Romane des Monats Vorsicht, explodierende Rakete!
Ganz großer Knall: Arnon Grünbergs "Mitgenommen"
Foto: A2800 epa MoD/ dpaExplodierende Rakete: Arnon Grünbergs Alptraumtrip "Mitgenommen"
Der Keizer ist tot, es lebe der Keizer! Kaum waren die Nachrufe auf Harry Mulisch gedruckt, da begann in den Niederlanden schon die Suche nach seinem Nachfolger. Zum Wochenanfang präsentierte das "NRC Handelsblad" online eine Liste von Kandidaten, die dem weltberühmten Autor als "nieuwe keizer", neuer Kaiser, der niederländischen Literatur nachfolgen könnten. An ihrer Spitze stand mit Arnon Grünberg ein Autor, der dank seines Alters von 39 Jahre und jungenhaften Lächelns glatt als literarischer Newcomer durchgehen könnte. Ein Eindruck, der freilich weit in die Irre führt.
Denn schon seit den frühen Neunzigern legt der früh als "Wunderkind" Hochgepriesene jährlich gleich mehrere Bücher vor. Längst übersteigt die Zahl seiner Buchveröffentlichungen (43) die seiner Lebensjahre (39), und wenn ein Superlativ auf den in New York lebenden Holländer zutrifft, so jenes, dass er gewiss eines der produktivsten und schnellsten unter den viel versprechenden Schreibtalenten weltweit ist. Vielleicht sogar zu schnell umkreisen seine Romane und Essays mitunter in immer neuen Anläufen die großen alten Themen wie Liebe, Gewalt, Verlust und Tod und laufen dabei Gefahr, keine nennenswerten Spuren zu hinterlassen.
Atemlos riskant und gnadenlos gegenwärtig entführt Grünberg auch in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Werk, vom Verlag als "großer Südamerika-Roman" annonciert, in ein von Gott, Gedächtnis und Gewissen verlassenes Land, dem selbst der magische Realismus lateinamerikanischer Autoren keinen Zauber entlocken könnte: ein failed state ohne Hoffnung und Folklore, in dem die pure Gewalt eines ewigen Kriegs zwischen Militär und Aufständischen herrscht und das nackte Elend nicht mehr umhüllt ist von farbenfrohen Ponchos.
Die Trostlosigkeit ist derart monoton, dass ihre fortwährende Beschreibung zwangsläufig zur Parodie mutieren würde - und die Figuren zu Karikaturen von Typen, die mit einem sinnentleerten Restbestand an Identität dahinleben. Grünberg jedoch löst die Beschreibung in Handlung auf und folgt dabei in einem radikalen Präsens den engen Perspektiven seiner drei Hauptfiguren, die ein aberwitziger Gewaltakt für kurze Zeit zusammenschweißt. Auf einer nächtlichen Verhaftungstour entdeckt ein Major ein kleines Mädchen, dessen Eltern Minuten zuvor im Kugelhagel seiner Soldaten starben. Er nimmt das Kind in Besitz und zwingt es seiner Frau, die unter seiner Zeugungsunfähigkeit leidet, als Tochter auf.
Die bizarre Konstellation, die das Potenzial zu einer Familientragödie von antikem Format hätte, wären die Figuren selbstbestimmt, besteht als pervertierte Form eines bürgerlichen Ideals gerade so lange, um sie wie zum Hohn auf die Ohnmacht - auch des Majors - effektvoll sprengen zu können. Mit der Wucht einer alles verheerenden Gewalt werden die drei bis ans Lebensende auf zahlreiche Alptraumtrips gejagt, die sich wie in Zeitlupe über viele hundert Seiten erstrecken. Diese Gewalt ist zwar von Menschen gemacht, erzählt Grünberg, doch unwiderruflich hat sie sich ihrer bemächtigt. Nichts bleibt als der permanente Terror einer Gegenwart ohne Rückbindung und Ausflucht. Wollte man den Roman in ein Bild fassen, so gliche er einer Rakete, die kurz nach dem Start explodiert und deren Wrackteile bizarre Kondensstreifen an den Himmel zeichnet. Leider versucht Grünberg, die ausgebrannte Existenz des Mädchens bis in die Gegenwart fortzuschreiben und schwächt damit einen Roman, der über viele hundert Seiten fulminant erzählt, was Menschen aushalten können. Hans-Jost Weyandt
Mächtiger Sog: "Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim", Jonathan Coes leichtfüßige Reise ins Ich
Zu den Begriffen, die das Englische dem Deutschen voraus hat, gehört neben cool und hype auch a good read - nicht das vielfach mit ironischem Timbre beschworene "gute Buch" also, das hierzulande fast nur noch dann erwähnt wird, wenn es darum geht, sein Gegenüber mit gehörigem Zwinkern vor den vermeintlichen Sprödnissen der Hochkultur zu warnen.
A good read dagegen: klar, lustig, leichtfüßig und rührend, einen mächtigen Sog entwickelnd - und dabei doch auf geradezu heimtückische Art ernsthaft. Oder, um es in zwei Wörtern zu sagen: Dieses Buch. Der gestelzt klingende Titel ist dabei fast schon die einzige Schwäche von "Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim".
Sim, "wie die SIM-Karte", stellt Coes Hauptdarsteller sich vor: Er ist der Typ, den Menschen, die noch "gute Bücher" lesen, mitunter als "modernen Jedermann" bezeichnen. Sim liest natürlich keine guten Bücher, auch nicht "Die Mühle am Floss" oder gar "Anna Karenina", von denen seine Frau ihm immer vorgeschwärmt hat. Seit ein paar Monaten aber ist Sim geschieden. Er ist deprimiert, ihm fehlt die Orientierung. Weil eine Zahnbürstenfirma ihren Slogan "Keine kommt weiter" mittels einer Wettfahrt zu besonders entlegenen Orten Großbritanniens bekannt machen möchte, lässt er sich auf eine Tour ins fast schon Ungewisse ein: Während andere Zahnbürstenwerber von London aus ins vertraute Cornwall oder nach East Anglia unterwegs sind, muss er ganz hoch in den Norden, auf die Shetlandinseln.
Schnell erweist sich die Expedition als eine Reise zu sich selbst, zu einer Jugendliebe, zur Ex-Frau, der pubertierenden Tochter - grundiert durch die sich langsam entwickelnde Beschreibung der gestörten Beziehung Sims zu seinem eigenen, mittlerweile in Australien lebenden Vater.
Mit zunehmender Kilometerzahl auf Sims Tacho (zeitgemäßer Weise fährt er einen Toyota Prius), entwickelt das Buch sich zum fast allgemeingültigen Porträt einer Gesellschaft, in der man bereit ist, für eine Tasse Kaffee 3,50 Pfund zu zahlen, Plasmafernseher den Mittelpunkt moderner Häuslichkeit abgeben und Einkaufszentren die Fabriken ersetzt haben - die entscheidende Konstante des Fortschritts aber ist die Vereinsamung.
Am Ende Buchs hat Sim die Sinnkrise überwunden. Was für ein rührendes Finale. Dass Coe seinem eigenen Schluss nicht traut und der Geschichte in einem allzu postmodernen, bemühten Überbauzauber aufzwingt - das ist, neben dem Titel, die einzige andere Schwäche dieses Romans. Sebastian Hammelehle
Amphetaminbefeuerte Irrfahrt: Matthias Énards Kriegspanorama "Zone"
Ein Mann sitzt im Nachtzug von Mailand nach Rom. In seinem Pass steht ein falscher Name, auch das Handy ist auf einen Anderen angemeldet, und die Pariser Wohnung, die er am Morgen verlassen hatte, wird Francis Servain Mirkovi nie wieder betreten. Das einzige, was den Veteran des Kroatienkrieges und flüchtigen Agenten des französischen Auslandsgeheimdienstes noch an sein altes Leben erinnert, ist ein Aktenkoffer, der über ihm in der Gepäckablage ruht. Ihn will Mirkovi in Rom dem Vatikan verkaufen. Und danach ganz neu beginnen.
Die Rahmenhandlung von "Zone" klingt nach einem durchschnittlichen Agenten-Krimi. Dass es dabei nicht bleibt, liegt vor allem an der Form, die der französische Schriftsteller Mathias Énard für seinen Roman gewählt hat. Énard verlegt die Handlung von "Zone" fast vollständig in den Kopf seines Protagonisten. Wir erhalten ungefilterten Zugang zu Mirkovis Gedanken - in Echtzeit und epischem Ausmaß erzählt. Während außerhalb des Zuges die italienischen Landschaften vorbeirauschen, dröhnen im Schädel des Reisenden die Erinnerungen, beschleunigt von Amphetaminen, Nebensatz an Nebensatz an Nebensatz, ohne je zur Ruhe oder auch nur zu einem Satzende zu kommen.
Sein neues Leben soll bereits Mirkovis drittes sein. Das erste endet, nachdem der in Frankreich geborene Sohn einer Kroatin Anfang der neunziger Jahre das Politikstudium unterbricht, um 16 Monate lang als Freiwilliger in der kroatischen Armee zu kämpfen. In dieser Zeit verliert Mirkovi die Unschuld. Er beginnt Männer zu verehren, die Gefangene foltern und Kriegsreporter erschießen. Schließlich mordet und vergewaltigt auch er. Seine Verlobung mit Marianne zerbricht an dieser Last, auch Stéphanie, die große Liebe seines zweiten Lebens, verlässt ihn. Als französischer Spion bereist Mirkovi später das vom Bürgerkrieg zerrüttete Algerien, in dem schon sein Vater als französischer Kolonialsoldat gefoltert hatte. Unschuldig ist in diesem Roman niemand, und der nächtliche Fluchtversuch entpuppt sich als das Gegenteil: Als Beginn einer Reise, auf der Francis Servain Mirkovi sich seiner Geschichte stellen muss, anstatt ihr zu entkommen.
Die persönlichen Erinnerungen vermischen sich mit seiner Reiselektüre über den libanesischen Bürgerkrieg und mit den Geschichten von Kriegsverbrechern und Terroristen, die er für die Akten in seinem Koffer gesammelt hat: "Plötzlich habe ich den Eindruck, die Namen aus dem Aktenkoffer tropften auf mich herab wie Verwesungssaft aus einer Leiche, die in einem Waggon vergessen wurde"
So entsteht ein düsteres Bild der Mittelmeerzone, in dem die Küsten nach unzähligen Schlachten mit Leichen gesäumt sind, denen wir nicht entkommen können. 2500 Jahre nach der "Ilias", an die "Zone" lose angelehnt ist, ist die Geschichte Europas in Mathias Énards Roman noch immer die Geschichte einer Irrfahrt, deren Ursprung der Krieg ist. Oskar Piegsa