Sybille Berg: Respektlose Halbsätze - DER SPIEGEL
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Sybille Berg Respektlose Halbsätze

Sibylle Berg wird der "gewalttätigste Lidstrich Deutschlands" genannt. Ihr neues Buch "Gold" ist ein Querschnitt durch das, was sie berühmt und berüchtigt machte.
Von Simone Kaempf
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sibylle Berg bietet Neidern viele Angriffsflächen. Sie war die erste und vermutlich einzige Journalistin, für die Leser einen Fan-Club gründeten, eine begehrte Journalistin, Kolumnistin, mehrfache Buch-Autorin und mittlerweile auch Dramatikerin. Sie ist die schöne Böse: mit blonden Locken und dem gnadenlosen Lidstrich.

Keiner kann so gut verheimlichen, schon 38 Jahre alt zu sein, und zu den Premieren ihrer Theaterstücke erscheint sie schon mal in Begleitung äußerst hübscher Männer, die auch noch so aussehen, als würden sie sich ständig spannende Gedanken machen. Was dazu führt, dass ihr gleichermaßen Männer und Frauen hinterherschauen.

Bergs Texte beziehen große Energie daraus, dass immer die anderen die Spießbürger sind. Das Ehepaar, das am Strand spaziert und danach Kaffee trinkt, ist ein Schreckensbild. "Großes Lauern, auf einen Partner, der mein Leben teilt. Also halbiert, damit es schneller rumgeht", frotzelt Berg. Da lässt sie Großstadt-Figuren lieber nach Ruhm, Geld und Sex suchen. Liebe und Leben finden nie statt. Beziehungen brechen immer schnell zusammen wie die Bretter eines Abholregales, wenn man die Schrauben herauszieht. Aber keiner ist allein, alle haben Ego. Das ist in ihren drei bisher erschienen Roman nicht anders als in ihren Kolummen und Reportagen, die sie für das Zeit-Magazin, Allegra oder den Stern schrieb. Darin dreht sich letztlich alles um den Hass auf die Welt im allgemeinen, auf die Dummheit der Menschen im besonderen und alle die, die so tun, als seien sie sehr glücklich.

Das kann nicht ohne Folge bleiben. An Sibylle Berg scheiden sich die Geister. Ein Beleg dafür findet sich in Bergs neuer Anthologie "Gold": "Stilistisch würde man ihr auch die Zwölfjährige abkaufen. In von keinerlei Weltkenntnis oder Reflexion getrübten elliptischen Sätzen hat sie eine Form von infantilem Realismus kultiviert", wird ein Kritiker rezitiert. Neben solch intellektueller Polemik enthält "Gold" aber vor allem eine Auswahl aus ihren Reportagen, Kolumnen, unveröffentlichten Texten, Gedichten und Leserbriefen, in denen heftige Zuneigung in Heiratsanträgen bekundet wird oder ihre Literatur als banal, misslungen und gar bedrohlich geschmäht wird.

"Gold" spiegelt somit gleichzeitig das literarische Schaffen Bergs und die Rezeption durch ihr Publikum. Geschickterweise sind Bergs Highlights abgedruckt, die jenseits des Zynismus ein hervorragende Beobachtungsgabe bekunden: Ihre kongeniale Reise-Reportage über Castrop-Rauxel, die mit der Beobachtung von weißen Pumps und schwarzen Feinstrumpfhosen im Raucherabteil der Deutschen Bundesbahn beginnt. Die Reportage über das Kosovo, für die sie vor zwei Jahren für den Egon-Erwin-Kisch-Preis nominiert wurde. Oder ihre Kolumnen für das Zeit-Magazin, in denen sie unerbittlich dem Idyll Schicht für Schicht den Lack abkratzt. Jede intakte Welt leuchtet sie so lange an, bis Muster und Gebrauchsanweisungen zum Vorschein kommen, die sie dann in Bergscher Manier präsentiert: Ohne narrative Schnörkel, oft rotzig und ohne jede Gefährdung des Erzähltempos. Ihre Halbsätze haben vor nichts Respekt. Und diese Sätze sind Widerhaken: Irgendwann sind es so viele, dass sich damit die Welt aus den Angeln heben lässt.

Sibylle Berg: "Gold"; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 272 Seiten; 24,90 Mark

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