Stephan Maus Berlin als Orgasmus
Nein, diesen Berlin-Hype mag Stephan Maus, 32, gar nicht. Dass er wieder in seiner Geburtsstadt lebt, liegt an dem Job seiner Freundin, und er legt Wert darauf, kein Berliner Jungautor zu sein. Gerade deswegen konnte er das vielleicht aufregendste Buch aus und über Berlin schreiben.
Seit Thomas Hettche wenige Jahre nach der Wende seinen Roman "Nox" damit begann, einen Sterbenden den Mauerfall erzählen zu lassen, rufen die Feuilletons nach dem Roman der neuen Hauptstadt oder der neuen Republik. Die Kritiker riefen den Tod des Erzählers aus und feierten zugleich Erzählromane über den deutschen Alltag. Jetzt lebt der Erzähler wieder und was er in Stephan Maus' Roman "Alles Mafia! Eine Gangsta Rhapsodie" aus der Wirklichkeit macht, hat mit Alltag wenig zu tun:
Der zugrunde liegende Plot der Deutschen Nina, die sich in die Welt der asiatischen Zigarettenschmuggler begibt und sich in ein Dreiecksverhältnis mit einem kleinen Kippendealer und dessen Boss - einem Nintendo-Ninja aus der Hölle - verheddert, dient nur als grobes Gerüst. Vielmehr liefern die extrem stilisierten und mystifizierten Figuren und ihr abstruser Hauptstadt-Underground ein Materiallager für assoziative, fast schon halluzinogene Collage-Orgien. Dabei mixt Maus Partikel aus Popkultur (Werbung, Nena-Songs und Dialogen aus "Der Pate") mit Hochkultur. Der Erzähler, der durch Nina spricht, macht gar keinen Hehl aus seiner Manipulation: Jeder Satz klingt wie ein Slogan, lebt aus der Kombination von Gegensätzen, ihrer Ironie, der Pracht des möglichst schrillen Bildes, der übertriebenen Formulierung.
In der Summe wird daraus eine Kette phantastischer Knalleffekte - aber keine Dia-Show: Mit Maus' profilierter Rhythmik und seiner Lust an Wort- und Klangspielereien gerät der Text zum dichten Strom, der oft mehr nach Lyrik klingt, aber dennoch in jeden Satz einen Gag hetzt. Immer geht es um Sex und Zigaretten und Mord. Und Deutschland: "Ein Archäologe rekonstruiert den Tod seines Sohnes. Ornithologen besuchen die letzten Zwerggänse. Ein verlassener Fabrikant demoliert im Suff seine Stammkneipe...Deutschland heute, dunkel lockende Welt. Kennzeichen XY. Der Archipel Gulasch." Oder: "Die neue Mitte zwischen DDR-Schrankwand und Reichskriegsflagge. Und drüben im Westen kreuzten die Sushi-Kuriere auf ihren Motorrädern mit garantiert delfinfreundlichen Sidecases. Land der Bücherverbrennung und der Mülltrennung."
In seinem Eifer unterlaufen Maus schauerliche Kalauer ("...sagte ich hüstelnd in Moll und lutschte eins (Pull).") und öde Diskurs-Jokes ("Die Vögel zwitscherten, als hätte es Auschwitz nie gegeben."). Aber ansonsten bietet seine Einheit von Bildern, Rhythmus und Erzählung ein Texterlebnis von unheimlicher Körperlichkeit, die man greifen zu können glaubt. Collage und Lyrik sind dabei nicht Ersatz für eine "richtige Geschichte", wie sich an kleinen, Plot-versessenen Anekdoten zeigt. Schwierig ist das Buch nur für Germanisten, die nach dem Konzept suchen.
Für alle anderen ist es vor allem berauschend unterhaltsam und unterhaltsam berauschend, so wie es wohl nur "Naked Lunch" von William S. Borroughs war, ein deutliches Vorbild für "Alles Mafia!". Zugleich kann es als Kunstwerk in seiner schnellebigen Zeit bestehen: Der multiple Text-Orgasmus spielt sich zwischen den beiden Sätzen der Rahmenhandlung ab: "Hast du mal Feuer?" auf der ersten Seite und "Ich rauche nicht!" auf der letzten Seite. Eine Tausendstel Sekunde Welt aus Wollust und Vorstellung, zwischen einer Anmache und einer Abfuhr als gewaltige Eruption.
Stephan Maus: "Alles Mafia! Eine Gangsta Rhapsodie". Rowohlt Berlin, Berlin; 144 Seiten; 29,80 Mark.