Täglich bei SPIEGEL ONLINE: "Tödlicher Ch@t" von Thomas Tuma - DER SPIEGEL
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Täglich bei SPIEGEL ONLINE "Tödlicher Ch@t" von Thomas Tuma

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Teil 1: Die Innenwelt…


VI. Ein Fahnder

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Chi Mai (Ennio Morricone)

Schnecken oder Innereien? Benno Melander hat zur Mittagspause die Alternative. Das heißt: Er hat sie natürlich nicht. Die Innereien sind sein Job. Deshalb entscheidet er sich jetzt auch für die Schnecken. Seine dreijährige Tochter hat sie gemalt: mit krakeligem Schneckenhaus und Fühlern mit lustig-wachen Augen obendrauf und einem Lächeln darunter, das so unschuldig und rein war wie nichts sonst auf der Welt. Es sind mittlerweile drei Schnecken - in roter, grüner und blauer Filzstiftfarbe. Leonie hatte sie alle signiert mit geheimnisvollen Schriftzeichen, ihm immer mal wieder morgens in die Hand gedrückt und leise dazu gesagt: "Für dein Büro, Papa!" Jedes Mal lächelte Benno, nahm sie dann mit ernster Miene entgegen, drückte ihr einen Abschiedskuss auf die Wange und lief los.

Sie winkt ihm nach. Vom Balkon. Immer. Bennos Büro liegt direkt gegenüber des nagelneuen Apartmentblocks, wo er, Sabine und Leonie gerade erst eingezogen sind. Ihr gemeinsames Leben hatte in 32 Umzugskartons gepasst. Allein wären sie nie an so eine schöne Vier-Zimmer-Wohnung gekommen. Aber Bennos Vater kennt den Makler. Der Rasen ist noch so dünn, dass man die braune Erde durchschimmern sehen kann. Auf den anderen Balkonen versuchen karge Gummibäumchen, sich langsam an die neue Heimat zu gewöhnen.

Wenn Benno dann die Straße überquert hat, dreht er sich endgültig weg, auch wenn er weiß, dass Leonie dann noch durch das Stahlgitter zu ihm herunterstarrt. Er hört sie kreischen: "Tschüs Papi!" Er beschleunigt den Schritt, läuft über den kleinen provisorischen Parkplatz, winkt dem Pförtner mit seinem Ausweis entgegen, hastet über den alten Exerzierplatz und springt rechts die drei Stufen zu einem der alten Kasernengebäude hoch, die früher der US-Army gehörten und noch früher der Reichswehr oder der SS. Benno weiß es nicht so genau. Aber er beeilt sich jeden Morgen damit, seine Magnetkarte durch den Schlitz zu ziehen, am schwarzen Brett des Betriebsrats vorbei die Treppe hinaufzurennen, während hinter ihm die Tür wieder ins Schloss fällt, den Linoleum-Flur mit den grauen Spind-Kolonnen entlang zu rennen und die Tür seines Büros zu schließen. Hinter sich.

Nicht, dass er sich dann zu Hause fühlen würde. Der Raum sieht mit seinen hohen Decken, der billigen, faltenwerfenden rot-braunen Auslegeware und den alten Doppelfenstern, von denen der Lack blättert, noch immer aus, wie man sich ein Finanzamt, eine Zulassungsstelle oder eben eine Soldaten-Unterkunft vorstellt. Die vier Multimedia-PCs, der Farb-Laserdrucker und die Kabelknäuel am Boden machten nichts besser, nur ein wenig moderner. Und natürlich waren alle Versuche von Benno und seinen drei Kollegen, ein wenig Leben in die genormte Büro-Ausstattungs-Tristesse zu zaubern, von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Die Yucca-Palme auf dem Fensterbrett verhungert langsam, weil die anderen Kasernengebäude draußen kaum Sonnenlicht hier hereinlassen. Die Kaffeemaschine röchelt wie ein Todgeweihter im Endstadium, und Julia Roberts blickt traurig von ihrem "Die Akte"-Filmposter herab. Aus dem alten Kofferradio scheppert eine Filmmelodie, die Benno aus der Zeit kennt, als er noch regelmäßig ins Kino ging. Seine Kollegen haben die Kiste nicht ausgeschaltet, als sie essen gingen. Irgendwas mit Belmondo. Er kann sich nicht mehr an den Titel erinnern, nur daran, dass die Melodie irgendwie gar nicht zum Film passte. So wenig, wie die Schnecken seiner Tochter in diese Amtsstube.

Jedes Mal, wenn Benno von Leonie eine neue bekam, hängte er sie feierlich an die Pinnwand hinter seinem Schreibtischstuhl. Und wann immer es ging, sog er ihre bezaubernde Ruhe in sich auf. Das reine Rot. Das klare Grün. Das pure Blau. Das war um Welten besser als die rotzgelbe Kladde auf seinem Tisch mit dem Vernehmungsprotokoll, den Aktennotizen und den Fotos, die das LKA Düsseldorf ihm geschickt hatte. Aus welchem Stasi-Lager stammten eigenlich immer diese kartonierten Aktendeckel? Wie schafften es deutsche Behörden seit Jahrhunderten, das hässlichste aufzutreiben, was der Büroartikel-Markt zu bieten hat? Er warf bisher nur einen kurzen Blick in die Kladde und schloss sie dann schnell wieder.


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