Sondermann 2010: Und es ward'n Strich - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Sondermann 2010 Und es ward'n Strich

Gott und Noah streiten, zwei Gallier gönnen sich einen Jubelband, eine Fantasy-Saga wird weiter kongenial umgesetzt, und ein Kinderbuch Erich Kästners prächtig rekonstruiert: Wählen Sie aus den erfolgreichsten Titeln des Jahres Ihren Favoriten für den Sondermann-Preis in der Kategorie "Bester Comic"!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ralf König: "Archetyp"

"Gott sprach: Es werd'n Strich" beginnt Königs Comic-Genesis in diesem Buch, "doch der war ziemlich krakelich", kommentiert der Erzähler Gottes Mühen. Schöpfung mit Anlaufschwierigkeiten.

Die hat König selbst dagegen nicht. "Archetyp" ist bereits der zweite Teil einer geplanten Trilogie zur Bibel. Deren erster Band, "Prototyp", handelte zwar schon ausgiebig von Schöpfung und Geschöpften. Aber während in "Prototyp" das komische Drama der ewigen Versuchung und die Dreiecksbeziehung Gott/Adam/Schlange im Mittelpunkt stand, dient in diesem Buch die als Prolog vorangestellte Schöpfungsgeschichte im Schnelldurchlauf lediglich dazu, noch einmal die scheinbare Verderbtheit des Menschengeschlechtes vorzuführen. Denn die Menschen haben nur eins im Kopf: Sex, Sex, Sex. Und das stört vor allem Noah, Königs vergrätzten Anti-Helden, den "Archetyp".

Noah ist die Antithese zur im Wortsinn vorsintflutlichen Spaßgesellschaft. Ein lustfeindlicher Fanatiker mit übersteigertem Ego. "Es ist dir vielleicht noch nicht aufgefallen, aber ich, Noah, bin unter allen Menschen der einzig Gerechte", schnauzt er Gott an und fordert ihn zum Weltgericht auf. Missmutig geht der drauf ein, aber nur, damit Noah Ruhe gibt.

Noah als lustfeindlicher Fanatiker: Ausschnitt aus "Archetyp" von Ralf König

Noah als lustfeindlicher Fanatiker: Ausschnitt aus "Archetyp" von Ralf König

Foto: Rowohlt

Ganz offensichtlich bereitet König die gallespritzende Gestalt mit ihren ewigen Klagen einen göttlichen Spaß. Noah ist ein Isnogud, ein Louis de Funès, ein Egomane, der fortlaufend an den eigenen Unzulänglichkeiten scheitert. Etwa an der, im Vorfeld des von ihm herbeigesehnten Weltunterganges von jeder, aber auch wirklich jeder Art ein Paar an Bord der Arche zu nehmen. Süffisant zählt Gott, der das Weltende nur widerwillig einläutet, ihm allein die Dutzenden Froscharten auf, die es zu berücksichtigen gilt. Von größeren Tieren ganz zu schweigen: "Zwei von diesen Elefanten, und die Arche ist voll", motzt der biblische Bootsbauer.

Weil König sich nicht an den biblischen Originaltext hält, steht ihm die Möglichkeit zur Läuterung des Giftzwerges offen. Anders als in der Bibel wird Noah in seiner Arche letztlich auf ebenso überraschende wie emotional mitreißende Weise aus seinem kleinlichen Standpunkt erhoben. Denn das ist die Moral von der Geschicht', und die beherrscht Ralf König in seiner unaufdringlich-ironischen Art wie kein anderer: Die Schöpfung muss bewahrt werden. "Wollen wir uns den Weltuntergang nicht ersparen?", lässt er darum Gott den Archetypen Noah fragen. Der schweigt nur grimmig.


Ralf König: "Archetyp", Rowohlt, Reinbek, 144 S.; 16,90 Euro

René Goscinny, Albert Uderzo: "Asterix und Obelix feiern Geburtstag"

Ein Bruch mit Traditionen. 32 Bände lang endete jedes "Asterix"-Album mit dem beinahe gleichen Schlussbild: Ein großes Wildschweinessen und ein Barde, der nicht singen darf. Allein in der Kurzgeschichtensammlung "Asterix plaudert aus der Schule" kam es nicht vor.

Im Nebensaal einer Jubiläumsausstellung: "Asterix und Obelix feiern Geburtstag"

Im Nebensaal einer Jubiläumsausstellung: "Asterix und Obelix feiern Geburtstag"

Foto: Les Editions Albert René, Goscinny - Uderzo/ Egmont Ehapa Verlag

Und jetzt auch in diesem Buch, "Asterix und Obelix feiern Geburtstag", dem Jubiläumsabenteuer zum fünfzigsten Geburtstag der gallischen Helden. Dabei, Abenteuer wäre übertrieben.

Es ist ein eigenwilliges Garn, das Albert Uderzo hier knüpft, der die Serie seit fast einem Vierteljahrhundert im Alleingang schreibt und zeichnet, also die Hälfte der Lebenszeit der Figuren. Einen schmalen Handlungsstrang entlang, der von der Vorbereitung der Geburtstagsfeier der Titelhelden handelt, hat er diverse Mini-Episoden, Illustrationen und vieles weitere geklebt.

Zeitschriftencover, Briefmarkenentwürfe, Bewegungsskizzen der Figuren, Darstellungen aus einem Katalog für einen Vergnügungspark und vieles andere mehr lieferten das Material dafür. Bilder, die Albert Uderzo im vergangenen Vierteljahrundert für verschiedene Anlässe gezeichnet hat, werden aneinander gereiht und mit Kommentaren der Figuren versehen.

Eine Geschichte kommt so natürlich nicht zustande. "Asterix und Obelix feiern Geburtstag" liest sich eher wie ein Gang durch den Nebensaal einer Jubiläumsausstellung: was sonst noch war. Das ist manchmal interessant, manchmal banal. Und manchmal, das kann vermeldet werden, immer noch faszinierend lustig. Wie der mehrseitige Prosatext, den "Asterix"-Miterfinder René Goscinny in den Sechzigern über das gallische Straßensystem des Jahres 50 vor Christus verfasste. Motto: "Veni, vino, violi" ("Ich kam, ich trank, ich baute einen Unfall").

Albert Uderzo sei es gegönnt. Es ist mutmaßlich das letzte "Asterix"-Abenteuer, das er zeichnen wird. Die Weichen für seine Nachfolger sind bereits gestellt. Insofern lässt sich dieses Album auch als Abschiedsvorstellung lesen, als nostalgisch zurück blickender Abgesang. Aber Wildschwein hätte es trotzdem geben können.


René Goscinny, Albert Uderzo: " Asterix und Obelix feiern Geburtstag". Softcover: Ehapa, 56 S., 5,00 Euro. Hardcover: Ehapa Comic Collection, 56 S.; 10,00 Euro.

Stephen King, Jae Lee, Robin Furth: "Der dunkle Turm 3 - Verrat"

Ein Lebenswerk: Von 1970 bis 2004 schrieb Stephen King, sonst für sein unbändiges Tempo beim Verfassen von Romanen bekannt, an der siebenbändigen Saga "Der dunkle Turm". Nicht nur wegen der langen Entstehungszeit ist es das ungewöhnlichste Werk im Schaffen des Autors. Auf knapp 4000 Buchseiten vermengt King Elemente des Westerns mit Fantasy und Science Fiction. Das Ergebnis ist eine Art Sergio Leone in Endzeitstimmung: Finstere, schmutzige Revolvermänner reiten durch eine komplett aus den Fugen geratene Ödlandschaft, aus der jeder Zeit ein Monster hervorbrechen kann.

Beklemmend schöne Augenweide: "Der dunkle Turm 3 - Verrat" nach Stephen King

Beklemmend schöne Augenweide: "Der dunkle Turm 3 - Verrat" nach Stephen King

Foto: Heyne

Die Bilder dazu lieferte Jae Lee in seinen Comics zum "Dunklen Turm". Die sind nicht nur simple Adaptionen der Bücher, sondern von King genehmigte Erweiterungen der Geschichten. Verfasst von Marvel-Autor Peter David und King-Kumpanin Robin Furth, vertiefen die Comics die Erlebnis- und Gefühlswelt des einsamen Reiters Roland, der sich aufmacht, mit einem Pferd und zwei Revolvern die Welt vor dem Untergang zu retten, indem sie Erzählungen vom Wegesrand aufgreifen, die in den Romanen keinen oder kaum Platz fanden.

Es ist ein schauderhafter Ritt, für den Jae Lee stets die richtigen Bilder findet. Zahnlose Hexenmuhmen mit schaurigen schwarzen Katzen, zerlumpte Farmer, denen die Verzweiflung in den Augen steht, und sadistische Sheriffs, die mit wildem Blick die Bürger terrorisieren. Kein Licht, nirgends: in einem grandiosen Spiel aus schwarzen, braunen und roten Tönen erschafft Lee eine Welt aus Dreck und Dämmerung, durch die Roland reiten muss, um sein Ziel, den "Dark Tower", zu erreichen.

"Der Dunkle Turm" ist ein bleierner und blutiger Horrorwestern, eine beklemmend schöne Augenweide und deshalb nicht von ungefähr einer der erfolgreichsten Comics der letzten Jahre, bei dessen erstmaligem Erscheinen die Fans nachts vor den Comic-Shops kampierten. Auf Deutsch erscheint die Reihe in zwei Editionen: als preiswerte Taschenbuchausgabe für den Alltagsgebrauch bei Heyne, und als edle gebundene Schwarte im Überformat für Connaisseure bei Splitter. Inhaltlich sind beide Bücher identisch.


Stephen King, Jae Lee, Robin Furth: " Der dunkle Turm 3 - Verrat", Softcover: Heyne, 208 S.; 19,95 Euro. Hardcover: Splitter, 240 S.; 39,80 Euro.

Isabel Kreitz: "Pünktchen und Anton"

Es ist eine irritierende Erfahrung, Isabel Kreitz' Comicadaption von "Pünktchen und Anton" zu lesen. Mit den Jahrzehnten hat sich eine Patina aus Alter und nostalgischer Romantik über die meisten Bücher von Erich Kästner gelegt, über die Kinderbücher vor allem. Eine Vielzahl verharmlosender Verfilmungen haben den Vorgang noch beschleunigt.

Neuzeitliche Patina abgekratzt: "Pünktchen und Anton" von Isabel Kreitz

Neuzeitliche Patina abgekratzt: "Pünktchen und Anton" von Isabel Kreitz

Foto: Isabel Kreitz

Dabei waren Kästners Texte für Kinder (und die kongenialen Illustrationen von Walter Trier) zum Zeitpunkt ihres ursprünglichen Erscheinens bahnbrechend und hochmodern. Als erster deutscher Kinderbuchautor hat Kästner Geschichten aus dem Lebensalltag seiner Leser erzählt, und das heißt in diesem Fall vor allem aus den wilden zwanziger Jahren und den letzten Tagen der Weimarer Republik.

Mit Feinsinn und Verve kratzt Isabel Kreitz die ganze neuzeitliche Patina von der Vorlage ab. Darunter kommt eine Geschichte zum Vorschein, die trotz des märchenhaften Sujets von der Freundschaft zwischen dem reichen Mädchen und dem armen Knaben ohne jede süßliche Romantik auskommt.

Bereits mit der Uwe-Timm-Adaption "Die Entdeckung der Currywurst" und der Agentengeschichte "Die Sache mit Sorge" (für die sie 2009 den Sondermann erhielt) hat Isabel Kreitz bewiesen, dass sie sowohl Geschichte wie auch Geschichten hervorragend für den Comic adaptieren kann. Seit Jahren bemüht sie sich um die Rechte für eine Comicadaption von Thomas Manns "Buddenbrooks", leider vergeblich.

Bei ihrer Nacherzählung von "Pünktchen und Anton" orientiert sich Isabel Kreitz an den Originalillustrationen von Walter Trier. Dessen sanfter Kreidestrich und die Kunst der Reduktion der Bilder auf das Wichtigste kommen dem semidokumentarischen Ansatz entgegen, mit dem Kreitz das Alltagsleben in Berlin vor dem Dritten Reich rekonstruiert. Wie selbstverständlich (aber natürlich ist es nicht selbstverständlich, sondern viel harte Arbeit) sind Mode, Werbung, Architektur und viele weitere Details der damaligen Zeit zu sehen.

Ihren Erzählgestus freilich hat sie eher von dem amerikanischen Meistern des Comics, von Will Eisner oder den Horrorzeichnern des EC-Verlages. Entsprechend direkt ist ihr Ansatz. Schnörkellos, gelegentlich von düsterer Romantik, dann wieder von Ironie getragen, schildert sie das Berliner Unterklassen- und Bürgerleben der wilden Zwanziger. Mit der kuscheligen Romantik des nostalgischen Kinderbuches hat das kaum noch zu tun. "Pünktchen und Anton", der neue Comic, ist das alte Kinderbuch, wie es lange nicht mehr wahrgenommen wurde.


Isabel Kreitz: " Pünktchen und Anton", Cecilie-Dressler-Verlag, 100 S.; 16,80 Euro.