Sachbuch "Heartcore": Lieblingsmodus Schönfärben - DER SPIEGEL
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Sachbuch "Heartcore" Lieblingsmodus Schönfärben

Nichts nervt so sehr wie Ratschläge - hier sind gleich drei. Erstens: Pflegen Sie die Gabe der Selbstironie. Zweitens: Lesen Sie das Buch "Heartcore". Drittens: Betrachten Sie es als Bedienungsanleitung. Gern geschehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zu den wichtigsten Ratschlägen, die ich jemals bekam, zählt zweifellos dieser: Um das Leben mit Würde zu überstehen, ist die wichtigste Gabe Selbstironie. Selbstironie! Der Ratschlag war Erleuchtung und Erleichterung zugleich. Vor diesem Ratschlag mühte ich mich, weise zu werden und zuverlässig, um mit einer möglichst geringen Fehlerquote durchs Leben zu kommen. Ein Funken Selbstironie ersetzt aber locker zwei Batzen anderer guter Gaben. Denn das Praktische an der Selbstironie ist: mit ihr geht eine gewisse Großzügigkeit gegenüber Missgeschicken, Ungerechtigkeiten und Katastrophen einher. Darum wird die Fähigkeit zur Selbstironie nirgends so sehr getestet wie auf dem Feld der Liebe, wo sich ständig Katastrophen, Fehler und Missgeschicke ereignen und zwischendrin auch ganz Wunderbares.

Davon erzählt Johanna Merhofs Buch "Heartcore - Liebe ist ein Aufstand", und weil es mit den Ratschlägen gerade so gut läuft, hier noch zwei weitere. Erstens: Lesen Sie "Heartcore". Zweitens: Räumen Sie es danach auf gar keinen Fall in das Regal mit der ganz großen Literatur, wo es bei allem Wohlwollen nicht wirklich etwas zu suchen hat. Sondern legen Sie es lieber in die Schublade, in der Sie auch die anderen Bedienungsanleitungen aufbewahren. Denn das ist es, was dieses Buch in Wahrheit ist: Eine Bedienungsanleitung dafür, wie man lebt, und das möglichst sympathisch. Ohne jede Verbitterung. Mit einer sanften Nachsicht gegenüber dem Leben. Und einer großen Freude über alles, was es bereithält.

Bars und Barkeeper

Merhofs Texte handeln von Freunden und dem ersten Freund mit den Dreadlocks auf dem Kopf und den politischen Standardwerken im Regal. Von Bars und Barkeepern. Vom Rauchen. Von Musik, von einem Mann, der sich um seinen Penis sorgt, von nächtlichen Zugfahrten und Locken auf dem Kissen. Vom Croissants einkaufen. Und Geburtstag haben. Von Dates. Von SMS. Von der Liebe als Machtkampf. Vom Verlassen und Verlieben. Von David und Oskar und Jule und Luis und dem Karpfen, die genauso gut Stefan, Wilhelm, Eva, Jens und die Giraffe heißen könnten, weil sie so oder so ähnlich in jedem Leben vorkommen.

Es sind Geschichten, die man entweder dafür preisen kann, dass man sich in ihnen wiederfindet, oder dafür verreißen, dass ihr Inhalt so unspektakulär ist. Denn "Heartcore" erzählt von Dingen, die gleichzeitig banal und wichtig sind. Wie die erste SMS, die man nach Jahren vom Ex-Freund bekommt: "Schlagartig verfiel ich in meinen bevorzugten Modus: schönfärben, verdrängen, phantasieren."

Es gibt Bücher, die liebt man wegen ihrer Sprache oder wegen der Geschichte, die sie erzählen. Dieses muss man wegen seiner Haltung lieben. Wegen seiner Selbstironie, mit der alles viel weniger schlimm ist, als es sonst wäre. Sogar der Auftritt des eigentlich gestorbenen Ex-Freundes, den die Erzählerin zu ihrer Verwunderung während einer Party plötzlich zu treffen scheint. Er sitzt dort unerwartet auf einem Bett, klimpert auf der Gitarre (viel besser als zu Lebzeiten) und gibt der Erzählerin weise Ratschläge. Die Auflösung: Der tote Freund ist nur ein Traum. Und das wäre furchtbar billig, ließe Merhof ihn zu ihrer eigenen Rettung nicht sagen: "This is just a dream. Aber ein guter. Ist schriftstellerisch jetzt nicht der originellste Trick, zugegeben. Aber alle müssen träumen."