Sigrid Löffler Leser, zum Diktat!
Dieses Heft soll nicht jeder lesen. In den Zeitungsanzeigen artikuliert sich eine monarchistische Vorstellung von Journalismus: "Damit Sie wissen, was Sie lesen wollen. Und lesen, was Sie wissen müssen." Das klingt nicht nach Orientierungshilfe, sondern nach Diktat. Im Vorwort der ersten Ausgabe bedient sich die Redaktion desselben Duktus. Als wenn sie dem gesunden Menschenverstand ihrer Leser misstraute, erklärt sie ihm, dass sie sich beim Untertitel des Heftes - "Das Journal für Bücher und Themen" - etwas gedacht habe: Das Motto sei "Programm", ebenso der Plural des Titels. Weiter geht's im Diktat: "Literaturen ist die Zeitschrift für Leser" - welches Printprodukt ist das nicht? Das Heft biete "Navigation" und "Thematisierung" - was denn sonst? "Deutschsprachige" und "auch nicht übersetzte Bücher" kämen vor - wie in jedem guten Feuilleton. Irgendeinen neuen Ansatz sucht man in dieser neuen Literaturzeitschrift vergebens. Sie gebärdet sich anspruchsvoll und hält ihre Leser gleichzeitig für unmündig.
Der Verlag peilt mit "Literaturen" eine Auflage zwischen 20.000 und 50.000 an. Zielkundschaft: die vier Prozent aller Erwachsenen in Deutschland, die "Leser" im Löfflerschen Sinne sind, also nicht nach dem Boulevard schielen und mehr als zwanzig Bücher im Jahr kaufen. Offenbar nimmt Sigrid Löffler nicht an, dass Mitglieder dieser Gruppe zu den gängigen Zeitgenossen gehören, die zwar lesen, ihr tägliches Weltbild aber auch aus den Inhalten von Fernsehen und Nachrichtenmagazinen zusammensetzen. Denn auch im Rezensionsteil findet sich der elitäre Duktus des Vorwortes wieder. Da werden mitunter andere Leser zu Feindbildern stilisiert, die einer "Welt, die 'stories' lesen will", angehören.
"Frei vom Aktualitätsgebot des Literaturbetriebs" wollte sich Sigrid Löffler machen. Doch gottseidank hält sie das nicht durch. Die Themen sind dieselben wie in jedem Feuilleton dieser Tage: Michael Ondaatje wird porträtiert, Szeneautorin Sybille Berg kommt mit ihrem neuen Buch "Gold" vor, Josef Haslingers "Opernball"-Nachfolger wird besprochen und für das nächste Heft Elfriede Jelineks "Gier" angekündigt. Schwerpunkt ist das Buchmessen-Thema Polen, das dezent auf den gesamten Osten von Ostberlin bis Orient ausgedehnt wurde. Das Gros der Rezensionen bewegt sich in der Standardlänge von drei Spalten und kommt nicht über eine etwas angereicherte Inhaltsangabe hinaus. Höfliche Zurückhaltung liegt in allen Texten. Selbst Jan Philipp Reemtsma formuliert in seiner Besprechung eines Shakespeare-Sachbuches nicht wirklich den Verriss, den er offenbar gerne geschrieben hätte.
Bloß nicht nach dem Boulevard schielen
Die optische Gestaltung lässt ebenfalls keinen Zweifel an der Vorstellung der Redaktion, Löffler-Leser würden ihre Augen ausschließlich auf Schrift richten. Das völlig rätselhafte Titelblatt - zur Schlagzeile "Die Erfindung des Ostens" hält eine Hand ein aus Zeitungspapier ausgeschnittenes Männchen hoch - ist nur der Auftakt. Die Bleiwüste - selbst in Interviews sind Frage und Antwort kaum voneinander zu unterscheiden - wird ausschließlich mit Schwarz-Weiß-Fotografien dekoriert, die fast nur Autoren-Köpfe zeigen. Wenn das als modischer Clean-Look des Layouts gedacht war, liegt so etwas schon geglückter am Kiosk. Optisch gelungenenen Mut zum Text beweisen dort etwa "lettre", "Du", "brand eins" und "mare".
Im hinteren Teil lässt die Redaktion den Leser ein bisschen seinem Unterhaltungsbedürfnis frönen. Korrespondenten schreiben launig über die Bestsellerlisten in New York (Harry Potter) und Italien (Krimis), und in der Rubrik "Was liest eigentlich...?" kommt endlich auch das angekündigte nicht-aktuelle Buch vor. Ein Philosophie-Professor empfiehlt dort "Das Buch der Medien" - von 1861.
Was findet sich sonst? Ein Zehnzeiler, der das Verschwinden eines kleinen österreichischen Kinderbuchverlages vermeldet. Kein Wort dagegen über den Exodus der Autoren beim Rowohlt-Verlag, den Börsengang des Eichborn-Verlages oder die ständig missglückende Nachfolgersuche bei Suhrkamp.
Entwicklungsfähig ist das Heft auch beim Diskurs. Es verweigert die Auseinandersetzung mit strittigen Themen. Das "Journal für Bücher und Themen" lässt tatsächlich all das weg, was Sigrid Löffler schon im "Literarischen Quartett" ein Dorn im Auge war, und bewahrt Stillschweigen über andere literarische Zeitphänomene à la Stuckrad-Barre oder Christian Kracht. Dass sich das ändert, wäre dem Leser zu wünschen. Damit wir in Zukunft nicht wieder auf Mundpropaganda angewiesen sind. Oder gar auf die Tipps des "Literarischen Quartetts".