Spektakel Triumph der nackten Wade
n einem Hamburger Fernsehstudio hat es begonnen, im Schloss Bellevue endet es. Am Anfang Achselzucken, böse Worte, verhaltene Enttäuschung, zum Schluss gibt es diese Woche einen präsidialen Händedruck und allgemeines Bedauern hie und da wird wohl auch ein Schluchzer zu hören sein. Unschwer wird man sich auf dreierlei verständigen können. Erstens: Niemals und nirgends wurde so viel Quatsch über Bücher geredet wie beim "Literarischen Quartett". Zweitens: Es war eine tolle Sache. Drittens: Es ist gut, dass es vorbei ist. Der Quatsch ergibt sich aus der Sache selbst. Man kann über Bücher sprechen, man kann sie auch beurteilen. Dazu braucht es Kriterien, die muss man diskutieren. Die Diskussion braucht Zeit, die aber hat man im Fernsehen nicht. Wenn man dazu berücksichtigt, dass Abstraktion und Gründlichkeit der Unterhaltung immer feindlich sind und in der durch Scheinwerfer und Publikum forcierten Hitze des Gefechts die Pointe stets wirksamer ist als das Argument, ergibt sich das vorhersehbare Ergebnis, das Marcel Reich-Ranicki selbst bündig zusammenfasste. Frage: "Finden Sie nicht, dass über die Bücher bloß oberflächlich geredet wird?" Antwort: "Es wird über die Bücher sehr oberflächlich geredet." Eine tolle Sache war es dennoch. Nicht wenige Schriftsteller Cees Nooteboom, Javier Marías, Ruth Klüger, um nur diese drei zu nennen haben vom Quartett in hohem Maße profitiert, ihre Auflagen gingen von einigen Tausend pfeilschnell bis in die Hunderttausend. Bei den Genannten handelt es sich nicht gerade um einfache Autoren. Jeglicher Quatsch hat ihnen nicht geschadet, die Unterhaltung hat ihnen genützt und damit der Literatur. Bei den Opfern der Sendung waltete hingegen stupider Darwinismus: Wer vorher nicht bekannt war und einen Verriss bekam, war doppelt geschlagen als nun zu Recht bekannter Unbekannter. Wer ohnehin Erfolg hat, konnte sich mit Martin Walser trösten: "Reich-Ranicki kann sagen, was er will, er ist immer hilfreich. Verreißt er mein Buch, kaufen's die Leute erst recht. Lobt er's, kaufen sie es trotzdem." Und was das Publikum betrifft, so wirkte das Quartett grunddemokratisch: Ein Gutteil der Zuschauer hat keine weiterführenden Schulen besucht und folgte nicht nur dem Gespräch, sondern womöglich auch den Empfehlungen. "Wenn der Steuerberater aus Koblenz", so Reich-Ranicki, "ein Buch von Ruth Klüger über Auschwitz liest, dann habe ich etwas bewirkt." Liest man die Gespräche nach, so stellt man fest: Es gab in der Masse Geröll aus Unmutsäußerungen, Beleidigung und Enthusiasmus, Pointenabwurf und Ehrgeizrhetorik auch funkelnde Passagen, redliches Bemühen ums bessere Argument, minutenweise Verständigung, es gab sympathische Skrupel und Ausfälle von Gelehrsamkeit. Trotz wiederholter Bemühungen vor allem der Mitglieder Sigrid Löffler und Iris Radisch sind theoretische Überlegungen allerdings am Unwillen des Dirigenten Reich-Ranicki gescheitert, dessen naturwüchsiges Verhältnis zur Prosa nicht zu erschüttern ist. "Es hat gar keinen Sinn", winkte Löffler erst vor drei Jahren ab, "dass wir jetzt diese langweilige Debatte noch mal führen. Das bringt ja ohnehin nichts, und die Postmoderne ist außerdem vorbei." "Oh", sagte Reich-Ranicki, "das ist ja eine gute Nachricht. Ich habe gar nicht gemerkt ... sie ist vorbei, die Postmoderne." Löffler: "Ja, Sie können sie abhaken. Sie haben nicht bemerkt, dass die Postmoderne da war. Jetzt können Sie sich darüber freuen, dass sie vorbei ist." Und auch damit ist es nun vorbei: mit den Scharmützeln und Sottisen, der Ödnis und dem Gefasel, mit dem Schaukampf der Persönlichkeiten und unserem Voyeurismus. Im diskreten Gewand der Selbsterkenntnis, höchst beiläufig und in erbarmungsloser Wiederholung haben wir erfahren dürfen, wie niedrig der Mensch ist, wie vorhersehbar sein Interesse und wie bestimmend sein Gefühl: Denn auch den Aufmerksamsten fiel es schwer, nach einer Sendung die Argumente, so sie denn fielen, zu wiederholen was man hingegen noch ganz genau wusste, war, wie sich jener blamiert und diese gelacht hat, dass ein Hosenbein zu kurz und eine Bluse zu hoch geschlossen war. Man hat eben nicht Literaturkritik, sondern Kritiker gefilmt, und damit hat das Fernsehen, Medium des Auges und der Empfindung, über seinen Gegenstand triumphiert. Womöglich ist die größte Leistung der Akteure, dass sie dies wussten, ohne sich ganz zu unterwerfen mit Mühe und, manchmal, mit Anmut. Das Romandebüt eines Frankfurter Autors wird die Sendung würdig beschließen: Auf dem letzten Programm steht unter anderem "Die Leiden des jungen Werther" von Goethe. "Das bisschen Verstand, das einer haben mag", heißt es darin, "kommt wenig oder nicht in Anschlag, wenn Leidenschaft wütet." Ein letztes Mal darf nun die Leidenschaft walten. Dann kann die Erinnerung ihre vergoldende Arbeit beginnen. ELKE SCHMITTER