Sachbuch-Phänomen Sprache: Im Labyrinth des Laberns - DER SPIEGEL
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Sachbuch-Phänomen Sprache Im Labyrinth des Laberns

Aspirin sparen, indem man das Wort Schmerz abschafft? Sprach-Sachbücher erklären, was beim Reden und Lesen im Gehirn passiert - und produzieren mitunter genau das Gelaber, das sie anprangern. Eine SMS-Sammlung in Buchform verhilft gar zum Kater ganz ohne Alkohol.
Von Oskar Piegsa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"In diesem Moment vollbringt ihr Gehirn, ohne dass es Ihnen bewusst würde, eine bemerkenswerte Leistung - es liest." Mit diesem Satz beginnt Stanislas Dehaene sein Buch über das "Lesen - Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert" (Knaus). Was zunächst überkandidelt scheint, entpuppt sich als völlig angemessene Formulierung, sobald Doktor Dehaene seinen Werkzeugkoffer öffnet. Mit Mitteln und Modellen aus Anatomie, Psychologie, Evolutionstheorie und Hirnforschung versucht der Neurowissenschaftler dem Abenteuer des Lesens beizukommen - und stößt dabei auf immer neue Rätsel. "Erst seit 20 Jahren", schreibt Dehaene, "beginnen wir zu verstehen, wie das Entschlüsseln von Texten in unseren Köpfen funktioniert und Laute, Schriftzeichen und Sprachverständnis verbunden sind." Als verführerischer Autor, der seine Leser erst mit Nabokov-Zitaten ködert und dann mit der Diffusions-Magnetresonanztomografie bedrängt, gelingt es Stanislas Dehaene, auch naturwissenschaftlichen Laien zu veranschaulichen, dass es das Gehirn nicht nur zu benutzen, sondern auch zu ergründen lohnt.

Was Sprache nicht in, sondern mit unseren Köpfen macht, beschäftigt Guy Deutscher in seinem Buch "Im Spiegel der Sprache - Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht" (C.H. Beck): Wie beeinflusst die Sprache unsere Wahrnehmung? Von George Orwells Idee, totalitäre Herrscher könnten ihren Untergebenen durch systematische Wortschatzverminderung die kritischen Gedanken austreiben, hält Guy Deutscher gar nichts. Wenn das funktionieren würde, fragt der Linguist, "warum sollte man nicht als Schnellheilmittel für die Weltwirtschaft das Wort 'Gier' abschaffen oder das Wort 'Schmerz' streichen, um Milliarden für Aspirin zu sparen?" Dennoch, so Deutscher, stelle sich die Frage, ob unterschiedlich sprechende Menschen auch unterschiedlich denken.

Was bedeutet es, dass Deutsche, anders als etwa Briten, immerzu das Geschlecht der Menschen und Dinge angeben müssen, von denen sie sprechen? Wieso benennen Briten und Deutsche Grün und Blau als unterschiedliche Farben, aber nicht Hellblau und Dunkelblau, die auf dem Farbspektrum ähnlich weit voneinander entfernt sind - und in manchen Sprachen Eigennamen haben? Und konnten die antiken Griechen, wie ein Altphilologe einst behauptete, womöglich gar keine Farben unterscheiden? Deutscher ist ein anregendes und unterhaltsames Buch gelungen, was nicht zuletzt den vielen Beispielen aus Wissenschaftsgeschichte und nichteuropäischen Kulturen geschuldet ist - und einem Stil, der eher dem eines guten Gesprächs gleicht, als einer wissenschaftlichen Einführungsvorlesung.

Das nette Fräulein setzt Nudelwasser auf

"Noch nie war so viel schlechtes, raschverderbliches Deutsch in Umlauf wie heute", schreibt Sven Siedenberg in "Lost in Laberland. Neuer Unsinn in der deutschen Sprache" (C.H. Beck) und gibt die Schuld daran "Business-Schwaflern", "Kürzel-Freaks", "Jargon-Monteuren" und "Zeitgenossen, die Deutsch lediglich als Mitteilungsmedium benutzen". Als Journalist ist Siedenberg hauptberuflich mit Medien und Mitteillungen beschäftigt, schon deshalb irritiert der Gedanke, die Sprache würde schlechter, wenn man sie einer Funktion unterordnet - ebenso wie seine Neigung zu Kalauern, Neologismen und Koppelwörtern (siehe "Business-Schwafler", "Kürzel-Freak", "Jargon-Monteur"), bei gleichzeitiger Geißelung selbiger. Siedenbergs Kernthese, dass es einen Unterschied zwischen guter und schlechter Sprache gibt, soll gar nicht in Abrede gestellt werden. Statt Lästereien über niederes Business- und Behördensprech zu lesen, könnte man aber auch von den Besten lernen - mit Thomas Steinfelds Buch "Der Sprachverführer. Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann" (Hanser).

Steinfeld plädiert darin für eine Liebe zur Sprache, die nicht pedantisch und unfruchtbar ist, sondern "leicht und mit einem Blick für das Komische". Beispiele für starke Sprache findet er bei Franz Kafka und Brigitte Kronauer, beschreibt wie Bertolt Brecht zum Klassizisten wurde, "weil er ein Klassiker zu sein begehrte" und warum die Literatur von Rainald Goetz gerade vom Unperfekten seines Ausdrucks lebt. Kurz: Steinfeld lockt seine Leser aufs Glatteis der schönen und gewagten Sprache - und weg vom ritualisierten Schreiben "mehr oder minder normierter Textbausteine, die immer wieder kopiert werden".

Textbausteine beschäftigen auch Max Scharnigg in seiner Kolumne "Hauptsätze" auf der Jugendseite der Süddeutschen Zeitung, jetzt.de, die nun als Buch erscheint: "Das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden - und 99 andere Sätze, mit denen man durchs Leben kommt" (Fischer). In hundert Floskeln gelingt Scharnigg das ironische Porträt eines Milieus, dessen Angehörige ihre Körper in H&M kleiden, aber ganz froh sind, wenn die Stangenware mal nicht passt, ihre WG-Zimmer mit Ikea-Möbeln verbauen, das vor Gästen aber nicht wahrhaben wollen, und eine Sprache sprechen, die Individualität ausdrücken soll, obwohl ihre Sätze Massenware sind. "Ich stehe ja voll auf britischen Humor", "Energiesparlampen machen irgendwie so kaltes Licht" und "Ich war echt schon ewig nich' mehr bei McDonald's", sind einige der Formulierungen, die Scharnigg sammelt und kommentiert. Die Auswahl ist ausgezeichnet und vieles von dem, was er dazu schreibt ganz drollig - auch wenn manchmal anstrengt, wie der Jungautor den Großkolumnisten gibt, der von Party zu Party flaniert, während das "nette Fräulein in meiner Küche" Nudelwasser aufsetzt.

"Mein ganzes Gesicht ist voller Edding"

Ähnliches wie Max Scharnigg versuchen Axel Lilienblum und Anna Koch mit "Du hast mich auf dem Balkon vergessen" (Rowohlt), setzen dabei aber nicht auf einen prononcierten Autoren, sondern auf das Prinzip der sogenannten Schwarmintelligenz. Auf smsvongesternnacht.de  sammeln die beiden Berliner Studenten Kurzmitteillungen, "die zu gut, witzig oder krass sind, um nur von euch alleine gelesen zu werden". Leser sind aufgefordert, eigene Nachrichten abzutippen und einzustellen - vorzugsweise solche, die im Vollrausch verschickt worden sind. Eine unkommentierte Auswahl erscheint nun samt orthografischen Besonderheiten als Buch und offenbart, warum es nach manchen Kneipennächten besser ist, wenn die Erinnerung der Amnesie anheimfällt oder das Handy ins Pissoir. Textproben: "Hi, ich bin schizophren... ich auch" und "Mein ganzes Gesicht ist voller Edding. Von weitem geh ich als Schwarzer durch." Hier kann man den Kater ganz ohne Alkohol haben.

Jenen 336.752 Facebook-Freunden, die bei smsvongesternnacht.de den "Gefällt mir"-Button gedrückt haben, kann man guten Gewissens auch "Guido's Guide: English for Outside Ministers" (Carlsen) unter die Edelfichte legen. Steffen Haubner alias "Outside Minister Guido Westerwave" übersetzt deutsche Phrasen bewusst falsch ins Englische und tritt so in die Fußstapfen - oder: kicks so into the footsteps - von Otto Waalkes' "English for Runaways"-Sketchen. Ebenfalls mit Deutsch-Englischen-Kommunikationsproblemen befasst, aber tatsächlich lustig: Mark Twains Aufsatz "Die schreckliche deutsche Sprache" (Anaconda) aus dem Jahr 1880, der im Herbst in einer neuen, zweisprachigen Ausgabe erschienen ist.

Das vielleicht perfekte Mitbringsel für Sprachinteressierte ist Julia Grosse und Judith Reker gelungen. Ihr Büchlein "Versteh mich nicht falsch!" (Bierke) ist clever, charmant - und so textarm, dass man damit niemandem ungewollte Lektürelast aufbürdet, bei dem sich schon Bücherstapel türmen. Das fotografische Glossar sammelt Gesten aus 50 Ländern und offenbart, dass die deutsche Handbewegung für "zwei" der chinesischen für "acht" entspricht und Kongolesen "klein" meinen, wenn Ägypter um etwas Geduld bitten und Italiener bereits gereizt sind. Wir lernen: Die Welt sieht auch in Zeichensprachen anders aus - und selbst mit Händen und Füßen bleibt das Lesen ein Abenteuer.