Sondermann 2009: Schwule Mädchenträume - DER SPIEGEL
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Sondermann 2009 Schwule Mädchenträume

Jungs im Kleidchen, Sex-Notstand oder Prügelwahn: Die erfolgreichsten deutschen Mangas des Jahres wühlen in romantisch-schwülen Teenie-Phantasien oder bedienen düstere Endzeitängste. Doch welcher ist der "Beste Manga National"? SPIEGEL ONLINE stellt die Kandidaten vor und bittet zur Abstimmung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Melanie Schober: "Personal Paradise"

Böse Zukunft. Die Städte sind in Reviere aufgeteilt, die von verschiedenen Gangs beherrscht werden: Hier die Weißen, dort die Schwarzen, da die Asiaten. Abgrenzung bestimmt das Leben. Auch das der Schüler, die sich im Gefüge der kriminellen Banden einordnen müssen - oder draufgehen.

"Personal Paradise" nennt Melanie Schober sarkastisch ihren Manga, dessen erster Band gerade erschienen ist. Die 1985 geborene Österreicherin hat sich mit der Serie ihren Berufswunsch Mangaka erfüllt.

Trotz des apokalyptischen Konzeptes steckt noch einiges an naiver Romantik in "Personal Paradise". "Ursprünglich sollte alles im Mittelalter spielen", erklärt Schober das ursprüngliche Konzept ihrer Serie. Die ist jetzt aber kurz nach dem Dritten Weltkrieg angesiedelt, mitten in der Trostlosigkeit deutscher Großstädte. Reste des Ursprungskonzeptes schimmern allerdings noch durch, wenn in Dialogen auf Vampire und Ritter angespielt wird.

Dem gegenüber steht eine Handlung, die vor allem auf der Unterschiedlichkeit der Charaktere beruht. Schobers Figuren sind keine austauschbaren Teenies, sondern individuell gestaltete Figuren. Außenseiter, Mitläufer, Machtmenschen halten die Episoden in Gang, nicht äußere Ereignisse. Damit zeigt sie eine erzählerische Reife, die nicht alle ihre hiesigen Kolleginnen besitzen.


Melanie Schober: "Personal Paradise", Carlsen Manga, 180 S.; 6,00 Euro

Anna Hollmann: "Stupid Story 1"

Der schüchterne Yanik will seinen ersten Tag an der neuen Schule vorsichtig angehen lassen. Und Mädchenschwarm Alan küsst ausgerechnet Yanik vor allen Mitschülern, um Ruhe vor seinen Verehrerinnen zu haben. Chaotisch wird's dann, als Yanik gezwungen wird, als Mädchen verkleidet zu einer Party zu gehen. Auf der sich natürlich, wen überrascht's, der ebenfalls anwesende Alan sofort in die unbekannte Blondine verliebt.

Über Kerle in Frauenklamotten lachte man schon vor über hundert Jahren, als die Boulevardkomödie "Charleys Tante" Premiere hatte. Später spielten so unterschiedliche Darsteller wie Jack Lemmon oder Peter Alexander unfreiwillige Weibsbilder in Filmen wie "Manche mögen's heiß" oder "Die Abenteuer des Grafen Bobby". Von all diesen Filmen wagte es allerdings nur Wilders brillante Komödie, an der identitätsstiftenden Funktion der Heterosexualität der Fummel-Herren zu kratzen.

Ganz anders der japanische Comic, der gerade aus der Verwirrung der Geschlechter Kapital schlägt. "Shonen Ai" heißt das Genre, in dem sich sogar heterosexuelle Jungs in Jungs verlieben, in dem Homo-, Bi- und Heterosexualität sich verwirren. Nicht männliche Leser bilden die Zielgruppe, sondern junge Mädchen von 14 bis 18, die in den überaus glatt gestylten Geschichten ihre so attraktiven wie sexuell ungefährlichen Traumtypen anschmachten können.

Shonen Ai ist vermutlich das beliebteste Manga-Genre. Auch in Deutschland, wo mehrere junge Zeichnerinnen inzwischen professionell das Gebiet der Jungsliebe beackern.

Yaniks verzweifelte Mädchenkostümierung übrigens fliegt sehr schnell auf, was den Übermacho Alan erst recht in einen sinnverwirrenden Konflikt stürzt. Ist er ein Hetero, Schwuler, Bi? Und ist das überhaupt wichtig?


Anna Hollmann: "Stupid Story 1", Tokyopop, 188 S.; 6,50 Euro

Olga Rogalski: "Tränen eines Engels"

Nachdem sein Freund mit ihm Schluss gemacht hat, will der Schüler Nicolas nur noch sterben. Ein Wunsch, der ihm prompt erfüllt wird - beinahe. Der Todesengel Chagan wird auf die Erde gesandt, um Nicos Leben zu beenden. Statt dem Auftrag nachzukommen, verliebt sich Chagan allerdings in Nico.

Wie der andere Nominierte dieses Jahres, "Stupid Story", zählt auch Olga Rogalskis Comic zum Genre der sogenannten Shonen Ai- bzw. Boys-Love-Mangas. Das belegt nicht nur den Erfolg des Genres hierzulande, sondern zeigt, wie gut deutsche Comiczeichnerinnen sich inzwischen den Regeln des Genres anzupassen vermögen, die eine permanente Balance zwischen emotional-sauberer und sexuell aufgeladener Erzählweise erfordern.

Rogalski jedenfalls beherrscht das perfekt. Ihre Jungs, Nico und Chagan, sind von androgyner, fast asexueller Schönheit, mit drahtigen Körpern, halblangen Haaren und zwischen Erstaunen und Trauer eingefrorenem Gesichtsausdruck. Mit nahezu voyeuristischer Intensität folgt die Erzählung fast ausschließlich den beiden Figuren: 180 Seiten Liebe, Sex - und Tod.

Andere Personen finden dabei praktisch nicht statt. Dass die Erzählung vor der Kulisse des bayerischen Waldes angesiedelt ist, spürt der Leser kaum. "Tränen eines Engels" ist ein ganz und gar privates Melodram zweier Jungs, bei dem sämtliche Gefühle sofort und für immer gigantisch sind, und bei dem nichts zwischen einzigartiger Liebe und endgültigem Scheitern steht.

Damit erfüllt Rogalski Mädchenträume von Leserinnen ab 16. Obwohl in einzelnen Szenen des Buches ein deutlich stilleres, konzentrierteres Erzähltalent durchscheint, das Raum für Atmosphäre zu lassen vermag, geht es in dieser Fantasy-Lovestory letztlich vor allem darum, das Drama tief im Fahrwasser des Kitsches konsequent auf jenen Punkt zuzutreiben, den der Titel verspricht. Dass die Geschichte nichts für Jungen sei, gibt die Zeichnerin im Nachwort freimütig zu. Und auch, dass sie, selbst schon Mitte 20, aufgrund des Schicksals ihrer Hauptfigur beim Zeichnen oft habe weinen müssen. Nun denn.


Olga Rogalski: "Tränen eines Engels", Tokyopop, 180 S.; 6,50 Euro

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