanaufbaus. Letzteres könnte leicht geschehen, denn die kurzen Kapitel springen zwischen den Jahren 1983 und 2001 hin und her, spielen mal in den Niederlanden und mal in Israel oder den palästinensischen Gebieten, und sind zudem abwechselnd aus der Sicht von Esther, Daniel und Aischa geschrieben. Doch mit Hilfe dieses komplexen Beziehungsgeflechtes gelingt ihr eine psychologisch genaue Studie verschiedener Menschen in unterschiedlichen privaten und politischen Situationen, die sich von der ersten bis zur letzten Seite wie ein spannender Thriller liest.
Traumata der Vergangenheit
Wie schon in ihren ersten beiden, in den Niederlanden sehr erfolgreichen Romanen "Das Gewissen" und "Die Tochter", rückt Durlacher Angehörige der so genannten "zweiten Generation" ins Zentrum. In "Emoticon" ist das zunächst Esther, deren Vater im Zweiten Weltkrieg in verschiedenen Konzentrationslagern gewesen war, wovon er seiner Tochter unaufhörlich erzählte, so dass sie sich später an der Universität selbst mit den Tagebüchern von im Krieg untergetauchten Juden beschäftigte. Ihre Freundin Lola, deren kalifornische Mutter ebenfalls Jüdin war, ist hingegen frei von den Traumata der Vergangenheit aufgewachsen.
Während Lola sich kaum mit dem jüdischen Erbe auseinanderzusetzen scheint und zudem noch der unreflektierten, aber festen Überzeugung ist, dass "diesen Scheißarabern ohnehin nicht zu trauen" sei, wird sich die introvertierte Esther erst nach und nach der Last ihrer Familiengeschichte bewusst und steht der gegenwärtigen politischen Situation im Nahen Osten naiv, aber kritisch gegenüber.
Man könnte hier Parallelen zu den Romanen von Durlachers Ehemann Leon de Winter sehen, der in Büchern wie "Leo Kaplan" oder "Hoffmanns Hunger" ebenfalls die Brüche und die Problematik des jüdischen Gegenwartslebens thematisiert. Doch hat Jessica Durlacher, die 1961 geborene Tochter des bekannten Soziologen und Schriftstellers Gerhard Durlacher, der das Konzentrationslager überlebte, von Anfang an einen ganz eigenen Stil entwickelt. Zwar habe sie Leon de Winter ermuntert, ihren Job als Literaturkritikerin aufzugeben, um literarisch zu schreiben, erzählt sie, "doch zum Glück hat man uns nie verglichen".
Jenseits der Zäune und Checkpoints
Die Handlung nimmt ihren Lauf, als Esther nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder nach Israel fliegt, weil sie von der Yad Vashem Universität zu einer Konferenz über Holocaust-Unterricht eingeladen wurde. Dort entgeht sie nur knapp einem Attentat, weil sie sich auf eine Affäre mit einem israelischen Journalisten einlässt, mit dem sie den Veranstaltungsort verlässt, kurz bevor die Bombe detoniert. Zurück in den Niederlanden kann sie weder das Land, noch den Mann vergessen. Sie beschließt, für einige Monate zurückzukehren, um sich über sich selbst und ihre Beziehung zu dem zerrissenen Staat Israel klar zu werden. Sehr gelegen kommt ihr dabei die Tatsache, dass Daniel, Lolas Sohn, sich zu selben Zeit für freiwillige zivile Dienste bei der israelischen Armee meldet. So fällt ihr die Aufgabe zu, als Ersatzmutter auf den Jugendlichen achtzugeben.
Parallel dazu erzählt Jessica Durlacher in den Daniel-Kapiteln von der ersten großen Liebe des Jungen, von seinem erwachenden Interesse an der zionistischen Idee und schließlich von dessen Sehnsucht nach dem Vater, einem Israeli, dessen Identität ihm seine Mutter bisher vorenthalten hatte, so dass er beschließt, ihn in Israel ausfindig zu machen.
Die dazwischen gestreuten Aischa-Kapitel bilden die palästinensische Gegenwelt jenseits der Zäune und Checkpoints ab. Sie beschreiben eindringlich das Leben und die sich radikalisierende Einstellung einer jungen Aktivistin, die nur per E-Mail mit der Welt kommunizieren kann. Vom Bruder misshandelt und voller Verzweiflung über die ausweglose Lage ihres Volkes, beschließt sie, für die Weltöffentlichkeit ein Zeichen zu setzen: Sie lockt einen niederländisch-israelischen Jungen - Daniel - per Internet und mit Hilfe der universal verständlichen elektronischen Gefühls-Zeichen, die "Emoticons" genannt werden, in eine tödliche Falle.
Diese Geschichte beruht auf einem realen Fall, bei dem eine Palästinenserin einen Israeli per Internet verführte, kidnappte und tötete. Bei ihren Recherche-Reisen für das Buch sprach Jessica Durlacher mit der Mutter und dem Bruder der jungen Frau, die vor Gericht zu Protokoll gegeben hatte, stolz auf ihre Tat zu sein. Besonders fasziniert habe sie, sagt die Schriftstellerin, die fluide Identität, die das Internet einem ermögliche: "Die unterschiedlichen Rollen geben enorme Freiheit, aber sie bergen auch große Gefahren."
Wie nah beieinander Fiktion und Realität manchmal liegen, zeigte sich allerdings erst, nachdem sie "Emoticon" geschrieben hatte: "Durch Zufall sah ich im Fernsehen einen Dokumentarfilm über den Mordfall und stellte fest, dass die Palästinenserin genauso war, ich sie mir vorgestellt hatte", sagt Jessica Durlacher, "das war ein Schock". Und ein Beweis dafür, wie beklemmend aktuell ihr Roman ist.
Jessica Durlacher: "Emoticon", Diogenes Verlag, Zürich 2006; 479 Seiten, 19,90 Euro