Romanrätsel "Ein dunkler Moment" Ein Mordsbuch
Autorin Rabea Edel: Edels Roman erinnert an eines der verstörenden Filmrätsel von David Lynch
Foto: Jens OellermannBemerkenswert sind sie, die Figuren in Rabea Edels neuem Roman, und merkwürdig sind sie auch, unheimlich. Freaks allesamt, Psychopathen vielleicht.
Der US-Kleinstädter Billy, 17, bewirft einen Hund mit einem Stein. Die blonde Römerin Lucia, 23, klaut Messer und sammelt sie unter ihrer Matratze. Der Pathologe Andrea pfuscht bei der Arbeit, weil ihm schlecht wird, wenn er eine Leiche öffnen soll, andererseits kann es vorkommen, dass er eine Leiche küsst und ihr zärtlich über den Oberschenkel streicht, dass er darüber nachdenkt, sich ein Tattoo aus dem Unterarm einer Leiche zu schneiden und es mit nach Hause zu nehmen. Die Tatort-Fotografin Claudia lässt die Bilder der abgeschlossenen Fälle immer noch einige Wochen in ihrer Küche hängen, weil sie die geschlossenen Augen der Toten beruhigen.
Elternmord mit Baseballschläger
Und dann gibt es noch einen merkwürdigen Fuchs, der ein wenig an den Fuchs in Lars von Triers Gewaltporno "Antichrist" erinnert. Wenn Edels Fuchs sprechen könnte, so wie der Filmfuchs des dänischen Regiestars, dann würde er wohl denselben Satz sagen, den wahrhaftigsten Satz, den ein sprechender Fuchs so sagen kann: "Das Chaos regiert."
Dabei erinnert Edels Roman insgesamt nicht an einen Film von Lars von Trier, sondern an eines der verstörenden Filmrätsel von David Lynch. Edel gibt sich gar nicht erst groß Mühe, das Chaos aus ihrem Roman zu verbannen. Sie unterwirft sich seiner Herrschaft - und liefert ihr den Leser aus.
Irgendwie hängt in ihrem Roman alles zusammen, jeder mit jedem, aber wie genau und wieso?
Billy, der Halbstarke mit dem Hund, erschlägt am 5. April 1998 mit einem Baseballschläger seine Eltern und seine kleinste Schwester Joanna in einer US-Kleinstadt. Wieso? Weil die Mutter Alkoholikerin war und eine Hardcore-Christin? Weil der Vater ein Ehrgeizling war, der ihm zum Tranieren den Baseball-Handschuh mit Klebeband an die Hand klebte? Klar ist, dass seine andere Schwester Amanda, 15, überlebt, unklar ist, ob sie von den Mordplänen gewusst und sie stillschweigend toleriert hat. Billy kommt lebenslang in den Knast, Amanda wird nicht einmal angeklagt oder auch nur als Zeugin vernommen.
Exakt elf Jahre später, am 5. April 2009: Lucia, die Blondine mit dem Faible für Messer, schlitzt eben jener Amanda, eine Lesbe vielleicht, in Rom die Kehle auf, malt sich die Lippen rot wie sie, zieht ihr weißes Kleid an, nimmt ihren Pass und ihren Wohnungsschlüssel, und macht sich auf den Weg in die USA, zu Billy. Der Pathologe Andrea bekommt die tote Amanda auf seinen Tisch und ihr Bild bald nicht mehr aus seinem Kopf. Nicht weil er bei ihr keine Spuren der Gegenwehr findet, wirklich gar keine. Sondern weil er zufällig Lucia als Anhalterin mitnimmt. Alles klar?
Preisgekrönte Jungautorin
Rabea Edel (www.rabeaedel.com) ist erst 28, aber sie sorgt schon seit Jahren für Aufsehen auf dem Literaturmarkt: 2004 war sie Preisträgerin des renommierten Nachwuchswettbewerbes Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin, 2006 bekam sie auf Vorschlag der Nobelpreisträgerin Herta Müller für ihren Debütroman "Das Wasser, in dem wir schlafen" den Kunstpreis Literatur Berlin-Brandenburg, 2007 räumte sie für dasselbe Buch auch noch den Nicolas-Born-Förderpreis ab.
Ihr neues Buch ist angelehnt an zwei reale Fälle, aber es wirkt eher surreal, weil Edel die Handlung extrem verdichtet und Motive nur vage andeutet, wenn überhaupt. Das Buch bleibt ein Rätsel, inhaltlich wie formal, es verunsichert. Es ist einer dieser Bücher, bei denen man als Rezensent kaum sagen mag, ob es nun gelungen ist oder gewollt.
Es ist bemerkenswert, merkwürdig auch, unheimlich, das kann man mit Sicherheit sagen, damit ist man auf der sicheren Seite.