Schauerdichter E.A. Poe Rabenvater der Event-Kultur
In Deutschlands Innenstädten ist erhöhte Vorsicht angebracht. Vor allem in der Nähe von Litfaßsäulen und Bushaltestellen-Postern nimmt sich der Bürger in Acht. Denn da ist Uri Geller zu sehen, wie er einen Schwarm Krähen auf den Betrachter hetzt. Was die gefiederten Biester anrichten können, weiß man ja seit Hitchcocks "Vögeln".
Der Sieger der ersten Staffel von Gellers Magier-Casting-Show heißt Vincent Raven. Sein Wappentier ist der Rabe, mit dessen Hilfe er angeblich mit dem Jenseits kommunizieren kann. Es ist ein schöner Zufall, dass sich dieser Tage das 200. Jubiläum des Dichters Edgar Allan Poe jährt. Poe (19.1.1809 - 7.10.1849) wurde mit dem Gedicht "Der Rabe" - und vielen exzellenten Schauer- und Detektivgeschichten - weltberühmt.
Das Gedicht gehört nicht in den Lyrik-Kanon, weil es so einzigartig wäre, es hat einen Platz in der Weltliteratur, weil Poe den Entstehungsprozess in dem epochalen Essay "Die Philosophie der Komposition" beschrieben hat. Und dieses Verfahren war revolutionär. Der Dichter dreht nämlich die traditionelle Poetik um. Am Anfang steht nicht ein Thema, für das man die passenden Bilder sucht, sondern eine Wirkung, die man erzielen will. Nicht der Inhalt ist Ursprung des Gedichts, sondern die Form.
Der Autor als Ermittler
In quasi detektivischer Manier ermittelt Poe die sprachlichen Mittel, die er zur Erlangung eines bestimmten Eindrucks braucht. Der Autor will einen melancholischen Eindruck erzeugen, denn "Melancholie ist die rechtmäßigste aller dichterischen Stimmungen". Dies lässt sich am besten durch die Monotonie eines traurigen Refrains herstellen, und welches Wesen wäre plausibler und schauriger als ein Rabe, der auf die drängenden Fragen eines Mannes mit Liebeskummer immer wieder sagt: "Nevermore" nimmermehr.
So kam der Rabe in die Weltliteratur (Poe verwarf die Idee eines Papageis, weil der zwar sprachbegabt, aber nicht düster genug sei). Und mit ihm die Idee, Kunst nicht unbedingt zur Vemittlung von Ideen, sondern als Spielfeld für Stimmungen zu nutzen. Kurz: Es ging nicht um eine Message, sondern um den Effekt.
Diese Vorstellung erscheint uns heute so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht mehr als künstlerische Praxis wahrnehmen. Im Gegenteil: Ein Großteil unserer Kultur, vor allem die der Medien, scheint auf Effekte abgestellt. Nicht umsonst sprechen wir von Event-Kultur: Das Event ist der auf Programmlänge ausgedehnte Effekt.
Auch bei der gerade gestarteten zweiten Staffel der Uri-Geller-Show erwartete niemand die tatsächliche Klärung spirtitueller Fragen. Als abgebrühte Mediennutzer, geschult an tausenduneiner Dschungel- und Überwachungsshow, wissen wir: Es geht um Entertainment. Geller und die Werbestrategen von ProSieben, die ihm diese dramatische Plakatkampagne spendiert haben, sind die Erben Poes, niederste Nutznießer seiner Poetik.
Von Dostojewski bis Tarantino
Es gibt viele Poe-Schüler, durch alle Medien und Genres. Von Dostojewski bis Bret Easton Ellis spannen sich seine literarischen Wirkungen aus. Das Böse als Selbstzweck, die Vereinsamung des Menschen, die Verbindung von Gewalt und Erotik alle diese Themen, die durch die großen Texte der Moderne und Postmoderne geistern, sind in seinen Stories vorweggenommen.
Aber auch die Popkultur, vor allem der Exploitationfilm, kommt nicht ohne Poe aus. Roger Corman hat auf dem Werk des Autors eine ganze Kinokarriere aufgebaut. Quentin Tarantino zitiert ihn ausgiebig (siehe die Lebendig-begraben-Szenen in "Kill Bill" und "CSI").
Und die erwähnten Ausbeutungs und Demütigungprogramme des Fernsehens sind nicht nur die Vulgärfassung der Effektästhetik, sie können sich vom Dichter auch gleich eine Diagnose ins Stammbuch schreiben lassen. In seinem Essay "Der Geist der Perversheit" schreibt der Dichter, wir seien beseelt vom unheimlichen Drang uns "selbst zu quälen der eigenen Natur Gewalt anzutun unrecht zu tun, allein um des Unrechts willen".