Debatte Lieber Stadtmensch als Landei
"Wer rauszieht, ist raus": Die Autorinnen Katja Trippel, Barbara Schaefer haben ein Plädoyer für das Leben in der Stadt geschrieben
Foto: Anika Büssemeier/ BlanvaletWer Zeitschriftenregale und Buchhandlungen durchstöbert, der muss denken: Die Deutschen lieben das Landleben. Wer hingegen Immobilienanzeigen studiert, kommt zu dem Schluss: Die Deutschen wollen alle in Großstädten leben. Ja, was denn nun? Wo ist es schöner?
Die Journalistinnen Barbara Schaefer und Katja Trippel sind sich sicher: in der Großstadt. "Wer rauszieht, ist raus", schreiben sie in ihrem Buch "Stadtlust", mit dem sie den Hochglanzpostillen wie "Landlust", "Landidee" und "Country" etwas entgegensetzen wollen. Die Magazine, die zurzeit Auflagenrekorde einfahren, zeigten das Landleben so realitätsnah wie der "Playboy" Frauen, ätzen Schaefer und Trippel. Auch Menschen auf dem Land hätten stressige Jobs und Zukunftsängste. Bloß nichts, was sie davon ablenke: keine Theater, keine Kinos, keine Bars. In den Magazinen sei davon nichts zu sehen.
Stadtbewohner leben länger
Die Autorinnen, aufgewachsen in der Provinz, aber seit Jahren in Berlin lebend, versammeln neun Gründe für das Leben in der Großstadt. Wir nennen stellvertretend fünf. Erstens: Stadtbewohner lebten länger und gesünder, schreiben Schaefer und Trippel. Was daran liege, dass Tausende Landarztstellen unbesetzt seien. Und daran, dass sich Städter durchschnittlich etwa 20 Prozent mehr bewegten als Dorfbewohner: Sie gehen zu Fuß zum Bäcker, fahren mit dem Rad zur Arbeit, machen mehr Sport, weil es mehr Sportangebote gibt. Zudem ernähren sie sich gesünder: Haben Sie schon mal versucht, in einer Dorfkneipe ein vegetarisches Gericht zu bestellen?
Zweitens: Landkinder sind entgegen eines weitverbreiteten Vorurteils arm dran. Sie können zwar auf Bäume klettern, berichten die Autorinnen, sind dabei aber immer häufiger allein, weil der Geburtenrückgang dazu führt, dass die Wege zu den nächsten Spielkameraden unpraktisch weit sind. Auch die Betreuungsmöglichkeiten sind schlechter, so dass ihre Mütter schlechter verdienen: In der Stadt verdienen sie im Schnitt zwölf Prozent weniger als Männer, auf dem Land 33 Prozent. Weil auch die Wege zu weiterführenden Schulen weiter sind, machen Landkinder seltener Abitur.
Drittens: Das Leben auf dem Land ist nicht so viel billiger, wie viele denken. Die Autorinnen zitieren eine Studie, die Forscher im Auftrag des Umweltbundesamts und des bayerischen Innenministeriums angefertigt haben. Sie haben die Wohn- und Mobilitätsausgaben einer durchschnittlichen Mutter-Vater-Kind-Familie aus dem Münchner Innenstadtbezirk Au-Haidhausen mit einem ländlichen Pendant aus Ebersberg verglichen, 40 Kilometer entfernt von der Innenstadt. Trotz Pendlerpauschale, einer klimafeindlichen Subvention, sparte die Landfamilie nur 281 Euro im Monat, verlor dafür aber jeden Tag 58 Minuten durchs Pendeln.
Dorfbewohner sorgen für ein ökologisches Desaster
Viertens: Städter sind Klimaretter, weil sie ihre täglichen Wege viel häufiger mit U-Bahnen, Bussen und Fahrrädern zurücklegen. Neubauviertel außerhalb der Stadt hingegen seien ein ökologisches Desaster, schreiben Schaefer und Trippel, weil sie die Flächenversiegelung beschleunigen und den Autoverkehr anschwellen lassen. "Wer die Stadt verlässt, tut damit ausschließlich seiner vermeintlichen Naturliebe etwas Gutes. Der Natur wäre es am liebsten, alle Menschen würden in der Stadt leben."
Fünftens: Weil auf städtischen Freiflächen meist nicht gedüngt und kaum gespritzt wird, zudem selten gejagt, gibt es dort eine erstaunliche Artenvielfalt. Im Stuttgarter Rosensteinpark gibt es Feldhasen und in der Isar in München Biber, auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg Uhus und in Berlin Nachtigallen. Laut Schaefer und Trippel sind es mehr als in ganz Bayern.
Kurzum: Metropolen erscheinen im Sachbuch "Stadtlust" als die letzten Orte, an denen das Landleben noch in Ordnung ist. "Wer im Dorf Rohmilchkäse oder Biofleisch essen möchte", schreiben die Autorinnen, "muss es von der Stadt aufs Land exportieren."
Was natürlich alles irgendwie richtig ist, aber wer wäre darauf nicht gekommen? Die Argumente, die Schaefer und Trippel ihren Lesern servieren, sind so erwartbar wie ein Tag auf dem Land. Wer seine Tage hingegen in einer Großstadt verbringt, sollte Besseres zu tun haben, als dieses Trendbüchlein zu lesen. Ins Theater gehen zum Beispiel, ins Kino oder in eine Bar.
Barbara Schaefer und Katja Trippel: Stadtlust. Vom Glück, in der Großstadt zu leben. Blanvalet; 272 Seiten; 19,99 Euro.