Sachbuch "Tüte oder so was" Ein Monster namens Kunde
"Tüte oder so was": Von Letzte-Drücker-Einkäufern und Waren-Deplatzierern
Foto: Random HouseZuerst die üble Nachricht: Wir sind nervtötende Kotzbrocken, die es verdient haben, mies behandelt zu werden. Naja, zumindest manchmal. Die Autorin Ulrike Sterblich, in und um Berlin besser bekannt als "Supatopcheckerbunny", Organisatorin der Performance-Reihe "Berlin Bunny Lectures" und inoffizielles Mitglied des Kreativnetzwerks "Zentrale Intelligenz Agentur", beschreibt in einem launigen Buch, wie wir in dem Moment, in dem wir ein Geschäft betreten, zu einem Ungeheuer namens Kunde mutieren.
Wie im Horrorfilm "Die Körperfresser" verwandeln wir uns, vergessen unsere gute Kinderstube und lassen unsere Macken, Launen und Neurosen auf das Personal los - um dann, wenn zurückgemault wird, die "Servicewüste Deutschland" zu beklagen.
Sterblich lässt stellvertretend einen Verkäufer in einem Baumarkt, einen Taxifahrer, eine Ärztin, eine Supermarktkassiererin, eine Angestellte in einem Modegeschäft, eine Flugbegleiterin, einen Videothekar und einige andere Servicekräfte über ihren alltäglichen Kampf mit dreisten, dämlichen, geizigen, ignoranten und unverschämten Kunden berichten - kurz gesagt, mit uns.
Männer pfeifen nach dem Verkäufer
Sie beschreibt Letzte-Drücker-Einkäufer, Besserbescheidwisser und Waren-Deplatzierer; Männer, die nach dem Verkäufer pfeifen oder unverschämt Rabatte fordern; Frauen, die sich bei ihrem Hund beschweren, wenn der Angestellte nicht spurt.
Sie zeigt auf, wie nervend es ist, wenn wir die gleichen blöden Witze machen, die jeder Zweite vor uns auch schon gemacht hat, an der Supermarktkasse ignorant telefonieren oder uns ausführlich im Fachgeschäft beraten lassen, dem Verkäufer Zeit und Nerven stehlen, um dann im Internet zu bestellen und fünf Euro zu sparen.
Besonders lustig wird es, wenn Sterblich die Fallstricke schildert, mit denen die Firmen ihren Angestellten den Arbeitsalltag zur Hölle machen: Kassiererinnen etwa erhalten die Order, jedem Kunden an der Kasse noch weitere Artikel oder eine Kundenkarte aufzuschwatzen oder ihn nach der Postleitzahl zu fragen.
Schaurig-komisch auch die Episoden, in denen ein C-Promi seinen Vorabendserienruhm in Freibier ummünzen will, ein bekannter Schauspieler im Comicladen stets Hefte mit Eselsohren aus dem Regal zieht und um Rabatt feilscht und ein ehemaliger DSDS-Finalist im Flugzeug dem Personal ungefragt Autogrammkarten aufnötigt. (Noch komischer wäre es gewesen, wenn die Autorin Namen genannt hätte.)
Sicher, nicht alles ist lustig, erhellend oder nachvollziehbar. Aber nach der Lektüre entsteht beim Leser zumindest Empathie mit dem Heer der Servicekräfte. Und eine Art Befangenheit, wenn wir uns dabei beobachten, wie wir wieder zum Kundenmonster mutieren.
Ulrike Sterblich: " Tüte oder so was - Wie man als Kunde nervt, ohne es zu merken ", Goldman, 192 Seiten, 8,50 Euro.