Selbstfindungsroman: Mit einem Schlag jüdisch - DER SPIEGEL
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Selbstfindungsroman Mit einem Schlag jüdisch

Raubüberfall stoppt Midlife-Crisis: Das Leben von Julian Treslove, dem Protagonisten des Romans "Die Finkler-Frage", verläuft desaströs. Doch dann glaubt er mit "Du Jud" beschimpft worden zu sein - und entdeckt sich neu.
Autor Howard Jacobson: Trauer, Geborgenheit und Sex.
Autor Howard Jacobson: Trauer, Geborgenheit und Sex.

Autor Howard Jacobson: Trauer, Geborgenheit und Sex.

Foto: JUAN MARTIN MISIS/ picture alliance / dpa
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Für viele Männer wäre dieser Augenblick zutiefst demütigend: Julian Treslove blickt in ein Schaufenster, träumt vor sich hin, als ihm von hinten eine Frau in den Nacken springt. Noch bevor er reagieren kann, ist sie verschwunden. Mit seiner Brieftasche, seiner Uhr, seinem Handy. Überfallen von einer Frau, ohne Gegenwehr! Aber Treslove ist das egal. Auf eine Blamage mehr oder weniger kommt es ihm nicht mehr an. Er ist 44 Jahre alt und fühlt sich seelisch mit einem Snooker-Spieler verbunden, der die ersten sieben von acht Frames gewonnen hat - und dann trotzdem noch verliert.

Auch wenn der Überfall nur Sekunden dauert, ist es jener Moment, um den herum sich der ganze tragisch-kauzige Roman "Die Finkler-Frage" von Howard Jacobson, 68, entspinnt (es ist der erste des britischen Autors, der ins Deutsche übersetzt wurde). Für Treslove, seine grantelige Hauptfigur, ist die Attacke eine Offenbarung. Bis hierhin war sein Leben ein ständiges Umherirren, Frauen liefen ihm immer wieder weg, seine zwei Söhne waren ihm fremd und sein Geld verdiente er, schön aber wenig erfüllend, als tiefmelancholisches Brad-Pitt-Double.

Jetzt plötzlich sieht er einen Anker: Er glaubt zu hören, wie die Angreiferin ihn leise mit "Du Jud" anzischt. Hielt sie ihn wirklich für einen Juden? Sollte er gar Opfer einer antisemitischen Angriffs geworden sein? Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich zu etwas dazugehörig.

Beschneidung oder nicht?

Treslove bildet sich von nun an ein, ein Jude zu sein (oder war er das sogar schon immer und wusste es nur nicht?). Von seinem schlagartigen Elan sind seine beiden jüdischen Freunde, Sam und Libor, allerdings schwerst irritiert. Sie selbst verachten die zionistische Bewegung, die Politik Israels und stehen dem jüdischen Brauchtum skeptisch gegenüber. Sie verstehen nicht, warum ihr Kumpel werden will, was sie nicht sein wollen. Treslove lässt sich aber nicht mehr aufhalten: "Ich will das Ritual, ich will die Familie, das ganz alltägliche Ticktack des jüdischen Tags", sagt er. Erfüllt lernt er jiddische Vokabeln, entdeckt in einer jüdischen Frau die Liebe seines Lebens, wird stellvertretender Kurator eines anglo-jüdischen Museums und denkt sogar darüber nach, sich beschneiden zu lassen.

Erscheint dieser Roman anfangs noch leicht trantütig, so entwickelt er spätestens mit der überraschenden Selbstfindung seines Helden einen feinen, sarkastischen Witz. Besonders komisch wird es immer dann, wenn der Erleuchtete mit einem seiner beiden Freunde - beide trauern sie gerade um ihre verstorbenen Ehefrauen - zusammentrifft. Vor allem zu Sam, seinem alten Schulkumpanen, pflegt er eine ergötzliche Beziehung, schwankend zwischen innigem Hass und treuer Liebe. Sams Familiennamen "Finkler" verwendet der Protagonist seit Kindesbeinen allgemein für alles Jüdische, denn das, so denkt er, würde die Juden "von ihrem Stigma befreien. Redete man über die Finkler-Frage oder über die finklerische Verschwörung, entzog man dem Ganzen das Gift."

Was bedeutet es heute, ein jüdischer Mann zu sein? Das ist die Frage, um die Jacobson seinen Roman in einem angenehmen Plauderton kreisen lässt. Zwischen Tresloves hysterischer, fast blinder Verehrung für alles Jüdische und der kritischen, bisweilen antisemitischen Haltung seiner Freunde spielt er locker mit Klischees. Mal können alle Juden gut musizieren, mal sind alle ein bisschen kratzbürstig, mal betreiben sie pauschal Vielweiberei. Dabei erscheint es immer unübersichtlicher, wer was über wen und warum denkt, das macht das Ganze herrlich absurd - und zugleich erschreckend realistisch. Doch dieses tiefgründig humoristische Buch nur auf seinen Antisemitismus-Diskurs zu reduzieren, greift zu kurz. Genauso geht es um Männerfreundschaft, Trauer, Geborgenheit und Sex. Viel Sex.

Ach ja: Im vergangenen Jahr wurde Jacobson, bisher eher ein bekannter Unbekannter der Gegenwartsliteratur, für diesen, seinen elften Roman mit dem britischen Booker Preis dekoriert. Voll und ganz verdient.